1902-2021: Wie sich der Berliner ÖPNV entwickelt hat (U+S Bahn)

Spannende Animation, wann und wie in Berlin die U- und S-Bahnstrecken gebaut und teilsweise wieder zurückgebaut wurden während der Teilung der Stadt 1961-1989. Nach der Wiedervereinigung wurden die Netze dann wieder zusammengelegt.

Die Trams fehlen natürlich in dem Video: Im Osten wurde das Tramnetz in dieser Zeit weiterbetrieben, im Westen zurückgebaut. Wäre vielleicht eine Idee für das nächste Video?

Auf dem Youtube-Kanal von Metro Liner gibt es noch Animationen für viele andere Städte.

Drei Dimensionen technischer Reproduzierbarkeit

Seitdem ich Walter Benjamins Kunstwerk-Aufsatz im Studium gelesen hatte, war ich fasziniert davon. Sicherlich hat er auch mein Interesse für alles Kopierbare (mit-)befeuert und damit seinen Teil zu meiner Dissertation zum Sampling beigetragen.

Allerdings habe ich mich immer gefragt, ob Benjamins Grundidee von der technischen Reproduzierbarkeit nicht zu eng gefasst ist und erweitert werden könnte. Meine theoretische Idee der Ausdifferenzierung von drei Dimensionen technischer Reproduzierbarkeit will ich hier mal verbloggen, vielleicht regt es ja die Diskussion an.

Technische Reproduzierbarkeit in drei Dimensionen

Technische Reproduzierbarkeit meint in Anlehnung an Walter Benjamins einschlägigen medientheoretischen Text „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ die gesellschaftliche Verfügbarkeit von Technologien, mit denen sich Kopien von (im)materiellen Objekten herstellen lassen.

Benjamin hatte dabei etwa den Offsetdruck, die Fotografie, das Grammophon oder den Film im Sinn, als er in den 1930er Jahren seinen Text veröffentlichte – digitale Kopiertechnologien, Speichermedien oder das Internet waren für ihn freilich noch außer Sichtweite.

Sein Verständnis von Reproduzierbarkeit ist grundsätzlich plausibel, größtenteils aber eher implizit und lässt daher Raum zur Weiterentwicklung. Eine explizite qualitative Bestimmung verschiedener Dimensionen technischer Reproduzierbarkeit bleibt Benjamin schuldig.

Reproduktion als Repräsentation, Replikation und Referenz

Drei Dimensionen lassen sich meiner Wahrnehmung nach unterscheiden: Die Tiefe der Repräsentation (Abbildungstreue), Breite der Replikation (Vervielfältigungsgrad) und die Höhe der Schöpfung (Ausstattung mit Referentialität).

(1) Technische Reproduzierbarkeit meint zunächst Repräsentationstiefe und damit die Frage: Wie gut kann eine Fotografie, eine Zeichnung oder ein Video ein Objekt visuell abbilden? Wie gut können Klänge, Töne und Musik als auditive Daten eingefangen, auf einem Träger gespeichert und wiedergegeben werden, etwa ohne Klangverlust oder Störgeräusche?

Technische Reproduzierbarkeit operiert also auf der Ebene der Repräsentation und bezeichnet dabei, wie gut eine Kopie ihr Original wiedergibt. Der Grad der Repräsentationstiefe bemisst sich also an der Werktreue: Je tiefer die Repräsentation, desto originalgetreuer die Reproduktion. In der Darstellung ist diese Dimension mit der Lateralen markiert.

(2) Technische Reproduzierbarkeit bezieht sich zweitens auf die Replikationsbreite: Wenn eine Repräsentation eines Objekts in der Welt ist, wie schnell und breit können Replikationen davon produziert und verteilt werden? Digitale Kopien etwa sind dank der Verbreitung durch das Internet praktisch in Sekundenschnelle einmal um den Globus transferiert: Ohne Qualitätsverlust oder besonders hohe Kosten können digitale Kopien seriell vervielfältigt werden.

Die Replikationsbreite ist aber nicht nur im digitalen Raum relevant, sondern natürlich auch bei materiellen Trägern wie etwa CDs, Videokassetten oder Büchern zu finden. Die Darstellung sieht für diese Dimension die Horizontale vor.

(3) Technische Reproduzierbarkeit zeigt sich schließlich in dem, was juristisch als Schöpfungshöhe bezeichnet wird: Im Urheberrecht ist damit der Grad der Eigenständigkeit angesprochen, den ein ästhetisches Werk erreicht, das in Referenz zu einem anderen Werk entsteht, etwa durch variierende oder rekombinierende Verfahren wie beispielsweise Remix, Zitat, Montage oder Cut-up.

Je weiter sich ein referenzielles Werk von seinen originalen Vorlagen löst, desto mehr Schöpfungshöhe und Eigenständigkeit erreicht es. Die Schöpfungshöhe ist je nach Kunstgattung variabel, in jedem ästhetischen Genre gibt es Vorstellungen davon, was als eigenständige Kopie gilt und wie stark ausgeprägt Referenzen zu anderen Werken sein dürfen – oder müssen (noch eine Kopie oder schon ein Original?). In der Darstellung ist diese Dimension technischer Reproduzierbarkeit in der Vertikalen angesiedelt.

Drei Dimensionen technischer Reproduzierbarkeit, Georg Fischer, CC BY-4.0.

Abbildung: Drei Dimensionen technischer Reproduzierbarkeit, Georg Fischer, CC BY-4.0.

Entfernungen vom „Hier und Jetzt des Originals“

Wie in der Abbildung vorgeschlagen, lassen sich die drei Dimensionen technischer Reproduzierbarkeit räumlich darstellen. Das hat den Vorteil, historische Steigerungs- und Entwicklungsdynamiken technischer Reproduzierbarkeit sich bildlich vor Augen zu führen und einzelne Reproduktionsakte als Wandern durch den dreidimensionalen Raum zu verstehen.

Gemeinsam ist den drei Dimensionen technischer Reproduzierbarkeit, dass sie Bewegungen weg von dem „Hier und Jetzt des Originals“ (Benjamin, S. 12) bedeuten: Kopien entfernen sich in reproduzierter Form von ihrem Ursprung und können dadurch Eigenleben entwickeln.

Jeder historisch signifikante Schub technischer Reproduzierbarkeit – darunter etwa Buchdruck, Klangspeicherung oder digitale Vernetzung via Internet – bedeutet einen relativen Kontrollverlust für zeitlich und örtlich gebundene Originale, die sich als Kopien mehrdimensional verselbständigen können.

Das Urheberrecht reagiert auf solche Schübe technischer Reproduzierbarkeit, insofern sich regelmäßig Diskussionen um Fragen der Autorschaft, der Werkvergütung oder der Legalität von Kopien nach sich ziehen. Das bedeutet: Technische Reproduzierbarkeit ist nicht statisch, sondern historisch höchst dynamisch und zieht rechtliche (Re-)Konfigurationen nach sich.

Underground x Hochkultur? DJs vor neuen Kulissen, Institutionen mit neuen Publika

Was ich derzeit interessant finde: Wie die Pandemie mit dazu beigetragen hat, dass gestreamte DJ-Sets vor irgendwelchen beeindruckenden oder visuell interessanten Kulissen stattfinden – halt ohne Publikum, nur für den Heimgenuss.

Das könnte auch zu neuen oder stärkeren Allianzen zwischen dem „Underground“ und der „Hochkultur“ führen, wenn es dann nicht schon längst hat: Die DJs bringen das Publikum, die Institutionen den Hintergrund.

Ein paar Beispiele, die ich zuerst auf Twitter gesammelt habe, aber die hier auch gut aufgehoben sind. Vielleicht erweitere ich diese Liste auch bei Zeiten, es gibt sehr viel Material und ich will an dieser Stelle mal einen Notiz machen.

Djrum in der Tower Brigde: Vor dem Video erzählt er ein bisschen und stellt einen Vergleich zwischen dem architektonischen Kulturerbe und der Musikkultur her. Die Brücke wird dann im Verlauf des Videos von Innen beleuchtet, im Takt der Musik. Sieht ganz witzig aus, wie so ein Frequenz-Visual:

PanPot in der Berliner Staatsoper:

Und hier zwei Beispiele, die weg gehen von „Hochkultur“:

Charlotte DeWitte auf Rennstrecke: Die Formel 1 macht sich die publikumslose Zeit mit Charlotte de Witte zu Nutze und lässt einen Sportwagen an ihr vorbeisausen, der während ihres DJs-Sets seine Runden auf der Strecke zieht.

Deborah de Luca: Vele Di Scampia: Das geht schon mehr in Richtung community building. Die italienische DJ Deborah DeLuca legt in Vele Di Scampia, einem Vorort von Neapel auf, wo in den 1960er Jahren mehrere Wohntürme errichtet wurden, die so eine Art ikonischen Status erreicht haben. Die Stadt ist auch Kulisse für diverse Mafia-Filme.

Und die Berliner Philharmoniker suchen sich ebenfalls neue Publika, zum Beispiel die Flusspferde im Zoo:

Programm und Anmeldung: Symposium zu Verwertungsgesellschaften am 24.9.2021

Monopole im medienindustriellen Komplex? Verwertungsgesellschaften gestern, heute, morgen: So lautet der Titel eines Online-Symposiums, das am Freitag, 24. September 2021, ab 13 Uhr stattfindet.

Organisiert wird die Veranstaltung von Georg Fischer, Malte Zill und Stephan Klingner in Zusammenarbeit mit der GMM. Das Symposium schließt an den Workshop im März 2021 an.

Weitere Informationen zum Programm und Anmeldemöglichkeit:

Monopole im medienindustriellen Komplex? Verwertungsgesellschaften gestern, heute, morgen

Online-Symposium, Freitag, 24. September 2021

Verwertungsgesellschaften – wie GEMA, VG Wort oder VG Bild-Kunst – sind einflussreiche Interessensvertreterinnen und als Verteilerinnen von Ressourcen von zentraler Bedeutung für Kreative in Musik, Film, Wissenschaft, Literatur, Kunst oder Fotografie. Obwohl die Bedeutung und die Tätigkeitsbereiche von Verwertungsgesellschaften stetig gewachsen sind – und nicht zuletzt durch die jüngst in Deutschland umgesetzte europäische Urheberrechtsreform vermutlich wachsen wird – stellen Studien zu Organisationsformen, Wandel und Effekten von Verwertungsgesellschaften weiterhin ein Desiderat dar. Das Symposium „Monopole im medienindustriellen Komplex? Verwertungsgesellschaften gestern, heute, morgen“ nimmt sich dieser Forschungslücke aus interdisziplinärer Perspektive an.

Zu Beginn der Veranstaltung wird die Historikerin Monika Dommann (Universität Zürich) ihre 2014 veröffentlichte Habilitationsschrift Autoren und Apparate. Eine Geschichte des Copyrights im Medienwandel zur Diskussion stellen. In diesem Buch beschreibt Dommann die andauernden Konflikte um den Schutz geistigen Eigentums durch die Etablierung technischer Innovationen und erkennt dabei erstmals auch die Verwertungsgesellschaften als wesentliche Interessensvertreterinnen und damit als Konfliktpartei in den Auseinandersetzungen. Die 2019 in englischer Übersetzung erschienene Studie kann damit durchaus als Initialzündung der Verwertungsgesellschaftsforschung angesehen werden.

Im zweiten Teil der Veranstaltung werden weitere Perspektiven auf Verwertungsgesellschaften präsentiert: Christine Fischer (unabhängige Forscherin, Basel) wird den Zusammenhang des Urheberrechts und die Entstehung der ersten Verwertungsgesellschaften mit Zensur- und Genderfragen in Paris in der Mitte des 19. Jahrhunderts beleuchten. Sabine Richly (Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf) wird die gegenwärtigen Herausforderungen der Verwertungsgesellschaften durch die Digitalisierung und mögliche Antworten der Gesellschaften im Bild/Ton-Bereich thematisieren.

Die interdisziplinäre Tagung „Monopole im medienindustriellen Komplex? Verwertungsgesellschaften gestern, heute, morgen“ ist die Fortsetzung eines zweitägigen Online-Workshops, der im März 2021 durchgeführt wurde. Dort wurden bereits übergreifende Thesen zu Verwertungsgesellschaften sowie spezifische Fälle und Studien einzelner Verwertungsgesellschaften diskutiert. Die Ergebnisse werden Anfang 2022 in einer gemeinsamen Publikation veröffentlicht.

Die Veranstaltung wird online durchgeführt. Interessierte sämtlicher Fachrichtungen sind ausdrücklich zur Teilnahme eingeladen. Die Veranstaltung ist kostenfrei, wir bitten jedoch um eine kurze Anmeldung unter vg.forschung@gmail.com.

Programm:

13:00 – 13:15    Begrüßung Malte Zill / Georg Fischer / Stephan Klingner

13:15 – 14:15    Monika Dommann (Universität Zürich) im Gespräch mit Robert Bernsee (Universität Göttingen) über ‚Autoren und Apparate‘

– Pause –

14:30 – 15:15    Christine Fischer (unabhängige Forscherin, Basel): Doing gender und doing genius? Musikzensur und -urheberrecht zur Mitte des 19. Jahrhunderts in Paris

15:15 – 16:00    Sabine Richly (Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf): Digitale Transformation der Text-/Bild-Verwertungsgesellschaften. Die Entwicklung eines angepassten Reifegradmodells

– Pause –

16:30 – 17:00    Planung eines Netzwerks Verwertungsgesellschaftsforschung und Abschlussdiskussion

Einzigartig kaputte Kunst aus dem Automaten

Das Volkskundemuseum in Wien hat einen interessanten Kunstautomaten in ihrer aktuellen Ausstellung „Dust and Data“, der aus gleichförmigen Kopien unikate (unikative?) Originale macht – mit einer Geste des Kaufens und Kaputtmachens:

Dust and Data hat ein Automaten geschaffen, der aus Kopien Originale macht. Die Nutzer*innen des Automaten wählen eine Kopie und geben ihr damit einen spezifischen Wert. Durch den Sturz der Skulptur in das Ausgabefach, wo sie zerbricht, verwandelt sich die Kopie endgültig zu einem Original mit individuellen Bruchstellen und einer einzigartigen Menge an Bruchstücken.

Ganz pfiffig, finde ich. Bei Instagram kann man sich ein kurzes Video samt Beschreibung anschauen:

Wer sich die Ausstellung persönlich ansehen möchte, sie läuft noch bis Ende August. Wenn ich das richtig sehe, braucht’s für den Automaten ein 1-Euro-Stück.

[via]