Berliner Untergrund-Kultur: Laub-Raub und Berliner Zimmer

bvg-zimmerBerlin und seine Szene(n) rühmen sich ja für eine vermeintlich weltbekannte Untergrund-Kultur, vor allem was Clubs, Bars und Kneipen betrifft. Zwei Crews aus dem kompetitiven Graffiti-Bereich haben das Thema „Untergrund“ dabei noch etwas wörtlicher genommen: Die einen richteten ein Zimmer in einem Berliner U-Bahnschacht ein, die anderen verteilten säckeweise Laub in einem U-Bahn-Waggon. Für die BVG dieses Jahr schon mehrmals die Gelegenheit, sich zu ärgern, die Stirn zu runzeln oder einfach nur zu schmunzeln.

Zuerst hielt ich die Aktionen für wilde, guerilla-artige Auswüchse des BVG-Marketings, das ja sehr seltsame Blüten treibt (den Gefallen des Verlinkens tue ich Ihnen trotzdem nicht😛 ), aber mittlerweile glaube ich einfach, dass da zwei Crews im Wettstreit miteinander sind. Die Aktionen wurden von den Künstlern selbst sehr ordentlich dokumentiert, aber natürlich auch in den Medien breit gestreut.

Rocco und seine Brüder richten das „Berliner Zimmer“ ein, wobei es für diese Aktion 2014 offenbar eine Vorlage aus Wien gab.

 

Der Laub-Raub von TOY:

 

Diese Aktion von TOY hat den Charme eines Eisenbahnüberfalls im Wilden Westen:

In the Mix: Jay Daniel “Broken Knowz”

Jay Daniel - (c) Devin Williams

Jay Daniel – (c) Devin Williams

Detroit ist nicht nur der Name einer US-amerikanischen Industriestadt mit bewegter Vergangenheit und unsicherer Zukunft, sondern steht in Musikkreisen auch für ein Bündel an verschiedenen Stilen bzw. Genres. So sind zum Beispiel das legendäre Soullabel Motown, Hip Hop-Produzenten wie J-Dilla oder auch die Technopioniere Underground Resistance eng mit dieser Stadt verbunden.

Auch Jay Daniel stammt aus der Motorcity. Der erst 25 Jahre junge Mann hat in den letzten Jahren schon einige Singles im Bereich House und Techno veröffentlicht. Sein Debütalbum „Broken Knowz“ erscheint Ende November auf dem Ninja Tune-Sublabel Technicolour und auch wenn ich nicht sagen würde, dass es die oben genannten Stile vereint, hält es sich doch irgendwie an den Rändern verschiedener Genres auf und ist dabei bemerkenswert vielseitig.

Das geht schon damit los, dass es eindeutig Technoeinflüsse rezipiert, aber nicht den richtigen Schwung für ein klassisches Techno-Album aufnimmt. Und das ist nicht abwertend gemeint. Die fehlende Härte, Wucht und Lautheit werden durch warme Synthieflächen, verspielte Melodien und multirhythmische Pattern ersetzt, was auf den Konsum von massenweise Soul, Funk und vielleicht Reggae schließen lässt.

Jay Daniel gibt seinen Jams genügend Groove, aber überfrachtet sie nicht. Er hält sie easy und leicht, wie ein ewiges Intro. Oder wie ein Zug, der unaufdringlich durch herbstliche Landschaften düst: Elemente faden rein und wieder raus, verändern langsam, aber stetig ihre Kontur; Täler und Industriegebiete ziehen an einem vorbei, mal deutlich im Vordergrund, mal zart im Hintergrund, aber alles passiert in sehr unaufgeregter, aufgeräumter Stimmung.

„Broken Knowz“ zeigt, dass sich Techno und Soul nicht ausschließen müssen. Ein absolut empfehlenswertes Album für alle, die sich für die smoothe Fusion von Genres interessieren. Leider ist bei Bandcamp derzeit nur ein Bruchteil des Albums freigeschaltet; immerhin geben die zwei Tracks einen validen Vorgeschmack auf das Album. Bei npr.org gibt’s das ganze Album Vorab-Stream.

Lost in the Loop: Bonobo „Kerala“ Musikvideo

bonobo-kerala-stillBonobo hat für den Winter 2017 sein neues Album „Migration“ auf „Ninja Tune“ angekündigt. Dazu gibt’s als erste Auskopplung den Track „Kerala“, freilich mit dem typischen Bonobo™-Sound: gebrochener Rhythmus, warm-weiche Harmonien, mitnehmende Melodie. Hat ’nen ordentlichen 2Step-Touch, ist aber ansonsten ziemlich rund vom Sounddesign. „Kerala“ an sich ist schon sehr gut, aber erst die Verbindung mit dem Video macht das Ganze außergewöhnlich.

Im Video sieht man eine Frau (gespielt von Gemma Arterton), die offenbar eine Panikattacke oder ähnliches erleidet, wobei sie dabei durch London (?) irrt und immer wieder Leute anrempelt. Andere wollen ihr helfen, was sie aber nicht zulässt. Es ist ziemlich klar, dass die Frau vor irgendetwas ziemlich Schiss hat, es wird aber nicht so klar, was genau. Apokalypse? Am Anfang sieht man etwas Brennendes über den Horizont flitzen und an einer Stelle deutet die Frau erschrocken in den Himmel, was Pitchfork zu der Deutung veranlasst hat, sie renne vor einem Meteoriten weg. Es wird aber nicht wirklich aufgelöst, was da genau los ist; der Schlussteil legt aber zumindest nahe, die Lösung im Himmel zu suchen.

Das Video wurde von Bison aus London produziert. Dabei wurde eine Technik angewendet, die ich vorher so noch nicht gesehen habe. Die Videospur läuft nicht konstant durch, sondern ist aus lauter Loops zusammengesetzt, die leicht versetzt aneinander schließen. Die Loops sind dabei an den Takt des Tracks angepasst, wodurch ein eigenartiger Effekt entsteht: die Frau steckt gewissermaßen in ihrem eigenen pyschotischen Loop fest und kommt nicht so recht vorwärts. Die ganze Handlung zieht sich unerträglich wie Kaugummi.

Das Video ist beim ersten Mal extrem anstrengend anzusehen, fand ich. Trotz oder genau deswegen habe ich es mir dann aber mehrere dutzend Male angesehen. Bei den ersten Malen war mein Hirn noch so sehr damit beschäftigt, aus den ganzen Zeit-versetzten Loops ein Gesamtes „herauszusehen“ um die Handlung zu checken – dann aber schärfte sich mein Blick auf die Details, die mir irgendwie komisch vorkamen.

Und wie immer in solchen Fällen der Irritation befrage ich die Kommentare unter dem Video, um herauszufinden, ob es den anderen ähnlich ging. Youtube ist in dieser Hinsicht ja eine sehr ergiebige Plattform. Viele Kommentator:innen beklagten sich über den Schnitt. Manche erinnerten die strange loops an eigene Drogenerfahrungen und/oder Panikattacken: beides recht naheliegend.

Ein Youtuber sammelte mit Hilfe der anderen die seltsamen Stellen:

0:00 – meteor 1:00 – rock levitating 1:50 – building floating, rotating 2:02 – door caves in 2:15 – man in restaurant’s eyes glow 2:27 – tv footage shows the video about 30 seconds into the future flipped horizontally 2:42 – man crossing street duplicates 2:50 – restaurant sign foreshadows building fire 3:03 – car gradually changes color 3:06 – man floating in sky 3:16 – fire in building 3:28 – solar eclipse 3:46 – people standing in a grid pattern, looking up 3:57 – birds take flight (or are they humans?)

Es wird dadurch zwar nicht erklärt, was die ganze Schose soll, aber man gewinnt immerhin ein paar neue Perspektiven. Ich finde die Stelle ab etwa 1:35 Min am intensivsten: man kann förmlich sehen, wie der Vocal-Loop („Yay yay yay yay“, ein Brandy-Sample – danke David und Mo!) deliriale Spiralen in ihrem Kopf dreht, dann plötzlich kickt der Bass rein, der Track hebt ab wie das sich drehende Gebäude im Hintergrund, die Panik steigt in ihr hoch wie überkochende Milch im Topf und alles zusammen lässt sie die Flucht ergreifen, bis sie sich selbst im Fernseher in der Zukunft (?) sieht und meint, nun komplett durchzudrehen. Diese Szene ist schon ziemlich fein gemacht, weil sie das, was eine Panikattacke ausmacht, auch für Außenstehende nachfühlbar macht. Gleichzeitig ist es ein toller Videokommentar auf Loop-basierte Musik. Chapeau!

Was ich auch bemerkenswert finde: innerhalb weniger Stunden tauchten schon Versionen auf, die das Video „reparierten“: die Schnitte – und damit auch die Loops – wurden entfernt, wodurch vielleicht nicht viel erreicht wurde in Bezug auf die Interpretation des Videos. Immerhin wissen wir aber jetzt, dass es nur etwa 2 Minuten Videomaterial war, das verwendet wurde. Und die Video-Reparaturen den Track natürlich zerfetzt haben.

Exklusive Atmosphäre: Warum der Wahlaufruf vom Berghain für viele blanker Hohn war

Vor ein paar Wochen waren ja Wahlen in Berlin. Die Ergebnisse sind denkbar grausam ausgefallen, die AfD mit ihrer menschenfeindlichen und rassistischen Ideologie räumte ziemlich ab. Das hat auch das Berghain mit seinem Wahlaufruf nicht verhindern können. Wer das Programm vom 17.9. besucht, kann dort bei der running order lesen: „08:00h – 18:00h WÄHLEN GEHEN, RECHTSPOPULISTEN VERHINDERN!“

berghain

Die Feuilletons der Berliner Presse waren sehr angetan von der Aktion. Ich glaube, auch in den sozialen Medien wurde ziemlich applaudiert. Eine kritische Auseinandersetzung mit den ausgrenzenden Mechanismen der Berliner Clubkultur fand, soweit ich das überblicken kann, aber nicht statt, mal von einigen Leserkommentaren abgesehen, z. B. beim Tagesspiegel.

Prinzipiell ist das natürlich ein netter Zug von dem Club, man wirkt demokratisch und offen. Ich finde nur, dass dieser Wahlaufruf überhaupt nicht zu dem elitären Prinzip passt, welches das Berghain seit Jahren erfolgreich fährt.

Man muss sich die Ironie des Ganzen mal vor Augen führen: Ein Club, dessen Markenkern vorwiegend darin besteht, die härteste Tür Berlins zu haben und nach willkürlich wirkenden Prinzipien sein Publikum zu wählen, ruft dazu auf, die Rechtspopulisten von der AfD zu verhindern, in deren kranken Fieberträumen Mauern um Deutschland herbeigesehnt werden.

Ist diese Parallele, diese Widersprüchlichkeit niemandem aufgefallen? Ich meine damit sicherlich nicht, dass das Berghain rechts ist. Ich meine, dass Ausgrenzungsmechanismen in der Clubkultur salonfähig sind, teilweise sogar gefeiert werden. Das kann man an dem ewigen Gewese um diesen Club ablesen. Und daran, wie Berghain-Türsteher inszeniert werden.

Die Ikone, der Prototyp des Berliner Türstehers ist wahrscheinlich Sven Marquardt vom Berghain. Er hat schon sowas wie popkulturellen Status, darf in Talkshows auftreten, hat sein eigenes Mural und auch eine Statue. Die ZEIT hat ihn mal folgendermaßen beschrieben:

Denn hier steht vielleicht nicht nur einer der härtesten Türsteher, hier steht eine menschliche Mauer, wie in Stein gehauen. Dornen ranken sich eintätowiert über die linke Gesichtshälfte – oder ist es eher Stacheldraht?

Und dieser Mythos vom Berghain und seiner Exklusivität, die so hart von dem beinharten Marquardt verteidigt wird, setzt sich auch in der Kommunikation fort. Ein Großteil der Alltagsgespräche, die das Berghain zum Thema haben, dreht sich um’s Abgewiesen-Werden bzw. um dessen Abwenden: das stundenlange, nervige Anstehen; die Ungewissheit, ob man denn überhaupt reinkommt oder sich umsonst stundenlang die Beine in den Bauch gestanden hat; die quälende Fragen, ob man die richtigen Klamotten trägt, mit den richtigen Leuten unterwegs ist, das richtige Auftreten an den Tag legen kann. Und dann natürlich, ob sich das alles gelohnt hat für die Party.

Irgendwie ist das doch traurig. Und widersprüchlich. Ausgrenzungsmechanismen werden vielfach und zu Recht abgelehnt. Beim Feiern gelten aber offenbare andere Maßstäbe, da möchte man lieber „unter sich“ sein bzw. auserwählt, am liebsten von Sven Marquardt persönlich. Wenn man reinkommt, darf man sich glücklich schätzen, zum engen Kreis zu gehören. Wenn man abgewiesen wird, muss man den walk of shame an der Schlange vorbei auf sich nehmen. Manche stellen sich dann sogar nochmal an, soviel Magie scheint von der Schlange auszugehen.

So viele Menschen nehmen Qualen und Gefahren auf sich, weil sie gerne nach Europa wollen, es ihnen aber von professionellen Grenzverteidigern wie der EU und Frontex verwehrt wird. Sie sind auf der Suche nach einem besseren Leben. Zugegeben, das sind die Berghainbesucher auch, die sich in die Schlange stellen, zumindest für eine Nacht lang. Aber die machen es aus freien Stücken, in ihrer Freizeit, als Teil ihres privilegierten Lebens, das sie mit dem Eintritt ins Berghain noch einen Hauch privilegierter machen können.

Letztendlich glaube ich nicht, dass es allein ein Problem vom Berghain ist. Aber es ist der berühmteste Club in Berlin, genießt weltweites Renommé, das wiederum entscheidend auf seiner harten Tür beruht. Viele weitere Berliner Clubs haben sich Exklusivität auf die Fahne geschrieben, manche wollen damit berühmt werden. Dass das Narrativ von der clubkulturellen Exklusivität auch knallharten Ausschluss von Personengruppen bedeutet, sollte aber viel stärker reflektiert werden, von den Medien, den Clubs, den Besuchern, usw. – insbesondere in einer Zeit, in der so viele Menschen auf der Flucht sind und an den Grenzen anderer scheitern.

Wie die digitale Remixkultur unser Verständnis von Originalität verändert

Bei iRights.info, dem Webmagazin für „Urheberrecht und kreatives Schaffen in der digitalen Welt“, ist diese Woche ein Text von mir zu Daft Punks „Get Lucky“ erschienen. Anhand zahlreicher Beispiele zeige ich, wie das Lied zum Hit wurde – nämlich durch kreative Kopien. Aus einem wenige Sekunden langen Sample wurden tausende Fan-Remixes geschaffen, die vermutlich die beste Werbung für das Original waren. Wie das genau ablief, kann man bei iRights nachlesen und -hören. Danke an David Pachali für die Redaktion.

Daft Punk - Get Lucky

Untergrundkultur in Kiew nach der Euromaidan

Nach den Bürgerprotesten 2013 und den politischen Umstürzen 2014 ist die ukrainische Hauptstadt Kiew wirtschaftlich ziemlich am Boden. Diese Doku zeigt, wie junge Kiewer:innen kreativ mit der Situation umgehen, leere Fabrikräume squatten, Raves veranstalten, neue Mode und anderen Formen des Ausdrucks entwickeln. Erinnert entfernt an die unübersichtliche Situation in Berlin nach dem Fall der Mauer, die plötzliche große Freiräume für eine hungrige Generation bot, die nicht an Bausparverträgen interessiert war sondern am Hier und Jetzt. Spannendes Thema und streckenweise echt gute Kamera.

The 2014 revolution brought Kiev nightlife to a complete standstill. As protests turned into riots, and government security forces opened fire on protestors, the country fell into crisis. But out of the ashes of revolution has risen a new generation. Slava Lepsheev, who’d lost his job because of the financial crisis triggered by the war, had had enough, and started Cxema, a raw, hard and hypnotic techno rave that he took to whatever semi-legal venue he could set a soundsystem up in. So together with Slava, and the city’s brightest young lights, we followed young Kiev as they prepared for a night at Cxema, from building the venue to watching the sunrise break.

Im Rausch der Geräusche

Vielleicht liegt es daran, dass ich in den Sommermonaten viel in der Natur unterwegs war und ihre Klanglandschaften zu schätzen gelernt habe. Und/oder ich bin die Großstadt gerade überdrüssig. Keine Ahnung, warum genau, aber mein derzeitiges Lieblingsgenre auf Youtube sind Uploads, die stundenlang Naturgeräusche abspielen, oftmals mit Video. Und die Klickzahlen lassen darauf schließen, dass ich nicht der einzige bin, der sowas gerne konsumiert. Am liebsten bei der Arbeit, wenn ich lese oder schreibe, da steigert es spürbar meine Konzentration und Entspannung.

Abgesehen von Youtube gibt es auch spezielle Seiten wie noisli.com oder mynoise.net mit denen sich weitere Rauschgeräusche (white noise, gray noise, pink noise, etc.) streamen lassen.