In the Mix: Harvey Sutherland – Clubberia Podcast

Harvey Sutherland

Der Australier Harvey Sutherland, der so fluffig-lockere Housebeats wie „Bamboo“ produziert hat, mischt sich hier in einem Podcast für die japanische Plattform clubberia.com durch eine wilde Melange aus Funk, Disco, Krautrock und jazzigem Zeug. Manchmal bisschen schräg und kopflastig, aber immer sehr groovend. Ich mag seinen Style und seinen Geschmack.

Technics SL-1200 Mod spielt digitale Dateien

Ein findiger Russe hat einen Technics SL-1200 Plattenspieler so umgebaut, dass er damit digitale Dateien abspielen und scratchen kann. Ähnlich wie mit einem Serato System, nur eben ohne externes Interface. Die Knöpfe für 33 und 45 Umdrehungen hat er neu programmiert, z. B. um Dateien zu browsen oder Samples zu loopen:

“Handmade Digital Vinyl System (DVS), built-in [to a] vinyl turntable Technics SL-1200. [It is like] an analog Serato or Traktor Scratch, but is completely autonomous. The computer and the sound card is not necessary. To work [you only need] 2 turntables and mixer. Content is stored on a micro SD cards in the players. It is possible to install two hot cues for each track with automatic saving on the SD card, installing realtime loops.”

[via djtechtools.com]

Vinyl: Boom oder „Böömchen“? – Diskussionsveranstaltung vom Deutschlandfunk zum Record Store Day

Diggin in the Crates Sydney

Heute ist Record Store Day, eine Veranstaltung, die von den kleinen Plattenläden vor einigen Jahren ins Leben gerufen wurde, um die Leute verstärkt zum Platten shoppen zu animieren. Seit einigen Jahren wird es aber etwas zwiespältig. Denn es gibt seitens der kleinen Indielabels und Plattenläden vermehrt die Kritik, dass die Majorlabels mit ihren Aufträgen die Presswerke verstopfen – und die Indies damit nicht mehr zum Zug kommen. Oye Records aus Berlin haben daher dem RSD daher schon abgeschworen.

Es ist dabei eine Kritik, gegen die sich meiner Meinung nach die Pressesprecher und Vertreter der Majors nie wirklich stichhaltig behaupten können. Zumindest habe ich noch keine Antwort seitens der Majors gehört, die überzeugend wäre. Das typische Antwortschema ist in der Regel:

  • die Trennung zwischen Major und Indie sei schon seit langer Zeit hinfällig und das Gegeneinander-Ausspielen wirke dementsprechend lächerlich [Abwertung der Frage/des Vorwurfs]
  • die Majors verstopfen nicht durch ihre Marktmacht die Presswerke, sondern entsprächen nur der Nachfrage der Kunden; ihre umfangreichen Aufträge seien dementsprechend Markt- und nicht Angebotgetrieben, eine Marktmacht werde daher nicht missbraucht [Externalisierung der Schuld I]
  • optional: die Presswerke sollen die Zeichen der Zeit endlich erkennen und sich neue Maschinen anschaffen [Externalisierung der Schuld II – verschärft und verhöhnend]

Schade, dass diese doch ziemlich simple und leicht zu durchschauende Argumentationslinie nie wirklich durchstoßen oder zumindest angekratzt wird. Als Beispiele führe ich mal die Doku „Vinyl lebt“ vom ZDF an und die aktuelle Diskussionsveranstaltung „Die Folgen des Vinylhypes“, die letzte Woche im DLF lief und jetzt als Podcast zur Verfügung steht. Mit dabei: Hans Nieswandt, DJ und künstl. Geschäftsführer am Institut für Populäre Musik, Jan Köpke, Koordinator des „Record Store Day“ in Deutschland und Label-Chef von Popup Records, und Thomas P. Heckmann, DJ und Besitzer des Techno-Labels Trope Recordings.

 

Vielleicht sind wir auch schon am Peak der Angelegenheit angekommen, denn alle Beteiligten bezweifeln die „Boom“-Ausmaße des Vinyl-Hypes. Der Moderator spricht dann auch weitgehend von einem „Böömchen“. An anderer Stelle bezweifelt Nieswandt darüber hinaus die Nachhaltigkeit und Langfristigkeit des Hypes, nachzulesen in diesem Interview.

Die Mutter aller Sampler: Der Fairlight CMI (*1979)

fairlight

Fairlight CMI: Visualisierung eines Klangs

Gestern bin ich via Electronic Beats auf ein Video gestoßen, das ich noch nicht kannte. Es stammt aus dem Jahr 1980 und wurde für das australische Fernsehen produziert. Anlässlich einer Musiktechnologie-Messe, die in diesem Jahr in Sydney veranstaltet wurde, interviewt der Moderator den Ingenieur Peter Vogel. Mit im Bild: eine riesige Apparatur mit Klaviatur und Monitor. Das Trum heißt Fairlight CMI, wobei die Abkürzung für Computer Musical Instrument steht, und ist der erste Synthesizer mit Sampling-Funktion. Das wird in dem Video dann recht schön von Vogel vorgeführt, der den CMI zusammen mit Kim Ryrie für die australische Firma Fairlight entworfen hatte.

So wie sich das bei Electronic Beats – aber auch bspw. bei Wikipedia – liest, stand die Sampling-Funktion bei der Entwicklung allerdings nicht so sehr im Vordergrund, sondern war eher als „Nice-to-have“ gedacht. Der CMI wurde zum Vorläufer für günstigere Sampler, die in den 1980er Jahren dann auch für Normalsterbliche zugänglich wurden.

The Fairlight CMI is the reason why modern sampling exists. Designed in 1979, it was an example of early synthesizer technology which failed in its original purpose—creating sound via realtime waveform modelling—and instead was redeveloped as the first digital sampler. Watch one of its creators, Peter Vogel, explain how it works in this classic slice of music tech development circa 1980.

Oder bei dem technikhistorischen Blog ETHW, das auch eine musikhistorische Abteilung (IEEE) hat:

When the Fairlight was introduced, it was virtually the only digital sampling synthesizer on the market. Its price tag of up to $40,000 made it so expensive that only the largest and best-funded studios or mega-stars could afford it. With the introduction of less expensive digital synthesizers beginning in the mid-1980s, the appeal of the Fairlight began to wane. However, musicians today sometimes seek out an old Fairlight to get access to the programmed samples that were supplied by the factory with new instruments—now they’re “retro.”

Zur Geschichte der Sampler hier ein Beitrag. Noch besser dokumentiert ist die Entwicklung des CMI bei 120years.net, wo es eine ganze Menge Fotos, Videos und Trivia gibt. Unten eine zeitgenössische Reklame für den CMI III. Man findet bei Youtube auch dieses Video von Quincy Jones und Herbie Hancock, die mit dem CMI herumexperimentieren und sichtbar ihre Freude haben:

Fairlight CMI III Reklame

In the Mix: Mr Thing Plays Sampled Library Music

 

Super doper Mix von Mr Thing, der ein paar bekannte und weniger bekannte Samples aus sogenannten Library Music Platten verwurschtelt. Library Music ist im Grunde eine Art Auftragsmusik gewesen, die von Studiomusikern für Werbung, Fernsehauftritte und ähnliches speziell als Hintergrundmusik angefertigt wurde. Meist ist Library Music richtig gut produziert, es gibt aber nur eine ganz geringe Auflage der jeweiligen Songs, was sie für Crate Digger natürlich höchst attraktiv macht.

I was asked earlier this year to do a mix for my good friend Boba Fatt for his 100th show on Itch FM and he said i could do whatever i liked! So decided to do something different from the Hip Hop mixes and do a mix of some rare and not so rare sampled library records which i have been collecting for years and was taught a great deal about by my friend Mark B. Basically Library Music was set up to be used as the background music for TV shows, and a lot of the good stuff ended up in shows such as The Sweeney. I’ve remastered this since it went out on air and my man Tarl/DJ Mofingaz did the artwork … Enjoy!

 

Der Poptheoretiker Simon Reynolds widmet dem Verhältnis aus Sampling und Library Music auch einen eigenen Abschnitt in seinem Buch „Retromania“ (auf Deutsch im Ventil Verlag erschienen); hier ein Auszug daraus, der das Phänomen und seine Faszination für Crate Digger ab S. 325 sehr gut beschreibt:

The other new frontier for crate-diggers was library music. This was the term for incidental music from the sixties and seventies originally made for use in radio, cinema adverts, industrial films and other non-glamorous contexts which was sold by subscription, not in shops, and issued in uniform sleeves complete with track descriptions (‚light relaxed swingalong‘, ‚industrious activity‘, ’neutral abstract underscore‘) that helped the purchaser to identify the precise mood tint they needed. Listening, it’s easy to picture the scene: a recording studio just off London’s Wardour Street circa 1971; a failed composer frantically scribbles an arrangement on a score, like Shakespeare finishing the third act while the players are halfway through Act Two; the session players grumble and puff on Benson & Hedges, resting their violins and horns on their laps.

By the early nineties, library records from the sixties and seventies issued by companies like KPM, Studio G and Boosey & Hawkes were starting to be highly prized by hip-hop and dance producers: their crisply recorded sound quality and session-musician-calibre playing offered a cornucopia of beats, fanfares and refrains for them to use. And at a time when music publishers and record labels were becoming vigilant about sampling and demanding royalty shares, you stood a better chance of getting away with it if you used a vintage library-record lick. Soon the original library albums started to get pretty expensive.

One of the key figures in library music’s rising profile was Jonny Trunk. His label Trunk Records debuted in 1996 with the world’s first compilation of library music, The Super Sounds of Bosworth. Although far from your archetypal Brit B-boy – he looks more like Eric Morecambe and his real name is Jonathan Benton-Hughes – Trunk had passed through the UK crate-digger scene that emerged in the early to mid-nineties: the milieu that produced trip-hop labels like Mo Wax and Ninjatune, salvage labels like Finders Keepers and Cherrystones, and library-loving DJ/producer types such as Luke Vibert, aka Wagon Christ, and Joel Martin, aka Quiet Village. ‚The British were very good at it; Trunk recalls. ‚There was something really interesting going on in the centre of London at that time. You had figures like Jerry Dammers and Normski, and weirdo fashion people, all hanging out in funny record shops and exploring odd jazz, film music, hip hop. I used to call them „bag boys“, people you’d run into around the middle of London and you’d all be carrying a bag of records. You’d be swapping records and there’d be certain cafes you’d meet at.'“

[via Pipomixes]

In the Mix: Finn Johannsen im Triple-Podcast für Uncanny Valley

Finn-Johannsen-UV

Finn Johannsen vom Berliner Hardwax macht Triple-Trouble für das Dresdner Label Uncanny Valley! Zuerst habe ich ja gedacht, das 160-minütige Set sei schon ein Dreiteiler. Aber weit gefehlt, Finn Johannsen ist fleißig und liefert drei solcher Kaliber ab. Dazu gibt er – auch sehr fleißig – ein ausführliches Interview mit einigen interessanten Ansichten:

The concept is really simple. Mix 1 starts with 80 BPM, Mix 3 ends with 150 BPM, halftime though. The pace gradually increases in between, and the mixes are more sequenced then mixed. Predominantly for listening purposes, but feel free to move if you want to move. The music is a diverse mix of Grime, Hip Hop, R&B, Dubstep and affiliated sounds. As mentioned, the reason I chose these sounds were mainly motivated by my wife’s preferences, but recently I was also getting really fed up with the current high level of pretentiousness in club music. Every day I hear House and Techno music and I see designs and read track titles or concepts that are desperately pretending something but there is actually not much going on beneath the surface. There is some longing for intellectual weight and diffuse deeper meanings, but there is a considerable discrepancy between creative intention and creative result, and a disappointing display of conservative ideas in the process. I think a lot of the music you can hear in these mixes is not afraid to use commercial elements and turn them into something that is innovative and more forward-looking than other club music styles that want to be advanced, but in fact just vary traditional formulas. You may argue that lot of the tracks I have chosen sound similar to each other as well, but I would like to think of the listening experience as a whole, and that for me presents a much appreciated alternative. I do not think it is better than other music I am more associated with as a DJ, but for me it helps to look elsewhere as soon as routine creeps in. I usually regain patience with the sounds I am normally occupied with if I do so. But apart from a regular change of perspective, I also cannot listen to 4/4 club music more than I do for all my work commitments. That is more than enough. I like to reserve my little leisure time for music I do not know as well.

Ich kann das sehr gut nachvollziehen. Jan Delay hat mal gerappt „Wer HipHop macht und nur HipHop hört, betreibt Inzest“. Das trifft sicher auch auf die House/Techno/Bass/Club/whatever-Szene zu. Wer mal fünf oder zehn Jahre lang die Entwicklung dieser Stile verfolgt hat, merkt, wie graduell und formelhaft sich alles entwickelt. Wenn es sich überhaupt nach „vorne“, also in eine bestimmte Richtung entwickelt und nicht nur wiederholt.

Zum Teil liegt das sicherlich an der schieren Menge an Musik, die heute produziert und veröffentlicht wird. Finn Johannsen bekommt das in aller Regelmäßigkeit zu spüren: er selektiert Releases für’s Hardwax, das ist Teil seines Jobs. Das Meiste, das auf den Markt drängt, ist strukturell recht ähnlich, gleichförmig und anschlussfähig – im Clubbereich vielleicht noch ausgeprägter als in anderen Bereichen, weil es ja vom DJ aufgelegt werden soll. Nach Sturgeon’s Law aber sind 90% von allen Beiträgen eines Genres Schrott, auch im Bereich der Clubmusik. Und weil es mittlerweile insgesamt so viel an Clubmusik gibt, wird es auch schwieriger und Zeit intensiver, abweichendes Material zu finden.

Wie dem auch, aus mehreren Gründen höre ich gerne Mixes wie diesen, die Interesse für Musik jenseits der Clubsparten zeigen, auch gerne mal „Kommerzielles“, Altes, Angestaubtes, Obskures, Irritierendes, Frivoles, Abweichendes, Experimentelles etc. Erstaunlich wie viel von dem geilen Shit nach wie vor aus UK kommt, auch wenn sich das gerade nicht so nachvollziehen lässt ohne Tracklist. Vielleicht kommt die ja noch nach.:-)

Finn Johannsen spricht im Interview dann auch darüber, wie sich Musikjournalismus mehr in Richtung affirmatives Clickbait entwickelt:

And in times when it is quite a struggle to make a living from whatever profession within the music industry, this is a problem. Unfortunately this struggle also changed today’s music journalism. For the worse, in my opinion. There is more clickbait controversy than well researched discourse. Occasional thinkpieces are presented as something exceptional, when they should be the norm. I notice a worrying increase in factual mistakes when I read print or web media these days. There probably is not enough budget for sufficient editing, but even if the small budget only allows freelancers and interns and only a few journalists on a monthly payroll, thorough supervision should be a must. Otherwise you can hardly justify that people should still buy a print magazine for example. And too much online music journalism is just a newsfeed. I get a lot of PR mails on a daily basis, and and a lot of them I will find on websites only shortly later, too often without any own words added. Music journalism should offer individual perspectives and opinions, based on individual research. Else there is not enough to learn from it. I think it is a bit sad that a lot of interesting debates about music happen on social media, and they are not even sparked by interesting features in other media. A good music journalist should try to lead the way, and not vice versa. And in any case the traffic obligations should not lead the way either.

Passend dazu ist Finn Johannsen am 30.3.2016 bei einer Diskussionsveranstaltung zum Thema „Techno und Arbeit“ im Berliner Archiv der Jugendkulturen zu Gast. Mit dabei Jan-Michael Kühn vom Berlin Mitte Institut und die Kulturwissenschaftlerin und Filmemacherin Marietta Kesting.

Hier alle Uncanny Valley-Podcast (von Finn Johannsen und allen anderen Kontributorinnen) in der handlichen Playlist:

25 Jahre „Unfinished Sympathy“ von Massive (Attack)

Massive-Attack-Unfinished-Sympathy-Still

Wie so oft bin ich auch diesmal eher zufällig auf ein Thema gestoßen, dem ich gerne einen kurzen Blogeintrag widmen möchte. Diesmal geht es um einen Song und dessen mittlerweile erreichten Oldtimer-Status – auch wenn man es ihm nicht im Geringsten anhört. Im Frühjahr 2016 ist es 25 Jahre her, dass Massive Attack „Unfinished Sympathy“ veröffentlichten, das zum Megahit avancierte. Das habe ich gestern in dem recht ausführlichen Artikel bei Wikipedia herausgefunden. Da steht auch etwas, das ich so noch nicht wusste:

„Unfinished Sympathy“ was released as the second single from Blue Lines on 11 February 1991. As the single was released in the midst of the Gulf War, the word „attack“ was temporarily dropped from the group’s name at the advice of their record company and management. The name „Massive Attack“ had previously been deemed „unpatriotic“ by the BBC – thus, the name change was carried out to prevent the single from being banned from airplay.

Und tatsächlich: das Wort „Attack“ wurde vom Release entfernt:

Massive-Unfinished-Sympasthy-Record Massive-Unfinished-Sympasthy-Cover

Die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte von „Unfinished Sympathy“ ist bei Wikipedia gut dokumentiert, ein bisschen besser sogar noch auf dieser Fanseite. Dort lassen sich auch unkompliziert Remixes, Versionen und Samples anhören. Und natürlich das Lied selbst, das so unglaublich zeitlos ist. Classic!