Fresh from the Press: „Sampling in der Musikproduktion“ (Büchner-Verlag 2020)

Hervorgehoben

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Vor kurzem ist meine Studie, die ich zwischen 2015 und 2018 am Graduiertenkolleg „Innovationsgesellschaft“ am Institut für Soziologie der TU Berlin durchgeführt habe, erschienen: und zwar beim Büchner Verlag als klassisches Buch sowie als frei verfügbares Open Access-PDF. Das Vorwort hat freundlicherweise Leonhard Dobusch beigesteuert, worüber ich mich sehr freue.

Wer eine kurze Einführung in meine Arbeit bzw. eine Zuspitzung einer Thesen aus der Studie lesen will: Bei iRights.info gibt es einen entsprechender Artikel zum Thema. Für die ausführliche Fassung empfehle ich das Buch.

Sampling in der Musikproduktion

Das Spannungsfeld zwischen Urheberrecht und Kreativität

384 Seiten, 14,5 x 20,5 cm, kartoniert
ISBN 978-3-96317-190-1 (Print)
34,00 € (Print)
ISBN 978-3-96317-721-7 (ePDF)
27,00 € (ePDF)Büchner-Verlag, Marburg, erschienen am 22. Januar 2020.
Mit einem Vorwort von Leonhard Dobusch

20 Jahre Streit um eineinhalb Sekunden kopierte Musik? Die Auseinandersetzung im Fall »Metall auf Metall« zwischen der Musikgruppe Kraftwerk und dem Komponisten Moses Pelham beschäftigte 2019 sogar den Europäischen Gerichtshof. Sie zeigt, dass das Urheberrecht zu einem gesellschaftlichen Streitthema geworden ist, das sich aus der Nische des künstlerischen Bereichs in den Alltag nahezu aller Menschen gedrängt hat. Dieser Prozess lief nicht unbemerkt von der Wissenschaft ab und dennoch ist diese gerade erst dabei, die Implikationen und Effekte dieser urheberrechtlichen Ausdehnung genauer zu verstehen.

Der Soziologe Georg Fischer liefert die erste empirische Studie zum Sampling in der Musik, die explizit den Einfluss des deutschen Urheberrechts auf die kreative Praxis untersucht. Er zeigt die Fülle und Vielfalt an kreativen Umgehungsstrategien, die sich im Schatten des Urheberrechts ausgebreitet und verankert haben – und mit denen die Künstler_innen die eigene Sichtbarkeit sowie die ästhetische Komplexität und monetäre Verwertung ihrer Werke notgedrungen einschränken.

Wax Poetics Volume 2 – Crowd Funding

Die Digging-Zeitschrift „Wax Poetics“ ist vor ein paar Jahren in der Versenkung verschwunden. Doch ein Comeback ist in Vorbereitung. Auf ihrer Kickstarter-Page wirbt die Zeitschrift nun für ein Modell mit Mitgliedschaft und jährlichem Beitrag:

Sadly, in 2016 Wax Poetics joined the long list of music publications no longer released on news-stands, continuing only as a print on demand title releasing occasional issues.  Now, in a time where quality music journalism is being further diluted, the world needs a return to real music writing and discovery.  So next year, under new ownership but still working with the original founders and editorial team, Wax Poetics is reshaping and relaunching. To keep inspiring generations of music lovers. To keep them discovering music and the stories behind it.

Wenn ich das richtig sehe, ist das Projekt bereits finanziert. Mitglied werden kann man sicherlich aber trotzdem noch, the more the merrier. Wer sich für das Konzept interessiert, hier gibt’s auch ein nettes Imagefilmchen dazu:

In the Mix: Shik1 – DJ Shadow & UNKLE Megamix

Spitzen Breakbeat-Mix von Shik1 aus Manchester, der vor einigen Jahren schon im Netz zu finden und dann wieder verschwunden war. Der Youtube-Algorithmus hat mir den Re-Up in den Feed gespült und so kann ich ihn heute verbloggen.

Die in der Playlist rot eingefärbten, durchgestrichenes Tracks sind nicht zu hören (möglicherweise aus urheberrechtlichen Gründen) – deswegen gibt es zwischen 6:20 und 9:20 min eine kleine Pause sowie zwischen 1:38:00 und und 1:43:40.

Spannend ist, wie Shik1 die Übergänge zwischen dem langsamen, triphoppigen Teil am Anfang und den elektronischen Upbeats danach schafft. Überhaupt sind da einige tolle Übergänge drin.

Tracks/samples:

DJ SHADOW – “Midnight In A Perfect World”
UNKLE – “Drums of Death (instrumental)”
BOWIE-PLACEBO – “Without You I’m Nothing (DJ Shadow Remix)”
JURASSIC 5, DJ SHADOW – “Number Song (Cut Chemist mix)”
ZACH DE LA ROCHA, DJ SHADOW – “March of Death”
FREESTYLERS – “Punks (Krafty Kuts mix)”
DJ SHADOW – “Giving Up The Ghost”
UNKLE – “Unreal”
ERIC B & RAKIM – “Don’t Sweat The Technique”
CHAD JACKSON – “Hear The Drummer Get Wicked”
ERIC B & RAKIM – “Juice (Know the Ledge)”
DJ SHADOW – “High Noon”
EDWIN COLLINS – “Downer (James Lavelle mix)”
UNKLE – “Slam (Album mix)”
UNKLE – “UNKLE (VIP mix)”
SOUTH – “Dolphins Were Junkies (short excerpt)”
DJ SHADOW – “GDMFSOB”
IAN BROWN VS UNKLE – “F.E.A.R. (instrumental)”
STINA NORDENSTAM VS UNKLE – “People Are Strange”
SOUTH – “Dolphins Were Junkies”
UNKLE – “Ape Shall Never Kill Ape”
UNKLE VS SOUTH – “Paint the silence”
SLAM VS UNKLE – “Narco Tourist”
CAN VS UNKLE – “Vitamin C”
LIQUID LIQUID VS PSYCHONAUTS – “Scraper”
UNKLE & SOUTH – “Paranoid”
UNKLE VS UNDERDOG – “Be There (Underdog Instrumental)”
STEREO MCS VS AUTOMATOR – “We Belong In This World Together”
MR CHILDREN VS UNKLE – “Nishi E Nigashi E West”
UNKLE – “Rabbit In Your Headlights (Variation)”
BECK VS UNKLE – “Where Its At”
VERVE VS UNKLE – “Bittersweet Symphony”
QUEENS OF THE STONE AGE VS UNKLE – “No One Knows (UNKLE Reconstruction)”

Nasse Fische im Internet: Mysteriöser Post-Punk, Roter Ford Taunus

„Das Internet vergisst nicht“ ist ein oft zitierter Satz, der auf die allermeisten digitalen Objekte im Netz zutreffen mag – sofern sie nicht absichtlich entfernt und aussortiert werden, wie beispielsweise beim Techno Viking oder bei Bettina Wulf.

Damit das Internet nicht vergessen kann, muss es aber erst einmal wissen, um in der Metapher zu bleiben. Damit meine ich, dass das Internet auf nicht digitalisierte, nicht indizierte oder anderweitig nicht detektierbare Objekte nicht zugreifen kann.

Im Umkehrschluss heißt das: Nicht alles kann gefunden, aufgespürt, rekonstruiert werden, wenn bestimmte Personen, Organisationen oder Informationen mit Schlüsselfunktion ihr Wissen nicht zur Verfügung stellen – aus welchen Gründen auch immer.

Nasse Fische im Internet – Zwei Netz-Fundstücke zu digitalen Suchaktionen

Ich will das Problem an zwei „nassen Fischen“ demonstrieren, die ich beide seit einiger Zeit verfolge. Im Roman von Volker Kutscher mit dem gleichen Titel, der sich mit Verbrechen im Berlin der 1930er Jahre beschäftigt, sind „nasse Fische“ ungelöste Fälle, die als Akten im Schrank hängen und ohne Schlüsselinformationen nicht mehr weiter bearbeitet und aufgeklärt werden (können). Eingeführt wurde die Formulierung vom historischen Polizeikommissar Ernst Gennat, wegen seiner Körperfülle von Zeitgenossen mitunter als „Der volle Ernst“ bezeichnet.

Nasse Fische im Internet sind für mich Rätsel, die auch unter kollaborativer Beteiligung und digitaler Anstrengung von vielen Menschen, die Hinweise zusammentragen und Fakten prüfen, gar nicht oder nicht restlos aufgeklärt werden können.

Das ist faszinierend auf der einen Seite, weil es mich daran erinnert, dass sich manches Wissen nicht innerhalb von Sekunden sowie mit Unterstützung von Suchvorschlägen finden lässt. Und es fasziniert mich andererseits, weil die digitalen Werkzeuge und Mechanismen der Detektion inhärente Grenzen haben, wenn ihnen die notwendigen maschinenlesbaren Informationen zum Abgleich fehlen.

Fisch Nr. 1 ist ein Pop-Song aus den 1980er Jahren, dessen Ursprung nicht geklärt werden kann; Fisch Nr 2. ein Roter Ford aus den 1960er Jahren, der auf vielen Postkarten aus dieser Zeit auftaucht und zu dem ebenfalls seit Jahren Suche im Gang ist.

Fisch Nr. 1: „The Most Mysterious Song on the Internet“

In der englischsprachigen Wikipedia beginnt der Eintrag zu dem gesuchten Song folgendermaßen:

„The Most Mysterious Song on the Internet“ (also known as „Like the Wind“, „Blind the Wind“, „Check It In, Check It Out“ or „Take It In, Take It Out“ after verses in some fan-made lyrics) is the nickname given to a new wave song, most likely composed in the 1980s, whose origin, author, name, and original record date are unknown.

Der Einstieg zeigt schon, wie wenig man weiß, aber wieviele verschiedene Bezeichnungen das gesuchte Objekt bereits erhalten hat; die meisten davon sind Ausschnitte aus dem Song-Text. Vermutlich ist der korrekte Titel „Blind the Wind“, zumindest legt das die Tracklist nahe, die bei der Kassette mit der mitgeschnittenen Radiosendung dabei war.

Das Stück wurde vermutlich Mitte der 1980er Jahre im NDR in einer Sendung gesendet; eingespielt und aufgenommen wurde der Song von einer unbekannten Band.

Ende Juni 2019 tauchte die Aufnahme bei Reddit auf und die Suche wurde ausgeweitet, immer mehr Leute machten mit, das Ganze ging viral, journalistische Medien sprangen auf und berichteten, wodurch wieder neue Leute anfingen zu kommentieren… und so weiter und so fort.

Der Song an sich hat meiner Meinung nach sogar ein gewisses Ohrwurm-Potential, aber ist sicher auch nicht spektakulär. Das tut der Suche natürlich keinen Abbruch, vermutlich ist gerade das Typische des Songs der ästhetisch interessante Aspekt, weil dutzende andere Bands in dieser Phase ähnliche Songs schrieben.

Die digitale Detektion via Shazam und Konsorten kommt bei „Blind the Wind“ an ihre Grenzen, denn eine digitalisierte Version existierte bis zur Ausweitung der Suchzone durch Reddit und den Upload auf Youtube offenbar nicht. Es gab also kein „Original“, mit dem der Song digital hätte abgeglichen werden können.

Auch die Suche bei den Verwertungsgesellschaften führte bis dato zu keinem verwertbaren Ergebnis, was viele Gründe haben kann. Das Lied wurde möglicherweise gar nicht registriert oder unter einem anderen, aktuell unauffindbaren Titel; da Interpret*innen und/oder Komponist*innen unklar sind, lassen sich diese auch nicht für Suchbegriffe benutzen.

Es ist zudem ungeklärt, ob die Band noch andere Titel aufgenommen hat oder ob das Stück tatsächlich eine „Eintagsfliege“ war, die vielleicht auf einem Demo-Tape zum NDR gelangte und deren Schöpfer*innen nicht weiter archiviert wurden.

Ich habe den Fall nicht komplett zusammengefasst, es gibt noch deutlich mehr Spuren. Lesenswert ist auch dieser Blogeintrag, in dem die Suche nach dem Song vor Reddit beschrieben ist – lesenswert, weil er zeigt, welche multiplikatorischen Effekte das Forum dann bewirkte.

Insgesamt sind es aber nach wie vor viele, viele Fragezeichen und die Suchbemühungen von vielen Menschen brachten letztendlich keine verwertbaren Ergebnisse, die die Ausgangsfrage beantworten könnten.

Dass sich aber so viele Menschen an einer solchen Suche beteiligen und ihre Ressourcen dafür aktivieren, ist bemerkenswert. Es erinnert mich an die Suche nach dem verschollenen Flugzeug MHD370, an der verschiedene militärische und zivile Organisationen sowie Regierungen zu Wasser, zu Land und zu Luft kooperiert hatten. Die Soziologin Karin Knorr-Cetina bezeichnet die Flugzeug-Suche daher auch als professionelle, distribuierte „Wissenskultur“, was ich sehr passend finde. Der Gedanke ließe sich ausweiten und auf digitale Umgebungen anwenden, denn das Internet ermöglicht eine solche distribuierte Wissenskultur auch für nicht-professionelle Menschen.

Fisch Nr. 2: Der rote Ford Taunus

Der zweite Fall geht in eine andere Richtung, insofern hier nicht ein einziges Musikstück zur Verfügung steht, aus dem sich Informationen ableiten lassen. Sondern es existieren mehrere Aufnahmen des gesuchten Objekts: Ein roter Ford Taunus, der in den 1960er Jahren auf verschiedenen Postkarten auftaucht.

Dem autobegeisterten Sammler Andreas Möller ist aufgefallen, dass auf zahlreichen Postkarten mit Stadtansichten ein- und derselbe rote Ford abgebildet ist (erkennbar am Hamburger Nummernschild) – und zwar immer so geschmackvoll in Stellung gebracht, dass das Auto den Stadtansichten einen visuellen Akzent, „das gewisse Etwas“ verleiht.

Die Vermutung liegt nahe, dass der Wagen also nicht zufällig auf den Bildern erscheint, sondern bewusst in Szene gesetzt und als „Easter Egg“ in die Motive geschmuggelt wurde. Höchstwahrscheinlich von derjenigen Person, die die Aufnahmen gemacht hat und mit dem Wagen von Stadt zu Stadt gereist ist.

Auf diese Weise wird der abgebildete Wagen selbst zu einem Akteur, der durch die Kontexte wandelt und die Orte besucht, gleichzeitig aber auch zu einer Signatur, vielleicht sogar zu einem Stilmittel der fotografierenden Person.

Der einestages-Artikel stammt aus dem Jahr 2013, aber Andreas Möller bestätigt mir am Telefon im September 2020, dass er immer noch auf der Suche nach dem Fotografen oder der Fotografin ist. Bisherige Suchaktionen, etwa die Anfrage beim Hamburger KFZ-Amt zur Überprüfung des gut lesbaren Kennzeichens, führten nicht weiter – in diesem Fall, weil die Behörde die Unterlagen bereits vernichtet hatte.

Die Aufnahmen zeigen Ortschaften in Belgien, Niederlande und Westdeutschland und stammen aus den späten 1960er Jahren. Das bedeutet, die Person, die die Fotos aufgenommen hat und die mutmaßliche Besitzer*in des Wagens war, dürfte heute zwischen 80 und 110 Jahren alt sein.

Mit freundlicher Genehmigung veröffentliche ich die Scans der Postkarten von Herrn Möller auf diesem Blog. Auch beim Spiegel sind alle 21 zu finden, inklusive einiger Erläuterungen.

Bei den Bilder-Rückwärtssuchen von Google und TinEye habe ich es schon versucht – ohne Erfolg, da keine digitalen Entsprechungen der Kalender oder Postkarten existieren oder zumindest im Netz nicht abrufbar sind. Der nächste Schritt wäre wohl, die Bilder auf Reddit zu posten 😉

Grenzen der digitalen Detektierbarkeit: Wenn persönliches Wissen erforderlich wird

Die beiden Fälle zeigen die Grenzen der digitalen Detektierbarkeit auf, wenn keine digitalen Entsprechungen der Suchvorlagen vorhanden sind oder aus anderen Gründen nicht bemüht werden können.

Für mich bedeutet das: Nachdem nun schon so lange und so intensiv erfolglos nach den Ursprüngen der beiden Suchobjekte gefahndet wird, so viele Menschen also schon ihre Wahrnehmung auf die Erkennung gerichtet haben, halte ich es für sehr unwahrscheinlich, dass von einer unbeteiligten Stelle die entscheidenden Hinweise eingehen werden.

Wahrscheinlicher ist es meiner Meinung nach, dass persönlich verbundene Menschen, also Kinder, Enkel oder Bekannte der Band bzw. der unbekannten Fotograf*in auf die Suchvorgänge aufmerksam werden. Im Bereich des Samplings sind es in vielen Fällen die Nachkommen, die gesampelte Stücke ihrer Vorfahren erkennen, wie zum Beispiel beim Originalsample von „Die da“ von den Fantastischen Vier (S. 278 in meinem Sampling-Buch).

So eine Art der Auflösung durch das persönliche Wissen der Nachkommen kann ich mir auch in den beiden oben skizzierten Fällen vorstellen – wenigstens solange, wie sich der Bestand der abgleichbaren digitalen Dokumente nicht signfikant ändert.

Felix Stalder schreibt in seinem Buch „Kultur der Digitalität“ (hier auf S. 105), es sei „abzusehen, dass bald so gut wie alle Texte, Bilder oder Töne in digitaler Form vorliegen werden“. Der Umfang der digitalen Dateien vergrößert sich in der Tat täglich in rasanter Form, aber ich bezweifle, dass alle historischen Dokumente jemals digital vorliegen werden, insbesondere aus dem privaten Bereich. Gerade zwischen Hobby und professionell erstellten Inhalten scheint es eine Schwelle zu geben, die sich nur durch die Aktivierung des Publikums, wie mit Internetforen, überwinden lässt.

Zehn Jahre „Jäger und Sampler“-Blog / Zehn mal Remixkultur

Im Juni 2010 bin ich mit dem Blog „Jäger und Sampler“ online gegangen. In diesen zehn Jahren ist viel passiert. Viel viel. Ich will hier nicht mit Rückblicken langweilen (auch mich selber nicht), daher beschränke ich mich darauf, zehn interessante Beiträge aus der großen weiten Welt der musikalischen Remixes zu posten und mit ein paar Kommentaren einzuordnen, was sie bedeuten. Damit meine ich: für was sie im Bereich des Remixens stehen, zum Beispiel für welche Subgenres oder Techniken. Die Reihenfolge spiegelt freilich keine Wertung wider, zeigt vielleicht eher die Genese und Vielfalt der Remixkultur in der Musik. Los geht’s!

01/10 Das klassische Mashup

Das klassische Mashup wirft (mindestens) zwei Musikstücke zusammen, die genrehaft/stilistisch eigentlich nicht nahe beinander liegen, aber in der Zusammenführung doch gut zusammen passen, im besten Falle einen irritierenden Effekt oder ähnliches hervorrufen. Der Musik- und Rechtswissenschaftler Frédéric Döhl nennt das Prinzip „maximale Transformation bei minimaler Manipulation“ und ich finde, das trifft das Phänomen sehr gut. Ein sehr gutes Beispiel und oft zitiertes Beispiel für das klassische Mashup ist das 2002 erschienene „A Stroke of Genius“ (übersetzt: „Ein Geniestreich“), in dem die Rockband The Strokes mir Christina Aguilera gekoppelt werden: Schneller, rauer Gitarrenrock trifft auf langsames Liebeslied. Klingt komisch? Klingt auch komisch. Aber irgendwie auch sehr gut.

Gleiches Prinzip, anderes Beispiel: DMX vs. Tears for Fears:

02/10 Mashup – mit besonders ähnlichen Quellen

Vom DJing weiß ich, dass manche Übergänge besonders dann gut werden, wenn die vermixten Tracks sich strukturell sehr ähnlich sind, gleicher Stil, gleiches Genre, gleiches Tempo, usw. So auch hier, im ultimativen TripHop-Mashup:

03/10 Das fortgeschrittene Mashup. Oder auch: Remix eines Mashups, das auf Samples basiert

Das fortgeschrittene Mashup ist etwas komplizierter in seiner Herstellung, das zeigt dieses Beispiel sehr gut: „Love Story“ ist ursprünglich ein Track von Layo & Bushwacka, das ein markantes Nina Simone-Sample und eine mindestens genauso charakteristische Bassline von Devo sampelt. Das Stück wurde dann von Tim Deluxe auftragsweise remixed; in einer zweiten Remix-Version legte Tim Deluxe zusätzlich noch das Acapella von „Tomorrow“ darüber. Das funktionierte schon recht gut, aber Bushwacka machte dann trotzdem nochmal eine eigene Version von dem sample-basierten Remix-Mashup, vermutlich auch um sie richtig zu lizenzieren. Diese Version wurde ein Riesenhit in Großbritannien.

04/10 Mashups mit vielen Quellen, aber niedriger Referentialität

Das Prinzip des fortgeschrittenen Mashups lässt sich natürlich noch viel weiter ausdehnen und vertiefen: Mehr Quellen benutzen (so wie dieser Klassiker von Osymyso mit 101 Intros), aber diese kürzer und rhythmischer einsetzen, so dass sie nicht als eindeutige Zitate, sondern eher als Anspielungen mit neuer Funktion erkennbar werden. Diesen Ansatz veranschaulicht auch das Beispiel „Pop Culture“ von Madeon, der dutzende Samples im Daft Punk-Stil kunstvoll miteinander verschraubt. Eine chronologische Auflistung der benutzten Samples und damit auch ein Hinweis auf die viele Arbeit, die das Stück erforderte, findet sich in diesem hervorgehobenen Kommentar.

05/10 Kompositorische Mashups

Zugegeben: Mir fällt gerade nur ein Beispiel für kompositorische Mashups ein, nämlich das unten verlinkte. Gibt es noch mehr? Dann gerne in die Kommentare damit. Der Gedanke des Mashups wird hier auf klassische Klaviermusik übertragen; es geht also nicht primär um die Aufnahme einer Pop-Komposition, sondern mehr um die Komposition an sich, die mit anderen Kompositionen vermengt wird.

06/10 Popmusik auf klassischen Instrumenten gespielt (8-Track-Video)

So weit, so gut. Man kann das aber natürlich noch weiter drehen. Was passiert, wenn man eine Komposition, die eigentlich für den Popbereich fabriziert wurde, auf klassische Instrumente überträgt? Auch dann entsteht ein interessant-irritierender Effekt. In diesem Fall das „Knight Rider“-Theme am Cello. Die zweite Besonderheit hier: Die Aufnahme ist gespielt von einer einzigen Person – der tollen Samara Ginsberg, die das Prinzip noch auf weitere Stück anwendet -, die das Stück in acht Spuren zerlegt, diese nacheinander aufgenommen und dann im Video zusammengeschnitten hat. Erinnert einerseits an Selbstaufnahmen mit vier oder acht Spuren, spielt aber andererseits auch mit der Gleichzeitigkeit durch die Videoaufnahmekopien – eine Idee, die in 07/10 gleich wichtig werden wird.

07/10 Zeitverzögerte Loops als stilistisches Merkmal benutzen

Mir gehen langsam die Bezeichnungen aus… Aber gut, wie dem auch sei. In 06/10 wird eine technische Unzulänglichkeit zu einem ästhetischen Merkmal aufgewertet. Das ist ein Prinzip, das in der Kunst und Popkultur öfter mal angwendet wird. Die Band The Academic nutzt die Zeitverzögerung von etwa zehn Sekunden bei Facebook-Livestreams und loopt sich auf diese Weise selber in der Video- und Audiospur. Das Prinzip lässt sich ohne Anschauungsmaterial nicht gut erklären, aber in diesem Video wird es mit den verschiedenfarbigen Layern toll dargestellt:

08/10 Selbst-Looping

Loopen geht natürlich nicht nur mit musikalischen Ausschnitten, sondern auch mit Geräuschen und selbst aufgenommenen Rhythmen.

09/10 Dur-Moll-Spielereien

Keine Form von Remixing im engeren Sinne, aber mit verstörenden Effekten. Von Moll und Dur wechseln oder andersherum. Dann klingt Nirvana auf einmal wie Weezer und Pharell gar nicht mehr so happy, sondern traurig.

10/10 Sound-a-like

Gerne in der Werbung eingesetzt, wenn Lizenzierungen misslingen oder auch gar nicht erst angestrebt werden: das Sound-a-Like. Man versucht so zu klingen, wie ein bestimmtes Vorbild, aber eben nicht als perfekte Kopie, sondern nur in Anlehnung. So zum Beispiel das hier:

Noch eine Ecke weitergetrieben wird das Sound-a-Like in meinem letzten Beispiel: Nämlich wenn mit den Samples aus anderen Stücken ein bestimmtes Stück nachgespielt wird. In diesem Falle „Golden Brown“ von den Stranglers nachgespielt mit den Samples aus „Take five“ von Dave Brubeck – der 5/4-Takt musste dafür natürlich gerade gemacht werden:

Mal sehen, was in den nächsten zehn Jahren Remixkultur passiert – vielleicht kommt 2030 dann ein Post mit den besten zehn Originalen 😉

Workshop: Podcasts, Lizenzierung und Verwertungsgesellschaften (Pop-Kultur-Festival, 26.8.20)

Pop-Kultur-Festival 2020, Nachwuchs-Workshop Symbolbild

Nächste Woche gebe ich im Rahmen des diesjährigen Pop-Kultur-Festivals einen Workshop zum Thema: „Was haben Podcasts mit Lizenzierung und Verwertungsgesellschaften zu tun?“ – selbstverständlich online. 😉

Aus der Ankündigung (S. 32 im Programm):

Im Internet gibt es viele Möglichkeiten, sich kreativ auszudrücken und Arbeiten mit anderen zu teilen, zum Beispiel Podcasts und Blogs oder Fotos und Streams auf Plattformen wie etwa Youtube, Instagram oder TikTok. Doch es gibt auch Fallstricke, viele davon haben mit dem Urheberrecht zu tun: Oftmals sind die Grenzen zwischen Veröffentlichung, Verwertung und Verletzung von Rechten Dritter fließend. Im Workshop stellt Georg Fischer die wichtigsten Konzepte des Urheberrechts wie Werk, Urheber*in oder Schöpfungshöhe vor. Danach zeigt Georg Fischer am Beispiel Podcasts, wie Lizenzierung funktioniert und was Verwertungsgesellschaften damit zu tun haben.

Wer sich für das Thema interessiert, findet bei iRights.info einen aktuellen Artikel von mir dazu.