Umgehungskreativität in der Medienindustrie

Nächtliche Kletterwand in Brisbane, Australien (2017) – CC BY Georg Fischer

Drei aktuelle Beiträge von mir zum Phänomen der Umgehungskreativität in der Medienindustrie (das ich hier für’s Sampling ganz genau untersucht und beschrieben habe.) Die Zusammenschau der drei Fälle zeigt ein Muster: Neue Technologien bergen stets die Möglichkeit zur Manipulation für alle diejenigen, die sie besonders gut beherrschen, Schlupflöcher erkennen und bereit sind, sie zu ihrem eigenen Vorteil einzusetzen, auch wenn sie sich damit in die Illegalität begeben und anderen Schaden zufügen. Besonders schwierig wird es dann, wenn Manipulation und Kontrollsysteme zu nah beieinander liegen.

Im Februar diesen Jahres wurde ich für einen Radiobeitrag bei Deutschlandfunk Kultur zum Thema „Bootleg Podcasts“ bei Spotify interviewt. Der Clou dabei: User laden in der Podcast-Sektion von Spotify eigene Remixes oder Coverversionen ohne urheberrechtliches Clearing hoch, obwohl sie das eigentlich in vielen Fällen tun müssten. Auf diese Weise umgehen sie die Spotify-Regularien und die strapaziöse, oftmals unergiebige Lizenzierung, denn die Podcast-Sektion wird offensichtlich nur spärlich kontrolliert. Im Beitrag argumentiere ich dann auch für eine „Ästhetik des Halbseidenen“, die so entsteht und reizvoll sein mag – denn die Stücke können nach kurzer Zeit wieder verschwinden, die dadurch entstehende Knappheit macht die Musik interessant.

Etwas anders liegt es bei den Spielchen um gekaufte, gefakte oder anderweitig frisierte Follower- und Playzahlen bei Streaming-Anbietern wie Spotify. Diese Woche kam heraus, dass Spotify bei einigen Accounts aufgeräumt hat, wodurch einige Künstler:innen beträchtliche Followerzahlen verloren haben. Dabei wurden sogenannte Fake-Accounts genauso gelöscht wie stillgelegte oder anderweitig inaktive. Es ist deshalb nicht leicht abzuschätzen, wie groß das Problem mit den Fake-Followern wirklich ist, wie ich in einem Interview für das Schweizer Radio SRF 2 sage. Klar ist allerdings: das Problem der Manipulation in der Musik- und Medienindustrie ist generell schon vorhanden, angefangen beim Payola-Skandal und endend bei dem Fakt, dass man sich leicht Follower bei Instagram, Youtube, Soundcloud, etc. kaufen kann. Beim Spotify-Konkurrenten TIDAL wurden schon 2018 große Unregelmäßigkeiten beim Abspielen bestimmter Künstler:innen festgestellt, Spotify selbst war 2019 auch wegen sogenannter „fake artists“ in den Schlagzeilen, also Künstler:innen, die nur auf Spotify zu finden sind und dort hohe Abspielraten haben, aber über die man sonst nichts im Netz findet. Auch das ist Umgehungskreativität, in diesen Fällen mutmaßlich in kriminalle Akte gelenkt.

Das bringt mich zu meinem dritten Beitrag, der diese Woche bei iRights.info zum Fälschungsskandal um Claas Relotius erschien. Hier schreibe ich, dass Relotius als digital versierter Fälscher die Schwachstellen in dem Teil des noch auf Print ausgelegten Spiegel-Verlags gezielt ausnutzte und sich auf diese Weise nach oben schrieb, Preise einheimste, Renomee generierte, etc. – wohlgemerkt mit frisierten, manipulierten oder teils komplett gefälschten Reportagen. Relotius betrieb dieses Spiel jahrelang, bis ihm sein Kollege Juan Moreno auf die Schliche kam und ihn gegen erhebliche interne Widerstände beim Spiegel überführte. Darüber hat Moreno ein lesenswertes, fast schon krimiartiges Buch verfasst – in dem er Relotius als „Steilwandkletterer“ beschreibt, daher das obige Bild – nach dessen Lektüre ich Relotius als digitalen Fälscher interpretiere und seine Vorgehensweise an der Bruchstelle von alter Printwelt und neuer Digitalwelt verorte.Denn hier konnte Relotius optimal agieren: digital recherchieren, fingieren, schreiben – und dann im Print veröffentlichen, um auf diese Weise weniger rückverfolgbar zu werden und sich der Kontrolle zu entziehen.

Interview bei Deutschlandfunk Kultur

Gestern war ich bei Deutschlandfunk Kultur in der Sendung „Tonart“ zu Gast und durfte mit Oliver Schwesig über mein Buch zu Urheberrecht und Sampling sprechen, das kürzlich beim Büchner-Verlag erschienen ist. In dem Gespräch ging es natürlich auch um die unendliche Geschichte um das „Metall auf Metall“-Sample von Kraftwerk, das Moses Pelham für „Nur mir“ 1997 verwendet hat und das seitdem alle Gerichtsinstanzen bis hinauf zum Bundesverfassungsgericht und dem Europäischen Gerichtshof beschäftigt. Aber hört selbst, ich hab das Interview mitgeschnitten und verletzte nun durch’s Hochladen des MP3 vermutlich das Leistungsschutzrecht von Deutschlandfunk Kultur… 😉

Klick: Interview Tonart 06.02.2020

Edit: Mittlerweile hat Deutschlandfunk Kultur das Interview auch in seine eigene Mediathek geladen.

Fresh from the Press: „Sampling in der Musikproduktion“ (Büchner-Verlag 2020)

Hervorgehoben

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Vor kurzem ist meine Studie, die ich zwischen 2015 und 2018 am Graduiertenkolleg „Innovationsgesellschaft“ am Institut für Soziologie der TU Berlin durchgeführt habe, erschienen: und zwar beim Büchner Verlag als klassisches Buch sowie als frei verfügbares Open Access-PDF. Das Vorwort hat freundlicherweise Leonhard Dobusch beigesteuert, worüber ich mich sehr freue.

Wer eine kurze Einführung in meine Arbeit bzw. eine Zuspitzung einer Thesen aus der Studie lesen will: Bei iRights.info gibt es einen entsprechender Artikel zum Thema. Für die ausführliche Fassung empfehle ich das Buch.

Sampling in der Musikproduktion

Das Spannungsfeld zwischen Urheberrecht und Kreativität

384 Seiten, 14,5 x 20,5 cm, kartoniert
ISBN 978-3-96317-190-1 (Print)
34,00 € (Print)
ISBN 978-3-96317-721-7 (ePDF)
27,00 € (ePDF)Büchner-Verlag, Marburg, erschienen am 22. Januar 2020.
Mit einem Vorwort von Leonhard Dobusch

20 Jahre Streit um eineinhalb Sekunden kopierte Musik? Die Auseinandersetzung im Fall »Metall auf Metall« zwischen der Musikgruppe Kraftwerk und dem Komponisten Moses Pelham beschäftigte 2019 sogar den Europäischen Gerichtshof. Sie zeigt, dass das Urheberrecht zu einem gesellschaftlichen Streitthema geworden ist, das sich aus der Nische des künstlerischen Bereichs in den Alltag nahezu aller Menschen gedrängt hat. Dieser Prozess lief nicht unbemerkt von der Wissenschaft ab und dennoch ist diese gerade erst dabei, die Implikationen und Effekte dieser urheberrechtlichen Ausdehnung genauer zu verstehen.

Der Soziologe Georg Fischer liefert die erste empirische Studie zum Sampling in der Musik, die explizit den Einfluss des deutschen Urheberrechts auf die kreative Praxis untersucht. Er zeigt die Fülle und Vielfalt an kreativen Umgehungsstrategien, die sich im Schatten des Urheberrechts ausgebreitet und verankert haben – und mit denen die Künstler_innen die eigene Sichtbarkeit sowie die ästhetische Komplexität und monetäre Verwertung ihrer Werke notgedrungen einschränken.

Die Sendung mit der Maus: Wie werden eigentlich Schallplatten hergestellt?

Die Maus hatte ich hier vor kurzem schon mal, als sie uns erklärt hat, wie die telefonische Zeitansage funktioniert (nämlich mit einem dreiarmigen Plattenspieler). In einer aktuellen Folge der Lach- und Sachgeschichten geht es um die Herstellung von Schallplatten im Presswerk. Super erklärt und sehr informativ. Prädikat: Pädagogisch wertvoll 😉

Link zum Originalbeitrag in der ARD-Mediathek.

Oder auch hier auf Youtube:

Samplingroman „White Tears“ von Hari Kunzru

Rezensionsnotiz: Vor ein paar Monaten ist der Roman „White Tears“ des britischen Schriftstellers Hari Kunzru in der deutschen Übersetzung bei Liebeskind erschienen. Ich habe das Buch letzte Woche gelesen und fand es außergewöhnlich gut, die Geschichte ist spannend erzählt und das Thema „Cultural Appropriation“ ist sensibel und wohlüberlegt in den Handlungsverlauf eingebettet. Das Buch hat mich defintiv dazu angeregt, mehr nachzudenken über das Sampling von afroamerikanischer Musik durch Weiße, ein Thema, das in der deutschsprachigen Diskussion um Sampling oft untergeht. Denn genau darum geht es: Um die Aneignung schwarzer Musik, die von Sklaverei und menschenunwürdigen Bedingungen berichtet, durch Weiße, die Platten sammeln und sampeln, aber in der Regel nicht Bescheid wissen um die Produktionsbedingungen von Blues, R&B oder Soul. Kunzru versteht es, genau diese Problematik in einen Roman zu verpacken – mit all ihren Verquickungen und Verwicklungen, aber ohne erhobenen Zeigefinger. Ich beschränke mich an dieser Stelle darauf, das Buch ausdrücklich zu empfehlen und auf einige Rezensionen zu verweisen, die mehr Aufschluss über den Inhalt geben. Der Verlag schreibt:

Ein Blues-Song, den es eigentlich nie gegeben hat, und zwei junge Männer, die besessen sind von schwarzer Musik. Eine Familie, deren unermesslicher Reichtum auf Korruption und Ausbeutung gründet, und ein vergessener Musiker, dessen Geist nicht zur Ruhe kommt. Hari Kunzrus »White Tears« ist ein flirrender Roman über eine Reise in Amerikas Herz der Finsternis, brillant erzählt, düster und poetisch zugleich.
Seth und Carter sind Musikproduzenten in New York. Tagtäglich streift Seth auf der Suche nach neuen Tönen durch die Stadt. Dabei nimmt er am Washington Square Park zufällig eine unbekannte Stimme auf, die für wenige Augenblicke einen Blues-Song intoniert. Im Studio säubert er die Tonspur der Aufnahme und sampelt sie mit anderen Tonfragmenten. Aus Spaß schreibt Carter das Stück dem fiktiven Interpreten Charlie Shaw zu und stellt es mit dem Hinweis, die Aufnahme stamme aus dem Jahr 1928, ins Netz. Unter Sammlern alter Bluesplatten wird der Song im Nu zu einer viralen Sensation. Doch dann werden Carter und Seth von einem Mann kontaktiert, der behauptet, Charlie Shaw habe tatsächlich gelebt, und kurze Zeit später wird Carter von Unbekannten auf offener Straße angegriffen und schwer verletzt. Während er im Koma liegt, macht sich Seth zusammen mit Carters Schwester Leonie auf den Weg in den tiefen Süden der USA, um dort dem Geheimnis des vermeintlich fiktiven Songs auf die Spur zu kommen. Es wird eine Reise in die Vergangenheit, wo der Tod allgegenwärtig ist …

Hari Kunzru, White Tears. Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner
352 Seiten, € 22,00
Erscheinungstermin 26. Juni 2017
ISBN 978-3-95438-078-7, erschienen bei Liebeskind

Rezensionen:

Dorian Steinhoff, Deutschlandfunk (Achtung: Spoiler!)

Andrian Kreye, Sueddeutsche

Marcus Müntefering, SPON