DJing früher und heute

Dieser Text ist ursprünglich erschienen im ersten Printmagazin des Circus Homo Novus, welches auf der Party in der Theaterkapelle releast und unter die Leute gebracht wurde. Weitere Informationen zum Magazin und den Aktivitäten des Circus gibt’s hier und die DJ-Sets von der Party dort.

EINS

Mein Großvater war vielleicht so etwas wie ein Vorläufer des heutigen DJs: im Auftrag der Telefunken GmbH, die damals neben der Entwicklung und dem Verkauf von Unterhaltungselektronik auch einen Musikverlag ihr Eigen nannte, fuhr er in den 50er und 60er Jahrern zu süddeutschen Elektrofachhändlern und spielte ihnen Schelllackplatten aus seinem Musterkoffer vor. Das Ziel war natürlich, Schallplatten von Heinz Erhard bis Su Kramer aus dem Telefunken eigenen Sortiment in die Regale der Händler und sie von dort aus direkt an den Mann (respektive an die Frau) zu bringen. Die Auswahl der Platten, die er damals in seinem Koffer mit sich führte, dürfte allerdings nicht von ihm selbst getroffen worden sein, sondern vielmehr von seinen Vorgesetzten. Heute würde man vermutlich sagen, mein Großvater war im Auftrag der Promotion – quasi als Handlungsreisender oder Vertreter des Verlags – unterwegs, um neue Kundenkontakte zu gewinnen und alte zu pflegen.

ZWEI

Zu etwa der gleichen Zeit begannen die ersten Schallplattenunterhalter in Jamaica mit ihrem mobilen Soundsystem von einem Dance (jamaikanisch für Party) zum nächsten zu ziehen und das Publikum mit aktuellen Dubplates (exklusive Schelllackplatten in geringer Stückzahl) zu erfreuen. Um die Zuhörer zu animieren, sangen oder reimten viele von ihnen auf die Musik; außerdem moderierten sie die aufgelegten Stücke gekonnt an. Ziel war es auch hier, die Lieder, oft neu besungene Versionen von Instrumentalstücken (sogenannte Riddims), beim Publikum zu testen, bekannt zu machen und so das allgemeine Interesse zu wecken. Die Typen hinter dem Plattenspieler nannten sich Selectas, weil sie selbst ihre Musik aus ihrem Fundus an Material aussuchten und in einem mehr oder weniger kunstvollen Mix aneinanderreihten. Der promotionale Charakter des Auflegens vor verschiedenen Publika blieb dabei – ähnlich wie bei meinem Großvater –  erhalten, lediglich der Kompetenzrahmen erweiterte sich.

DREI

Bis zur Erfindung des Crossfaders, dem vertikalen Schieberegler am Mischpult, und der dadurch möglich gewordenen Überblendung von Songs von zwei Plattenspielern war man in der Regel mit nur einem einzigen Abspielgerät ausgestattet. Die Praktik der Anmoderation wurde übernommen von den amerikanischen Radio-DJs aus den 30er und 40er Jahren und diente quasi als verbales Scharnier, um das Ende des einen Liedes mit dem Anfang des anderen kontextuell zu verbinden und den Übergang so weich als möglich zu gestalten. In der DDR war die seit den 70er Jahren eingeführte Ausbildung von Schallplattenunterhaltern (kurz: SPU) Staatsangelegenheit, die politisch linientreue Anmoderation und natürlich die Auswahl der Songs dabei obligatorisch.

VIER

Die Kunst des DJings, zwei Songs gleichzeitig, nahtlos und damit kunstvoll ineinander zu mischen, wurde schließlich erst im New York der 70er Jahre von Kool DJ Herc so richtig konzipiert. Auf den Blockparties in der südlichen Bronx erkannte er, wie das Publikum bei bestimmten Abschnitten der aufgelegten Lieder besonders euphorisch reagierte. Das Problem war bloß, das jene Abschnitte meist nur sehr kurze Rhythmuspassagen mit Schlagzeug und Basslauf waren, die als vier- oder achttaktiges “Füllmaterial” der Songs gedacht und entsprechend schnell zu Ende waren. Um dem Wunsch des Publikums nach Ausdehnung dieser sogenannten Breaks nachzukommen, verlängerte Kool DJ Herc sie künstlich, indem er ein zweites Exemplar der Platte auf einem zweiten Plattenspieler an der entsprechenden Stelle abspielte und während dessen die erste Platte per Hand wieder zum Anfang der Breaks-Passage zurückspulte. Mit Hilfe des Crossfaders, dessen Erfindung ebenfalls ihm nachgesagt wird, blendete Kool DJ Herc seine Rückspulgeräusche einfach aus und schuf damit als Erster eine kontinuierliche, theoretisch unendliche Verlängerung der Breaks. Die Anmoderationen wurden unwichtiger, die Techniken unbemerkter Überblendungen hingegen immer ausgefeilter.

FÜNF

Tom Moulton, Discoproduzent der mittleren und späten 70er Jahre, machte die gleiche Beobachtung wie Kool DJ Herc, doch war seine Reaktion von der anderen Seite her gedacht: statt die begehrten Breaks umständlich von Hand live aneinander zu reihen, um ein musikalisches Kontinuum herzustellen, schuf er als Produzent nun Musikstücke, die von vornherein auf dem Grundgerüst jener beliebten Rhythmuspassagen aufbauten, ja sie explizit zum Thema machten. Diese im Studio mit Intros und Outros speziell für DJs angefertigten Stücke konnten durch Angleichung der Tempi nun noch einfacher miteinander gemischt werden als zuvor. Die Stücke enthielten gleichsam einen linearen Spannungsaufbau zur Euphorisierung des Publikums und waren von Moulton mehrschichtig abgemischt, um ein Maximum an Klangergebnis zu erreichen. Um der veränderten Länge der Stücke, die nun nicht mehr vier sondern gerne zwölf Minuten betrug, und ihrer neuen klanglichen Qualität Rechnung zu tragen, wurde zudem von Moulton mit der 12”-Single ein neues Format eingeführt , die als DJ-Medium viele Jahre lang das Nonplusultra bildete.

SECHS

Nun, die Art des Auflegens befindet sich seit ihrem Beginn in ständiger Veränderung. Und doch gelten zur Verortung in der sozialen Hackordnung der DJs immer noch zwei klassische Kriterien als entscheidend: Form und Inhalt. Form, verstanden als gelungen angewandte Technik der kunstvollen Übergänge zwischen den Titeln ist quasi die Grundvoraussetzung, um sich ein paar Props hinter den Plattentellern zu verdienen. Die Auswahl der Musikstücke ist die inhaltliche Ausfüllung dieser Form, die an die Technik anschließende Möglichkeit zur musikalischen Profilierung. Betrachtet man beide Aspekte historisch, so fällt auf, dass eine Erfüllung dieser beiden Anforderungen dabei immer leichter wurde. Einerseits wurden in den letzten 20 Jahren die Gerätschaften zum Auflegen kontinuierlich besser, einfacher, günstiger und das Angebot an Plattenspielern, Mischpulten und Zubehör reichhaltiger – andererseits verniedlichte sich im Zuge der Digitalisierung und ständigen Verfügbarkeit von Musik die Auswahl der Titel von einem mühsamen Abgrasen von Plattenläden hin zu einer simplen Internetrecherche.

SIEBEN

Sogar das eigentliche Kunststück, nämlich eine bewusst ausgewählte Selektion von Stücken in einen fließenden Mix zu bringen, ist heute keine Fertigkeit mehr, die man sich zu Hause hart erarbeiten und für den Clubeinsatz erproben muss. DJ-Software wie Traktor erledigt das Angleichen und Ineinandermixen für einen mit, man braucht nur noch seine Playlist zusammenstellen und die Tracks nacheinander abfeuern. Ganz kulturpessimistisch betrachtet drängt sich einem die Frage auf, wie groß hier eigentlich noch der Bezug zum ursprünglichen Auflegen und Mischen von Platten sein soll? Ist er überhaupt noch vorhanden? Gut, die Konkurrenz unter DJs ist so groß wie noch nie. Und der Zugang zu exklusivem Promomaterial dabei so schwer wie immer. Mit etwas Glück schafft man als DJ den Sprung vom belächelten Anfänger in den soliden Mittelbau einer  Residency oder einer vergleichbaren, anerkannten Tätigkeit. Spätestens dann muss die eigene Selektion in Kombination mit einer perfekt sitzenden Technik einen eigenen Stil ergeben, der genug Alleinstellungsmerkmale aufweist, um wenigstens im Haifischbecken bleiben zu können. Irgendwie komisch: Auflegen ist so einfach und gleichermaßen so schwer wie nie.

Mundgerechtes Sampling Pleasure

2011-02-18

Der DJ vom Stuttgarter Freundeskreis, DJ Friction (übrigens nicht zu verwechseln mit dem britischen DJ Friction, der Drum’n’Bass auflegt) hat eine nette Reihe am Start, die sich durch sämtliche gesampelte und sampelnde Musikgenres mixt. Freunde von Originalsamples aus Funk, Soul, Disco, Boogie, HipHop und Breaks kommen auf jeden Fall auf ihre Kosten.

Here we go…

 

Samplemania Vol 1

Samplemania Vol 2

Samplemania Vol 3

Und weil der Herr Geschmack und Skillz hat, hier gleich noch Vol. 1 von „Samplebreaks“. Sogar sehr aktuell, da vom Januar 2011.

Soll sich ja keiner beschweren, er wisse nicht was zu tun an diesem Wochenende. Bleibt mir eigentlich nur noch zu sagen, dass es einen sehr coolen Mix von whosampled.com namens „Celebration of Curation“ sowie natürlich die Samplepedia von Dejoe gibt.

Sampling-Videos im Netz

2010-12-16

Auf dem JuS-Kanal auf Youtube findet ihr nun einige Videos, die im Laufe der Zeit zusammen gekommen sind und die alle auch mit Sampling, Digging und Artverwandtem zu tun haben. Die Idee ist, die Liste laufend zu aktualisieren und das vorhandene Material zu sammeln. Es finden sich kleine Dokus, interessante Tracks und andere feine Goodies.

 

Unter anderem gibt’s dieses schöne Video von DJ Dbefekt, kompakt zusammengeschnitten und in einem eleganten 6-Minuten Häppchen für Youtube verpackt: DJ Dbefekt – Sampling

 

Etwas kürzer, aber auch sehr informativ und ansehnlich aufbereitet ist diese kleine Doku über die Akai MPC a.k.a. „The Two Hand Band“:

Und hier noch drei Videos, die Sampling auch auf der musikalischen Ebene thematisieren:

 

Eins Zwo – Rechte Dritter

 

Paul Frick – Steal my Heart

 

Pablo – The Story of Sampling

Auf Vimeo finden sich übrigens auch ganz interessante Sachen. Dies hier ist eine über 20-minütige Dokumentation namens „Walking on Eggeshells: Borrowing Culture in the Remix Age“, die als Seminararbeit an der Universität in Yale zum Themengebiet Aneignung, Besitz und Kultur angefertigt wurde.

 

Und zu guter Letzt noch den ersten der vier Teile von „Everything is a Remix“, in denen versucht wird den Remix als zentrale Kulturtechnik der Postmoderne zu beschreiben.

JuS-Radioshow #4 – Diggin in the Crates

Nächsten Dienstag, 7.12.2010 gibt’s die Dezemberausgabe der Jäger und Sampler Radioshow auf BLN FM zu hören. Aus dezemberlichen Gründen gibt’s diesmal einige Goodies, erstens ein Interview mit Marc Hype, zweitens zwei Goldstückchen aus seinem Plattenregal und drittes einen Gastmix von Dejoe. Achja, den Funky Drummer von James Brown hätt‘ ich beinahe vergessen. Alles Weitere auf der Seite von BLN FM.

Sendetermine:

Dienstag, 7. Dezember 2010 um 20 Uhr

Mittwoch, 8. Dezember 2010 um 21 Uhr

Sonntag, 12. Dezember 2010 um 22 Uhr

Tune in on BLN FM!

All samples cleared?

Mal nicht in eigener Sache…

Auf Byte FM gibt jeden zweiten Samstag von 12 bis 13 Uhr eine sehr schöne Sendung zum Thema Sampling im HipHop. Im Stile von „Original und Sample“ werden die Tracks vorgespielt und dekonstruiert – einziger Wehrmutstropfen: wer eine Folge verpasst hat, zahlt 99ct für das Nachhören.

Für alle Cratedigger und Nerds da draußen trotzdem aber eine wirklich sehr schöne Angelegenheit. Die Sendung wird übrigens seit September 2009 zusammengestellt und moderiert vom „Vinylizer“ Marcus Maack, der auch die für wöchentliche BTTB (Back to the Basics) Sendung verantwortlich ist.

Hier geht’s direkt zu „All Samples cleared?“

Ein ältere Folge aus dem Archiv wird übrigens am Mittwoch, 1.12.2010, um 17 Uhr ausgestrahlt! Einschalten!

JuS-Radioshow #3: Last Night the DJ shaved my wife…

…oder auch: Von Riddims, Remixes und Mash-Ups

Morgen Abend um 20 Uhr gibt’s die Novemberausgabe der JuS-Radioshow auf BLN FM. Der Name ist Programm: wir begeben uns mal wieder auf eine kleine Reise durch die Geschichte des Remixes: von jamaikanischen Soundsystems über New Yorker Diskokugeln auf die B-Seiten der Maxisingles.

Sendetermine:

Dienstag, 2.11. um 20 Uhr // Mittwoch, 3.11. um 21 Uhr // Sonntag, 7.11. um 22 Uhr

Tune in on BLN FM!

Danach gibt es die Sendung wie gewohnt auch als Podcast zum Anhören jerderzeit!

JuS-Review: Lagos Disco Inferno

Es gibt Scheiben, die bringen einen Sound oder ein Genre auf den Punkt. Dies hier ist eine davon, und gerade die Musiko-Archäologen unter uns werden ihren Spaß an ihr haben. Feuer frei für das Lagos Disco Inferno!

Ruff, rugged’n’raw kommt es daher, das Lagos Disco Inferno auf DoLP, eine Compilation von Frank Gossner, die er während eines dreijährigen Aufenthalts aus den westafrikanischen Crates zusammengediggt hat und für uns in einzigartiger Weise den Groove im Lagos Ende der 70er Jahre kaleidoskopiert. Und selbst wenn man als hüttenkäsiger Mitteleuropäer nicht den blassesten aller Dünste für diese Nische hat, die zwölf Hochkaräter aus afrikanischem Boogie, Funk und Disco besorgen’s einem trotzdem, und zwar ordentlich. Natürlich sind diese Grooves nix für Laptop-Speakers und popelige Ohrstöpsel, vielmehr muss man ihnen das nötige Volumen bieten, um die unnachahmlichen Vibes von bspw. Grottos „Bad City Girl“ zwischen der Verruchtheit der Polizeisirenen und der filigranen Verspieltheit des Synthesizers entfalten zu lassen. In bester „All-Killer-No-Filler“-Manier pumpt sich die erste Hälfte mit „Everybody get down“ von der Asiko Rock Group ihrem Ende entgegen, einem Gedicht von einem Killer-Track, der sich in durchgehend dichtem Arrangement seine Zeit nimmt und sich so immer weiter in die Loopspirale vorschraubt, dass einem ganz schwindlig wird vor lauter Deepness. Und auch die zweite Platte lässt nichts anbrennen, gibt dem Hörer aber erstmal in einigen ruhigeren Stücken ein wenig Zeit zur Verarbeitung (großartig: die funky flute in „Root“ von BLO), um dann im fast viertelstündigen Four-to-the-Floor-Exzess-Disco-Stampfer „Hang On“ vom Nana Love ihren Meister und ein gelungenes discoinfernales Schlusswort zu finden.

Dieser Text erscheint in der Printausgabe von skug #84, 10-12/2010, später auch auf www.skug.at

Hier der Teaser zum Release:

Und hier noch ein Teaser zu einen Film über Frank Gossner namens „Take me away“, über den im Netz aber sonst eher wenig zu finden ist… bin gespannt, wann dieser zu Film sehen sein wird!