Kreativität und Innovation des Samplings (Diplomarbeit)

Kreativität und Innovation des Samplings (Diplomarbeit)

Vor ziemlich genau 3 Jahren ist „Jäger und Sampler“ ins Leben gerufen worden, um dem Thema Sampling ein deutschsprachiges, langfristiges Blog zu geben. Neben der sechsteiligen Radioshow auf BLN.FM ist auch das akademische Vorhaben, nämlich eine soziologische Diplomarbeit über Sampling zu schreiben, beendet. Die Diplomarbeit ist fertig und ich denke, das Blog hat sich auch ein wenig etablieren können.

Nun, ich habe mich dazu entschieden, meine Diplomarbeit auf diesem Blog frei zugänglich zu machen. Die Abgabeversion vom 29. April 2013 ist mit dieser Version identisch; es wurden lediglich wenige formale Verbesserungen vorgenommen. Außerdem wurde die Discographie um einige Stücke ergänzt. Für nähere Informationen zur Discographie und natürlich auch für allgemeine Fragen, Anregungen und Kritik bin ich über die angegebene Emailadresse zu erreichen.

Download (PDF):

„Jäger und Sampler. Kreativität und Innovation am Beispiel des Samplings“

Für die Zitierweise der Arbeit möchte ich folgende Angaben vorschlagen:

Fischer, Georg (2013): Jäger und Sampler. Kreativität und Innovation am Beispiel des Samplings, Diplomarbeit, TU Berlin, Institut für Soziologie. Online: https://jaegerundsampler.wordpress.com/2013/06/21/kreativitaet-und-innovation-des-samplings-diplomarbeit

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Zusammenfassung

Jäger und Sampler. Kreativität und Innovation am Beispiel des Samplings (Diplomarbeit)

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der musikalischen Praxis des Samplings unter den Gesichtspunkten Kreativität, Neuheit und Innovation. Nach einer Diskussion und konzeptionellen Aufbereitung dieser Schlüsselbegriffe aus sozialwissenschaftlicher Perspektive richtet sich der Fokus der Arbeit auf die historische Analyse des musikalischen und künstlerischen Phänomens Sampling. Zuerst werden die Vorläufer aus der akademisch-künstlerischen Avantgarde-Bewegung und der „Neuen Musik“ (etwa von 1900 bis 1975), anschließend die Populär- und Subkulturen von HipHop und Drum’n’Bass (etwa von 1970 bis 2000) untersucht. Zur Untersuchung können die folgenden beiden Hauptthesen formuliert werden:

Erstens soll anhand der Historie des Samplings aufgezeigt werden, dass es sich hierbei weder um eine schnelllebige Mode noch um eine alles umschmeißende Revolution, sondern vielmehr um eine Innovation mit brüchiger Entwicklung, vielfältigen Konsequenzen und diversen gesellschaftlichen Referenzen handelt. Die Ausmaße dieser Sampling-Kultur lassen sich eigentlich erst mithilfe eines breiten Innovationsbegriffs adäquat begreifen. Von besonderem Interesse ist hierbei die Beobachtung, dass die bis zur Jahrhundertmitte eher vereinzelt auftretenden Samplingversuche sich mit den Formationen der „Musique concrète“, der „Elektronischen Musik“ und der „Minimal Music“ erstmals systematisch verdichten und eine eigene, wissenschaftlich unterfütterte Produktionskultur entstehen lassen. Aber erst in den 1970er Jahren kann mit der Soundsystem- und DJ-Kultur des HipHop, also in einem anderen sozialen Kontext, unter spezifischen technischen Voraussetzungen und besonderen Motiven, das Sampling erneut erfunden und weiterentwickelt werden sowie schließlich als Innovation in gesellschaftlicher Breite diffundieren.

Zweitens können beim Sampling verschiedene Formen von Kreativität beobachtet werden, die sich in der Entwicklungsgeschichte innerhalb spezifischer Sampling-Praktiken etablieren und rückgebunden an Genre-eigene Regelsysteme ausprägen konnten. Jene kreative Praktiken des Suchens, Gestaltens und Sinnstiftens von Samples finden in kreativen Verbünden verschiedener Größe, innerhalb spezifischer institutioneller Settings und auf Grundlage eines gemeinsam geteilten Produktionsparadigmas statt. Die zweite These mündet in der Schlussfolgerung, dass die Stücke, die in HipHop und Drum’n‘Bass auf der Grundlage von Samples produziert werden, einer dreifachen Forderung nach Kreativität ausgesetzt sind: Erstens durch das Finden unverbrauchter, aber ästhetisch anschlussfähiger Samples; zweitens durch die Transformation und Ausgestaltung dieser Samples zu attraktiven „Tracks“, die Publikum, Kollegen und Konkurrenz bestenfalls beeindrucken; drittens durch Aufführung dieser Tracks in Form von DJ-Sets und damit durch ihre Einbettung in neue musikalische Zusammenhänge.

English Abstract

Creativity and innovation in the culture of musical sampling (diploma thesis)

The following paper deals with the musical practice of sampling considering the aspects of creativity, novelty and innovation. After a discussion and conceptual refining of these key concepts from a sociological point of view, the paper focuses on the historical analysis of sampling as a musical and artistic phenomenon. First, the musical and artistic ancestors from the “Avant-garde” movement and the “New Music” (from about 1900 to 1975) are presented before looking into the popular and sub-cultures of HipHop and Drum’n’Bass. Based on this historical perspective, the paper provides the following two main assumptions:

First, the history of sampling shows that the practice of sampling is neither a fast moving fad nor a groundbreaking revolution. Instead it should be understood as an innovation with fractured development, manifold implications and miscellaneous references. The dimensions of this sampling culture can only be seized when applying a wide concept of innovation. In this context, one observation is of particular interest. The first attempts of sampling that occurred until the middle of the century can best be described as stray. With the formation of the „Musique concrète“, the „Elektronische Musik“ and the „Minimal Music“, the various developments started to concentrate more systematically and an own scholarly culture of production emerged. However, it was the soundsystem and DJ culture of HipHop in the 1970ies, with its own social context, specific technological conditions and particular motives that led to the re-invention and sophistication of sampling and ultimately to its diffusion as a socially acknowledged innovative practice.

Second, sampling involves various, separate forms of creativity based on certain sampling styles and genre-specific rules. Those creative practices of searching, shaping and producing meaning of samples take places in creative networks of differing size, within specific institutional settings and on the basis of a shared paradigm of music production. The second assumption leads to the conclusion that HipHop and Drum’n’Bass tracks produced on the basis of samples underlie a threefold demand for creativity: first, finding unconsumed but aesthetically compatible samples; second, transforming and shaping those samples into attractive tracks, that ideally impress the public, colleagues and rivals; third, performing these tracks in DJ mixes in order to embed them in new musical contexts.

Übersetzung: Georg Fischer und Dominik Golle

Re-Links:

Blogeintrag bei Sturm und Drang, Hamburghttp://www.sturmunddrang.de/agenda/insights/von-j%C3%A4gern-und-samplern-wie-kreativ-ist-die-remix-kultur

Interview mit Recht auf Remix, Berlinhttp://rechtaufremix.org/remixer-9-georg-fischer-sampling-ist-eine-weitverbreitete-schattenpraktik/?lang=de

Erwähnung bei </pasted> Radio: http://pasted-radio.de/player/2

Jan Kühn, Berlin Mitte Institut und TU Berlin: http://www.berlin-mitte-institut.de/kreativitaet-innovation-beispiel-samplings-diplomarbeit/ 

Peter Tschmuck, Institut für Kulturmanagement und Kulturwissenschaft (IKM) der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien: http://musikwirtschaftsforschung.wordpress.com/wissenschaftliche-arbeiten/

Philip Stade, Freie Kultur und Musik Blog und Hochschule für Musik und Tanz Köln: http://freiekulturundmusik.wordpress.com/2013/07/16/kreuz-und-quer-durch-die-letzten-monate/

DFG-Graduiertenkolleg „Innovationsgesellschaft heute“ der TU Berlin: http://www.innovation.tu-berlin.de/ 

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Recht auf Remix: Kampagne auf der re:publica gestartet

Am 7. Mai hat die Digitale Gesellschaft auf der diesjährigen re:publica ihre Kampagne „Recht auf Remix“ ins Leben gerufen. Das Ziel des Projekts ist, eine breite gesellschaftliche Debatte zu den rechtlichen Barrieren für niedrigschwellige Kreativität bei digitalen Inhalten anzuschubsen, z. B. bei Mashups, Videos, Foto-Remixes, etc. Natürlich spielen die rechtlichen Rahmenbedingungen auch und gerade beim Sampling in der Musik eine entscheidende Rolle, wie vor allem die Geschichte des HipHop und Sample-Clearing in den Neunzigern zeigt. Der Publizistik Dirk von Gehlen, der auch bei „Recht auf Remix“ mitmischt, hat diese Vorgehensweise des digitalen Schöpfertums passenderweise als „kreative Kopie“ bezeichnet.

Hier ein Auszug aus der Pressemitteilung, die das Vorhaben „Recht auf Remix“ auf den Punkt bringt:

„Mit dem Internet sind Remix und andere Formen kreativer Kopie Teil des kommunikativen Alltags breiter Bevölkerungsschichten geworden. Im aktuellen Urheberrecht sind Remix und Remixkultur allerdings nicht vorgesehen. Markus Beckedahl, Vorstand des Digitale Gesellschaft e. V., sieht deshalb Handlungsbedarf: “Ein Recht auf Remix ist inzwischen eine grundlegende Voraussetzung für die Kunst- und Meinungsfreiheit in einer digitalen Gesellschaft.

Die derzeitige Rechtslage sei zum Nachteil aller Beteiligten: Wer Werke verändert und anderen zugänglich macht, riskiert abgemahnt zu werden, gleichzeitig bekommen die Urheber der verwendeten Werke keine Vergütung. Der Vorschlag des Digitale Gesellschaft e.V. sieht stattdessen ein Bündel aus drei vergüteten Kreativitätsrechten vor:

  • Das Recht, Werke bei der Nutzung zu verändern und das Ergebnis öffentlich zugänglich zu machen. (Pauschalvergütetes Transformationsnutzungsrecht – Beispiel: Hintergrundmusik im Handy-Video)
  • Das Recht, Remixes von bestehenden Werken zu erstellen und diese öffentlich zugänglich zu machen. (Pauschalvergütetes Remixrecht – Beispiel: Fake-Trailer einer Fernsehserie)
  • Das Recht, gegen Zahlung einer angemessenen Vergütung, Remixes auch kommerziell zu verwerten. (Lizenzpflichtiges Remixverwertungsrecht – Beispiel: Verkauf von Musik-Mashup via iTunes)“

Hier kann man sich für die Petition eintragen. You gotta fight… for your right… to remix…

recht auf remixUnd hier erklärt Leonhard Dobusch, einer der treibenden Kräfte hinter „Recht auf Remix“, was die Kampagne erreichen will:

In the Mix: Ghost Notes „Slowphisticated“ @ BLN.FM

Heute Abend stand ich das erste Mal hinter dem Mikrofon: als DJ, der interviewed wird! Anlass dafür ist mein bisher unveröffentlichter Mix „Slowphisticated“, der bei Markus Scholl in der Sendung „Mixed Up“ auf BLN.FM laufen wird. Die Sendetermine sind:

Freitag, 21.12.2012, 22 Uhr

Mittwoch, 26.12.2012, 22 Uhr

Der Mix ist so eine Art Herzensangelegenheit gewesen, weil ich schon vor etwa einem Jahr dazu die Idee im Kopf hatte. Was passiert, wenn der DJ im Laufe seines Sets die Geschwindigkeit nicht hoch schraubt – sondern runter? Dass das funktionieren kann und auch für das Publikum, das ja meist nicht so tief in der Musik steckt wie die DJs, Spaß macht, weiß ich spätestens seit einem DJ-Set von Scuba und seiner DJ-Kicks auf !k7. Langsamer zu werden, ohne dabei die Zugkraft zu verlieren, ist der eine Aspekt von „Slowphisticated“.

Der andere ist das Genre „Slow House“, das es mir in den letzten zwei Jahren sehr angetan hat. Gemeint ist House, der irgendwo unterhalb der 115 BPM-Grenze bleibt oder sich sogar der magischen 100 BPM-Marke annähert. Von den Anfängen aus dem Warehouse in Chicago und der Paradise Garage in New York weiß man, dass die DJ’s durchaus so langsame Musik aufgelegt und ineinander gemixt haben, ganz einfach weil House aus Disco hervorging und das Genre damals noch nicht so gefestigt war wie heute. So begann ich also meine Fühler in Richtung Slow House auszustrecken und die Langsamkeit für mich zu entdecken. Und siehe da, ich stieß auf einen ganzen Haufen Tracks, die für die geringe Geschwindigkeit erstaunlich viel Groove entwickeln konnten. Oft waren das Produktionen, die vielleicht als Fingerübungen oder als deviantes Experiment mit der Geschwindigkeit durchgehen mochten. Oft waren es aber auch Edits aus dem Disco-Bereich.

Interessanterweise entdeckte ich aber auch viele Tracks aus UK, die noch mehr als die deutschen Produktionen den Fokus den Bass legten. Ich sammelte einige Zeit diese Tracks und überlegte mir eine Dramaturgie. Inspiriert wurde ich dabei von einem Gespräch mit Sencha aus Leipzig, der ähnliches Interesse für diese langsame Spielart von House zeigte. Und natürlich wurde ich auch von den tollen Mixes aus dem Hause Behling & Simpson inspiriert, die mit ihrer Slow House Reihe offensichtlich einen Nerv getroffen haben, wie Behling schreibt:

„Well, that was a surprise – the Slow House 2 mix from the other month has been one of the most popular mixes we’ve ever hosted here on BMB. We’ve been needled ever since by people asking for a sequel – so here it is; by ‚Behling‘ – hopefully you’ll enjoy it.“

Link: Behling & Simpson – Slow House 2 (Jan 2011)

Auch Walter Marinelli hat sein schickes Slow House Set live @ Fette Ecke online gestellt, das mich inspiriert hat, einen eigenen Mix aufzunehmen. Und der läuft also nun bei BLN.FM.

Viel Vergnügen beim Wippen, Kopfnicken, Bouncen, Fachsimpeln, whatever…

  1. Typesun – Last Home (GN Edit) – Futureboogie
  2. Erdbeerschnitzel – Through the Night – Mirau
  3. Matthias Reiling – Apology Girl (Tornado Wallace Remix) – Giegling
  4. Joe – MB – Hemlock
  5. Gilbert Graef – Are You There – Box aus Holz
  6. Jesse Rose – Nice & Slow – Frontroom
  7. Andi De Luxe – Boobse Collins – Dikso
  8. Chapter Three – Smurf Tek (The Revenge Edit) – Zedd
  9. Mosca – Bunching – unsigned
  10. Atjazz – For Real (Andreas Saag’s Slowdown) – Westbury
  11. Trickski – Pill Collins – Suol
  12. Herb Alpert – Rise (Charles Large Edit) – unsigned
  13. Maxmillion Dunbar – Bare Feet (Ramp)

still too fast

Simon/off – Deep drivin‘ Dubstep aus Graz

Simon/off steht für die Grazer Variante eines deep drivin’ Dubstep, in dessen Zentrum weniger die reine Exegese von Wobble thematisiert, sondern vielmehr und ganz bewusst eine Öffnung der Produktionen hin zu wärmeren, verspielten oder sogar ironischen Elementen angestrebt wird.

Georg Fischer traf Simon/off Mitte Mai im Forum Stadtpark zum Interview und sprach mit ihm über seine musikalische Sozialisation, Graz als Bristol Österreichs und die Narrativität komplexer Rhythmusstrukturen.

 
Das Interview ist ursprünglich erschienen in SKUG, Journal für Musik#87.
Ein Radiofeature mit einem Set von Simon/off wurde bei BLN.FM ausgestrahlt.

Es ist ein entspannt wirkender Simon/off, dem ich Mitte Mai auf der sonnigen Terrasse im Grazer Forum Stadtpark zum Interview gegenüber sitze. Zwischen der Leitung eines Workshops und einem DJ-Set am Abend hat er Zeit für das Interview mit skug gefunden. Im Hintergrund hört man leise den Soundcheck für ein Konzert, das am Abend stattfinden wird. Das Forum, so wird sich im Verlauf des Gespräches herausstellen, ist für Simon/off so eine Art Homebase und für Graz ein wichtiger Knotenpunkt der kulturellen Infrastruktur, werden hier doch Filme gezeigt und ganze Filmfestivals veranstaltet, Workshops und Ausstellungen angeboten und natürlich auch Musik in Form von Konzerten und DJ-Sets gespielt. Viele Angebote des Hauses, das sich als Plattform für Akteure der lokalen, österreichischen und internationalen Kulturproduktion versteht, sind kostenlos und damit natürlich für den Nachwuchs attraktiv, die Lage inmitten des grünen Parks ist zudem einladend.

Simon/off erzählt, dass seine ersten musikalischen Gehversuche mit acht Jahren in collagenartigen Radiosendungen stattfanden, welche er und seine beiden Brüder mit Hilfe eines Tape-Recorders aufnahmen und im Pause-Button-Style zusammenschnitten. Leider sei von diesen Tapes nicht mehr allzu viel übrig, denn »ans Archivieren denkt man ja mit acht, neun Jahren noch nicht«. Ein paar Jahre später formierten sich die drei Brüder zum gemeinsamen Musikprojekt Winterstrand. Simon versuchte sich an Produktionssoftware und analogen Geräten, entdeckte Jungle und Drum’n’Bass aus London für sich und mit ihm auch die DJ-Kultur. Gerade der Einfluss des britischen Basses und die musikalische Bindung zu seinen Brüdern sollten ihm genug Schubkraft verpassen, um sich fortan als Solomusiker einer gleichermaßen flippigen, flächigen wie tief gehenden Variante von Dubstep zu widmen.

Simon, du produzierst als Simon/off Dubstep und bist auch als DJ aktiv. Wie hat sich denn dein Interesse dafür entwickelt?

Simon: Das begann so Mitte der 1990er Jahre, als Drum’n’Bass aus England gerade sehr populär wurde und schließlich auch nach Österreich schwappte. Drum’n’Bass war für mich damals der Sound, der in meinem jungen Clubbergehirn schlichtweg am frischesten daherkam. Irgendwann später, auf jeden Fall mit einem Wahnsinns Delay, haben auch die ersten Promoter in Graz angefangen, diesen Sound zu verbreiten und auch die üblichen Verdächtigen eingeladen, also LTJ Bukem, DJ Hype, Aphrodite, und so weiter. Gleichzeitig war das für mich auch der Start fürs Auflegen und musikalisch eine sehr prägende Ära. Besonders die jazzigen, experimentelleren und auch langsameren Tracks aus West-London, die man dann unter dem Genre »Broken Beat« gefasst hat und die bewusst wieder für etwas Entschleunigung im Drum’n’Bass gesorgt haben, sind sehr einflussreich gewesen in Bezug auf meine heutigen Produktionen. Zum Beispiel die Releases auf dem Label Reinforced von 4Hero oder die Tracks von Seiji um die Jahrtausendwende herum, die waren gezielt gegen das Klischeehafte in der Struktur von Drum’n’Bass gerichtet. Der nächste Schritt war dann 2step, besonders wegen der geshuffelten Beats und der wärmeren Chords, aber das hat in Österreich einfach nicht so recht funktioniert. 2003 hab ich meine erste Tempa gekauft, das müsste die »Tempa Allstars Vol. 1« mit einem Track von DJ Abstract gewesen sein. Zu einer Zeit, in der es für das, was wir heute »Dubstep« nennen, eigentlich noch gar keinen Namen gab. 2005 bin ich dann für einige Zeit nach Berlin gegangen, parallel dazu lief auch noch das Projekt Winterstrand mit meinen beiden Brüdern, das sich zwar immer schwieriger gestaltet hat, weil wir teilweise in drei verschiedenen Städten gewohnt haben. Trotzdem haben wir insgesamt drei Alben und Dutzende Beiträge für Compilations rausgebracht. In Berlin konnte ich mich vor allem mehr auf das Produzieren von DJ-affineren Tracks konzentrieren, weil ich weniger organisatorische Aufgaben erfüllen musste als in Graz, wo ich auch als Promoter gearbeitet habe. In Berlin gab’s dann auch schon einige Parties, auf denen Garage, 2Step, Dubstep und auch Grime im Vordergrund standen. Es war eine schöne Melange vom Sound her, die auch an meine frühere Erfahrungen mit Broken Beat angeschlossen hat. Mich haben auch schon damals besonders diese Tunes interessiert, die zwischen den Stühlen standen, die man lange sucht und die eben als Verbindungsstücke zwischen den Rhythmen oder den Genres oder auch den Geschwindigkeiten fungieren können. Das war immer so ziemlich das Interessanteste für mich.

Das klingt schon sehr nach der Herangehensweise eines DJ’s, der die verschiedenen Stücke mit Tracks, die als Scharniere funktionieren, in eine Kontinuität bringen möchte.

Simon: Ja, diese Kontinuität, die ist wichtig. Auch ein Grund, warum ich angefangen habe zu produzieren, selbst wenn ich mir vor einigen Jahren noch nicht vorstellen konnte, eigene Tracks in meinen DJ-Sets zu spielen. Und jetzt mache ich das eigentlich relativ oft (grinst). Und gerade zurzeit ist es ja extrem spannend, weil sich die verschiedenen Genretraditionen sehr öffnen und geradezu auffächern, man kann eigentlich quer durch alle Bereiche spielen, sogar tempomäßig. Letztens hab ich ein DJ-Set bei in etwa 125 BPM begonnen und dann eine richtige Linie bis Juke gezogen: Zwischendrin können etwa Elektro-808-Bass-Tunes eingebaut werden, die beispielsweise von Swamp81 oder anderen Labels forciert werden, dann vielleicht noch ein paar dieser alten Detroitstücke und schließlich kommt Juke dazu ­­− und all das lässt sich tatsächlich lückenlos verbinden, durch die Genres, durch die Tempi, durch die Atmosphären. Das finde ich momentan schon sehr spannend und irgendwie schade, wenn die Leute in ihren Zwei-Stunden-Sets immer nur bei einem einzigen Tempo bleiben oder einfach bei einem Sound. Als Zuhörer langweilt mich das. Ich glaube, das können nur wenige DJs, mit ähnlichen Tracks oder im gleichen Genre Spannung aufzubauen und zu erhalten. Also, ich bin kein Fan von Acht-Stunden-Techno-Sets (lacht).

Wie würdest du dann selbst deinen Sound beschreiben, den, den du auflegst, und den, den du produzierst?

Simon: »Bassmusic«. Oder ganz einfach »Bass«.

Warum »Bassmusic«? Was findest du gut am Bass oder an diesem Begriff?

Simon: Auf der einen Seite natürlich der physische Aspekt von Bass, nämlich dass man die Musik nicht mehr nur hört, sondern auch spürt, wie sie förmlich unter die Haut geht. Und auf der anderen Seite natürlich auch, weil der Fokus auf den Bass gelegt wird, nicht nur als Zubehör, sondern als zentrales Element. Gerade an der Schnittstelle von House und Dubstep, wie zum Beispiel bei Maurice Donovan …

 … Einem der aktuellen Synonyme von Ramadanman.

Simon: Ja, genau, das ist im Prinzip Chicago-House, auch von der Coveraufmachung, die an Plattencovers aus den 1980ern erinnert. Chicago-House mit einer neuen Basskarosserie unten drunter. Von der Produktion her liegt der Fokus nicht auf der Kickdrum so wie früher, die Kickdrum ist eher dünn. Du hast vielleicht ein Intro mit der Kickdrum auf der Eins und dann kommen die flächigen Sounds, und irgendwann setzt halt der Subbass ein. Da wird die ganze Energie dieser Tracks über die Bässe transportiert. Deswegen Bassmusic. Das ist sicherlich der beste umfassende Begriff, denn diese ganzen Bezeichnungen wie »Future Garage« oder »UK Funky« engen halt doch sehr ein; in meinen DJ-Sets spiele ich ja auch nicht nur einen Style, sondern eben Soundaspekte des ganzen Genres von Bassmusic.

Welche Rolle spielen dann die Rhythmen neben dem Bass?

Simon: Die Beats sind ja von ihrer Architektur her selten Four-to-the-Floor wie beim klassischen Techno, sondern gebrochen, geshuffelt oder sonst wie verschoben. Das erzeugt so einen speziellen Groove, einen richtigen Swing, und wirkt weniger stoisch als diese ganz geraden Beatstrukturen. Dadurch kann man das Verhältnis von Melodie und Rhythmus auch immer wieder neu deuten … und gewinnt so natürlich mehr Freiheit, so ähnlich wie früher bei Broken Beat oder schrägeren Drum’n’Bass-Tracks. Viele der aktuellen Bassmusic-Produktionen haben derart frei programmierte Beats, dass das Erzählhafte fast ausschließlich über die Beats kommt und weniger über die Melodie. Natürlich arbeite ich auch sehr gern mit Melodien, besonders für euphorische Momente, das gehört einfach dazu. Aber vertrackte Beats an der Grenze zum Tanzbaren, das finde ich sehr interessant und man muss auch sehen, dass allein schon die Rhythmen im Club ziemlich gut funktionieren.

Erzähl mir doch ein bisschen was über deine Heimatstadt Graz.

Simon: Was gerade in Graz passiert ist schon sehr schön. Gerade was die Musik betrifft, hat Graz wirklich eine erstaunliche Entwicklung hingelegt in den letzten zehn Jahren, von einer Stadt mit eher provinziellem Flair hin zu einer Stadt, in der du halt die Möglichkeit hast, wirklich sehr frische Sounds zu hören und als DJ auch zu spielen. Sei es von der Seite der Locals, die hier wohnen und Musik machen, sei es von den Gästen her, die nach Graz kommen, um aufzutreten. Und auch vom Publikum her betrachtet, das wirklich sehr offen und neugierig ist auf frische Sounds. Es gibt zwei große Festivals, die mehrere Tage gehen und die jeweils mehrere Tausend Gäste haben, nämlich das »Spring« und das »Elevate«. Das ist für eine kleine Stadt wie Graz mit etwas mehr als 250.000 Einwohnern natürlich schon echt ’ne schicke Sache, muss ich sagen. Wahrscheinlich haben wir hier auch so einen gewissen Underdog-Status. Ein Freund von mir aus Wien, IZC von Dubsquare Records, hat es mal ganz gut auf den Punkt gebracht, als er meinte, dass Graz das Bristol von Österreich sei. Weil wir halt definitiv nicht im Fokus der Medien stehen, auch wenn jetzt die genannten Festivals natürlich einiges an Aufmerksamkeit erzeugen. Aber trotzdem, das Hauptaugenmerk, beispielsweise jetzt von Radiostationen wie FM4, das liegt natürlich nicht auf der Grazer Szene sondern auf anderen Arealen, vor allem Wien. Das wird hier aber gar nicht so sehr als Nachteil betrachtet, man sieht sich eher als kreative Nische im kulturellen Underground. Interessant ist auch, dass wegen der Größe der Stadt auch die Leute, die hier Parties veranstalten, auflegen oder sonst irgendwie in der Grazer Musikszene eingebunden sind, nicht in so einer Konkurrenz zueinander stehen oder sogar gegeneinander arbeiten. Wir haben hier schon einen recht großen gemeinsamen Nenner und profitieren natürlich auch von den musikalischen Synergien.

Sprechen wir noch etwas über deine Produktionen: Welche Rolle spielen Samples und Sampling bei deinen eigenen Tracks?

Simon: Sampling stellt für mich eine wichtige Praxis im Studio dar. Ich sammle ja seit vielen Jahren schon Platten aus allen möglichen Genres, zum Beispiel Reggae, Dub, Jungle und natürlich auch viel Funk, Soul und Jazz, und hab ja auch lange Zeit nur mit Platten gearbeitet. Es ist einfach nach wie vor toll, mit Samples zu spielen, sie zu bearbeiten und auszuprobieren. Ich mag es halt auch einfach zu wissen, wo der Sound herkommt, das ist auch einfach eine musikalische Kompetenz. Auch wenn es natürlich etwas oldschool ist oder sogar nerdig, denn wer fragt denn heute noch danach, welcher Schlagzeugloop von welcher Platte aus welchem Jahr da unter diesem Track liegt − oder sogar von welchem Drummer das eingespielt wurde (lacht). Aber ich halte es nach wie vor für wichtig, Musik im Kontext zu sehen. Zum Beispiel das »Think«-Drumsample von Lyn Collins, das ja auch gerade so seinen dritten oder vierten Frühling erfährt (lacht). Und es geht auch in die andere Richtung: ich habe viele Originalsamples oder musikalische Figuren über Drum’n’Bass und Broken Beat »zurückentdeckt«, indem ich mir das Originalsample dazu rausgesucht hab, um einfach nachvollziehen zu können, wie sich ein bestimmter charakteristischer Sound oder eine musikalische Idee entwickeln konnte. Und doch ist man selbst dann oft überrascht, was alles nicht synthetisch erzeugt wurde. Nimm nur das letzte Album von 2562, das besteht ja laut Promotext nur aus Samples von alten Discoplatten. Das schnallt man aber oft, zumindest beim ersten Anhören, nicht, weil es die Produktionsmethoden und die ganzen Tools mittlerweile möglich machen, überall eine knackige, unverbrauchte Kickdrum rauszuholen.

Was steht in Zukunft bei dir in puncto Veröffentlichungen an? Wird’s auch einmal ein Album geben?

Simon: Nein, das hab ich eigentlich gar nicht auf dem Programm, auch wenn ich vermutlich genügend Material beisammen hätte. Das würde vermutlich einfach keinen Sinn ergeben, man braucht da gerade im Bereich der elektronischen Tanzmusik einen Rahmen, der das Ganze fasst, der die Tracks stimmig zusammenbringt. Bei vielen Künstlern funktioniert das Format Album gut, bei anderen funktioniert es gar nicht, wenn einfach nur die angesammelten Tracks auf sechzig Minuten zusammengeschaufelt werden. Sehr oft, so sehe ich das, wäre der Output auf mehrere Singles besser verteilt gewesen als erzwungen zusammengestaucht auf eine LP. Dann schon lieber ein paar 12″’es für die DJs, ab und zu mal einen DJ-Mix und auch mal einen Gastbeitrag für Compilations, als ein Artistalbum zu machen, das als Album nicht gut funktioniert. Ich freue mich sehr, dass es über den Sommer verteilt einige Releases von mir geben wird. Zum Beispiel auf Phuture Shock, einem Label aus Bristol, dann für die Compilation von HxdB aus Kanada und auch auf B.YRSLF, einem noch recht jungen französischen Label, die auch so eine Mischung aus Juke und Dubstep forcieren, wird es was von mir geben.

Links unten:

www.simonoff.posterous.com

www.soundcloud.com/simon-off

www.forumstadtpark.at

www.disko404.org

www.skug.at

JuS Radioshow #6 – Lost in the Loop?

Die sechste und letzte Episode der Jäger und Sampler Radioshow ist in der Pipeline und wird wie immer auf BLN FM am ersten Dienstag des Monats zu hören sein! Die Abschiedsfolge ist für eine gute Gelegenheit noch einmal das los zu werden, was irgendwie bisher noch nicht so recht besprochen und gespielt wurde. Entsprechend querbeatig ist die Tracklist beginnend mit Quincy Jones und endend mit Falty DL. Thematisch geht’s dabei vor allem um zwei wichtige Aspekte des Samplings: den Gerätschaften und den Loops. Die Sendereihe zu Sampling findet damit ihr Ende, aber der Blog bleibt selbstverständlich weiter bestehen. Bleibt ebenso noch die Frage, ob es eigentlich einen Nachfolger der Radioshow geben wird oder nicht. Die Antwort gibt’s selbstverständlich auch in der Sendung!

Sendetermine:

Dienstag, 1. Februar 2011 um 20 Uhr

Mittwoch, 2. Februar 2011 um 21 Uhr

Sonntag, 6. Februar 2011 um 22 Uhr

Tune in on BLN FM!

JuS-Radioshow #5 – Bring the Big Beat back!

Die fünfte Ausgabe der Jäger und Sampler Radioshow widmet sich einem besonderen Genre, das heute ein bisschen in Vergessenheit geraten ist: dem Big Beat. Eine Stunde lang gibt’s vergessene Klassiker und Weg weisende Stücke sowie dazu gehörige Samples auf die Ohren!

Das Ganze wie immer auf BLN FM!

Bring the Big Beat back, Spockie!

Dienstag, 4. Januar 2011 um 20 Uhr

Mittwoch, 5. Januar 2011 um 21 Uhr

Sonntag, 9. Januar 2011 um 22 Uhr

Tune in on BLN FM!

JuS-Radioshow #4 – Diggin in the Crates

Nächsten Dienstag, 7.12.2010 gibt’s die Dezemberausgabe der Jäger und Sampler Radioshow auf BLN FM zu hören. Aus dezemberlichen Gründen gibt’s diesmal einige Goodies, erstens ein Interview mit Marc Hype, zweitens zwei Goldstückchen aus seinem Plattenregal und drittes einen Gastmix von Dejoe. Achja, den Funky Drummer von James Brown hätt‘ ich beinahe vergessen. Alles Weitere auf der Seite von BLN FM.

Sendetermine:

Dienstag, 7. Dezember 2010 um 20 Uhr

Mittwoch, 8. Dezember 2010 um 21 Uhr

Sonntag, 12. Dezember 2010 um 22 Uhr

Tune in on BLN FM!