Wie die digitale Remixkultur unser Verständnis von Originalität verändert

Bei iRights.info, dem Webmagazin für „Urheberrecht und kreatives Schaffen in der digitalen Welt“, ist diese Woche ein Text von mir zu Daft Punks „Get Lucky“ erschienen. Anhand zahlreicher Beispiele zeige ich, wie das Lied zum Hit wurde – nämlich durch kreative Kopien. Aus einem wenige Sekunden langen Sample wurden tausende Fan-Remixes geschaffen, die vermutlich die beste Werbung für das Original waren. Wie das genau ablief, kann man bei iRights nachlesen und -hören. Danke an David Pachali für die Redaktion.

Daft Punk - Get Lucky

Everything is a Remix – The Force Awakens

Everything is a Remix

Everything is a Remix ist wieder da. Für die aktuelle Episode dekonstruiert der Filmemacher Kirby Ferguson den aktuellen Star Wars-Film in seine Bestandteile. Wie immer toll und informativ anzusehen. Ferguson analysiert dabei insbesondere die Balance zwischen Neuheit (novelty) und Bekanntheit (familiarity), die Hollywood bei Produktionen zu halten versucht.

The remix method of copying, transforming and combining is definitely used in The Force Awakens, as well as the other works of JJ Abrams. Is remixing a weak point in The Force Awakens? Is the remix method growing stale? Have we reached the limits of remixing?

 

Spring School „Ästhetik und Ethik des Kopierens, ZiF Bielefeld

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Vom 9. bis 13. Mai 2016 findet am ZiF Bielefeld eine Spring School der DFG-Forschergruppe „Ethik des Kopierens“ statt, an der ich teilnehmen und meine Arbeit in zwei Vorträgen präsentieren darf. Hier verlinkt das Programm.

Ich zitiere/kopiere mal einen Ausschnitt aus dem offiziellen Text der Forschergruppe, da ich ihn sehr anschaulich und anregend finde. Passt natürlich auch super zu meinen Forschungsthemen und -interessen.

Das Kopieren von Dingen oder Verhaltensweisen ist aus dem menschlichen Leben nicht wegzudenken. Es ist unerläßlich für individuelle und gesellschaftliche Lernprozesse, kulturelle Entwicklung und erfolgreiches Wirtschaften. Und es ermöglicht Demokratisierungsprozesse, indem Kulturgüter und relevante Informationen weithin zugänglich werden.

In welchen Fällen und in welchem Ausmaß es legitim oder illegitim sein mag, ein Artefakt, eine Idee, bestimmte Aspekte der körperlichen Erscheinung eines Menschen oder auch bestimmte Formen des Verhaltens von jemandem zu kopieren, ist jedoch vielfach strittig – wie auch die Frage, wer wem gegenüber das Recht haben sollte, Forderungen zu erheben, die auf eine Einschränkung oder die Unterbindung bestimmter Akte oder Arten des Kopierens abzielen. Annahmen über die Legitimität verschiedener Kopierpraktiken sowie von Weisen des Umgangs mit Kopien sind in verschiedenen Kulturen teilweise sehr unterschiedlich ausgeprägt, durch technische Entwicklungen sowie durch religiöse, politische und ökonomische Faktoren bedingt und historischem Wandel unterworfen.

Das wichtigste normative Instrument zur Regulierung des Kopierens in modernen Gesellschaften ist das Recht, wobei neben dem Urheberrecht bzw. Copyright im engeren Sinn auch das Patent- und Markenrecht, wettbewerbsrechtliche Normen und weitere Rechtsgebiete relevant sind. Immer größer wird jedoch die Kluft zwischen dem geltenden Recht und gesellschaftlich verbreiteten moralischen Überzeugungen hinsichtlich der Legitimität des Kopierens. Das Urheberrecht und die ihm benachbarten Rechtsgebiete verlieren deshalb national und international an Akzeptanz. Der Übergang von einer Gesellschaft, in der das Sacheigentum und die Verfügung über dingliche Artefakte eine zentrale Rolle spielte, hin zu einer Gesellschaft, in der vor allem der Zugang zu elektronischen Daten als entscheidend angesehen wird, verstärkt diese Tendenz.

 

Crowdfunding: „Copyright – Der illegale Film“

Der-illegale-Film

Vor kurzem wurde ich von dem Berliner Regisseur Martin Baer auf sein aktuelles Filmprojekt „Copyright – Der illegale Film“ aufmerksam gemacht. Derzeit läuft eine Crowdfunding-Kampagne, die Ideen und Geld zur Realisierung des Projekts einwirbt. Die Macher des Projekts mussten für ihren Ideenaufruf sowie für einige Aussagen aus dem Trailer Kritik einstecken; unter anderem war der Vorwurf der Unprofessionalität dabei, nach dem positivistischem Credo: Die Welt ist halt durchzogen von Urheberrechten und dem Schutz geistigen Eigentums, daher ist es die Pflicht der Filmemacher, die Urheberrechte zu überprüfen und die Verwendung abzuklären – falls keine Lizensierung möglich ist, hat man eben Pech gehabt. Ähnlich wie der Musikfilm „Sample: Not for Sale“, der wegen nicht einholbaren Lizenzen von verwendeten Samples niemals kommerziell verfügbar sein wird.

Soweit ich das verfolgen konnte, kamen die Vorwürfe gegen Baer und Kollegen vorwiegend von professionell mit dem Recht befassten Menschen. Vor etwa einem Jahr, also Ende Januar 2015, gab es ein ähnliches Problem, als Jan Böhmermann mit einem getweeteten Foto eine Debatte über Urheberrechte und Professionalität lostrat. Dirk von Gehlen hat damals dafür argumentiert, dass die urheberrechtliche Situation teilweise so kleinteilig und verheddert ist, dass sie nur noch von Fachleuten durchsehen werden kann:

Um es im Duktus des Abendblatts zu sagen: Wenn sogar ein Medienmensch wie Böhmermann nicht mehr richtig durchsteigt, was geht und was erlaubt ist, sollten wir vielleicht mal über die Ausgestaltung des Urheberrechts sprechen – statt einfach nur darauf hinzuweisen, dass es existiert.

So eine ähnliche Situation meine ich auch hier erkennen zu können. „Der illegale Film“ schlägt genau in diese Kerbe. Was ich daran interessant finde, ist weniger die konkrete Frage, ob/wann/wie man jetzt auf dem Tempelhofer Feld Fotos machen darf oder ob man sich mit einem Verbot abfinden muss. Ich finde das dahinter liegende gesellschaftliche Problem interessanter, nämlich die Frage nach dem Verhältnis von (technischer) Reproduzierbarkeit und (juristischer) Nicht-Reproduzierbarkeit. Die Idee dazu stammt ursprünglich von dem Medienwissenschaftler Jens Schröter, die er in dem Band „Kulturen des Kopierschutzes I“ (passenderweise sind Kondome auf dem Cover) ausformuliert hat:

Das Ausgreifen der Reproduzierbarkeit – gleich ob das Prinzip schon immer existiert hat oder nicht – auf immer weitere Gegenstandsbereiche hat zwingend die Entstehung einer technischen Nicht-Reproduzierbarkeit zur Folge. (S. 14)

Schröter will damit zeigen, dass Techniken der Reproduzierbarkeit wie Fotografie, Kopieren, Sampling, 3D-Druck, etc. auch Techniken der Nicht-Reproduzierbarkeit nach sich ziehen (z. B. DRM-Kopierschutz, juristische Verbote, Hologramme, etc.). Und ich glaube, diese Nahtstelle, an der Reproduzierbarkeit und Nicht-Reproduzierbarkeit miteinander konfligieren, platzt mit Web 2.0, Remixkreativität und user-generated content gerade richtig auf. Die im Trailer von „Der illegale Film“ gezeigten Beispiele belegen das.

Vor diesem Hintergrund wirken die positivistschen Streitereien logischerweise kleinlich. Ich finde es aber wichtig, dass das Thema einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht und entsprechend seriös, kritisch und nachvollziehbar aufbereitet wird. Leonhard Dobusch weist übrigens darauf hin, dass das Crowdfunding an sich schon ein urheberrechtlich-künstlerisches Statement ist:

Der Ansatz, eine Dokumentation über Urheberrecht via Crowdfunding zu finanzieren ist dabei für sich schon ein Statement: die mit Crowdfunding verbundene Möglichkeit zur Vorfinanzierung kreativer Tätigkeiten ist viel weniger auf ein hohes urheberrechtliches Schutzniveu angewiesen, als herkömmliche Geschäfts- und Verwertungsmodelle. Außerdem beschränkt sich der Crowd-Ansatz im Projekt nicht auf Crowdfunding, vielmehr bitten Baer und Wischmann auch um inhaltliche Vorschläge sowie um die Einsendung des persönlichen Lieblingsbildes.

Zur Crowdfunding-Kampagne von „Copyright – Der illegale Film“

Sprichwörter-Mashups

Das Schöne an Remixkultur ist ja, dass bisher Unverbundes so verbunden wird, dass daraus etwas Neues, Bemerkenswertes, Überraschendes, Seltsames entsteht. Und das geht auch mit Sprichwörtern und Redewendungen. Hier mal ein paar, eher zufällig entstandene Beispiele aus meinem Freundeskreis:

Der schimpft ja wie ein Schluckspecht!

Das ist nicht auf meiner Kuhhaut gewachsen!

Der stete Wermutstropfen, der den heißen Stein zum Überlaufen bringt.

Die letzte ist übrigens inspiriert von einem Reim von Dendemann („Dendelude III“):

Denn während Du und Deine Crew wie’n müder Haufen klingen, bin ich der Tropfen, der den heissen Stein zum Überlaufen bringt.

Wer kennt noch mehr?

Nachtrag 24.2.16: Ich wurde auf den Sprichwortrekombinator aufmerksam gemacht. Der hat mir gerade diese Goldstückchen ausgespuckt:

Was du nicht willst, das man dir tu, kann noch werden.

Das Leben ist das halbe Leben.

Und dieses hier wurde mir auch zugetragen. Das find ich auch sehr schön:

Morgenstund ist aller Laster Anfang.

Diskotheken-Monitoring und Remixkultur

Bei iRights.info, dem Onlinemagazin für „Urheberrecht und kreatives Schaffen in der digitalen Welt“, ist vor kurzem ein Artikel von mir erschienen. In dem Text beschäftige ich mich mit dem Problem der Verwertung, das Sampling-basierte Musik bei Verwertungsgesellschaften wie GEMA und GVL auslöst: Einerseits sind Remixes, Edits, Mashups, etc. extrem wichtig für die Clubkultur, andererseits sind sie aus verschiedenen Gründen nur ungenügend über das Diskotheken-Monitoring der GEMA und die pauschale Ausschüttung der GVL verwertbar. Die urheberrechtlichen Probleme der Lizensierung und des Sample-Clearings verschleppen sich dadurch zu einem verwertungstechnischen Problem. Hier lassen sich die Einzelheiten nachlesen.

DJ Shir Khan im Club | CC BY David Schwertgen

DJ Shir Khan im Club | CC BY David Schwertgen

Das Foto (aus dem Artikel und dieses hier im Blog) ist übrigens ein Ausschnitt aus David Schwertgens sehr empfehlenswerter Remix-Doku „Collage Culturel“, die in drei Teilen bei Arte lief und jetzt auf Vimeo angesehen werden kann. David Schwertgen besucht in der zweiten Folge den DJ und Produzenten Shir Khan (passenderweise heißt dessen Label auch noch „Exploited Records„) und befragt ihn zu Remixes, DJing und Copyrights. Das Interview gibt’s hier auch als Textfassung.

Infografik: How to sell sample-based music without getting sued

Witzig, traurig und informativ zugleich: Eine Infografik über Sample-Clearing, aufgebaut als Entscheidungsbaum:

Remixing without getting sued, Graphic by Ben Jackson and Chris Ritter

Remixing without getting sued, Graphic by Ben Jackson and Chris Ritter

 

Im „Kleingedruckten“ des Beitrags zeigt sich dann auch, wie kompliziert das Juristische ist. Natürlich ist die Infografik nicht vollkommen wasserdicht, daher wird auch jegliche Haftung ausgeschlossen.

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