Ich möchte nicht, dass ihr meine Lieder singt

Diese Zeile sang Jan Delay vor ein paar Jahren mal, und auch die Toten Hosen (bzw. ihre Fans) hatten wegen der CDU mal so ein Problem. Aktuell geht es aber um den Fall des Musikers Kai Niemann, der 2009 ein Stück mit dem Titel „Wir sind das Volk“ schrieb, das die Pegida mittlerweile auf ihren Veranstaltungen spielt.

Die Süddeutsche Zeitung hat nun mal den Münchner Medienanwalt Konstantin Wegner befragt, was sich da machen lässt. Die Antwort heißt, nicht den Umweg über die GEMA zu gehen, die da als Verwertungsgesellschaft da nämlich nix machen kann, sondern sich als Autor auf das Urheberpersönlichkeitsrecht zu beziehen. So kann geprüft werden, ob es sich um einen entstellenden Eingriff handelt, der „indirekt“, also nicht am Werk selbst, sondern durch dessen Re-Kontextualisierung entsteht. Konstantin Wegner führt da das Beispiel der Band Springtoifel an:

Die Band Springtoifel hat 1992 einen Prozess gegen ein Label geführt, das zwei ihrer Songs ohne ihr Wissen für einen Sampler benutzt hatte, auf dem auch neonazistische Bands vertreten waren. Das Oberlandesgericht Frankfurt urteilte, das sei ein indirekter Eingriff in das Werk der Band. Das wurde zur Musterentscheidung für entsprechende Fälle. Natürlich ist es nicht immer eindeutig, ob es ein schwerwiegender Eingriff ist, aber dass Niemann keine Handhabe hätte, stimmt so nicht, wenn’s ihm ernst damit ist, könnte er es versuchen.

Trotzdem hat die GEMA bei der ganzen Angelegenheit eine Funktion, genauer gesagt geht es um den „Abschlusszwang“. Das bedeutet, dass die GEMA das Stück lizensieren muss, wenn Pegida einen entsprechenden Antrag für eine Aufführung bei einer Demonstration stellt. Die Situation für politische Umgebungen ist in der USA übrigens anders:

In den USA untersagen bei jeder Wahl neue Popstars den Republikanern, ihre Songs zu benutzen. Berufen die sich auch auf das Entstellungsverbot?

Nein. Amerika hat ein sehr viel ökonomischeres Verständnis des Urheberrechts und sieht es mehr als Wirtschaftsgut. Die Urheberpersönlichkeitsrechte sind schwächer ausgeprägt. Dafür kann aber vereinfacht gesprochen der Musiker in den USA die Aufführung aufgrund seiner Verwertungsrechte verbieten lassen, während das in Deutschland aufgrund des Abschlusszwangs der Gema so nicht möglich ist.

Hier geht’s zum vollständigen Interview.

Diskotheken-Monitoring und Remixkultur

Bei iRights.info, dem Onlinemagazin für „Urheberrecht und kreatives Schaffen in der digitalen Welt“, ist vor kurzem ein Artikel von mir erschienen. In dem Text beschäftige ich mich mit dem Problem der Verwertung, das Sampling-basierte Musik bei Verwertungsgesellschaften wie GEMA und GVL auslöst: Einerseits sind Remixes, Edits, Mashups, etc. extrem wichtig für die Clubkultur, andererseits sind sie aus verschiedenen Gründen nur ungenügend über das Diskotheken-Monitoring der GEMA und die pauschale Ausschüttung der GVL verwertbar. Die urheberrechtlichen Probleme der Lizensierung und des Sample-Clearings verschleppen sich dadurch zu einem verwertungstechnischen Problem. Hier lassen sich die Einzelheiten nachlesen.

DJ Shir Khan im Club | CC BY David Schwertgen

DJ Shir Khan im Club | CC BY David Schwertgen

Das Foto (aus dem Artikel und dieses hier im Blog) ist übrigens ein Ausschnitt aus David Schwertgens sehr empfehlenswerter Remix-Doku „Collage Culturel“, die in drei Teilen bei Arte lief und jetzt auf Vimeo angesehen werden kann. David Schwertgen besucht in der zweiten Folge den DJ und Produzenten Shir Khan (passenderweise heißt dessen Label auch noch „Exploited Records„) und befragt ihn zu Remixes, DJing und Copyrights. Das Interview gibt’s hier auch als Textfassung.

Diskotheken-Monitoring bei GEMA und GTI

Diskotheken-Monitoring bei GEMA und GTI

In meinem ersten Artikel für das Blog netzpolitik.org setze ich mich mit aktuellen Entwicklungen im Bereich des Diskotheken-Monitorings auseinander: Die GEMA kooperiert seit Anfang des Jahres 2015 mit einem neuen Anbieter, wobei das technisch-statistische Verfahren das gleiche bleibt und Vertreter aus dem „Underground“ wie Clubbetreiber und Produzenten damit nach wie vor benachteiligt werden. Mit dem Geo Tracking Identifier (GTI) wird derzeit jedoch ein System entwickelt, das in der Lage ist, vollständig und Track-genau die in den Clubs abgespielte Musik zu erfassen. Etwaige Hochrechnungen würden damit nahezu obsolet werden. Möglicherweise ließe sich ein Track-genaues Abrechnungssystem auch dafür nutzen, Remixes und Sample-basierte Musik für eine gerechte Vergütung von Rechteinhabern und Remixern zu nutzen.

Diese Infografik von GTI skizziert das technische Verfahren von GTI:

GTI-Screenshot

JuS-Radioshow #2 – Das Recht der Anderen

2010-10-12

Heute Abend um 20 Uhr wird die zweite Folge der Jäger und Sampler Radioshow auf BLN FM ausgestrahlt. Diesmal geht es unter anderem um die rechtlichen Rahmenbedingungen des Samplings, was für Probleme dadurch entstehen können und wie diese wiederum künstlerisch reflektiert werden. Es wird ein spannender Galopp mit einer Menge HipHop, Funk, Uk-Funky und Techno.

Tune in on BLN FM!

Sendetermine: Dienstag, 12.10.2010, 20 Uhr und Samstag, 16.10.2010, 19 Uhr

Danach wird die Sendung wie gewohnt auch als Podcast zur Verführung stehen!

In der Kürze liegt die Würze: Das Microsampling

2010-08-20

Wenn man ausschließlich mit sehr kurzen Samples arbeitet, mit einer Länge von, sagen wir: unter 2 Sekunden, und daraus etwas Neues zusammstückelt, so bedient man sich einer Technik, die heute meist unter dem Label „Microsampling“ firmiert. Es spielt dabei keine Rolle, ob die klanglichen Fetzen aus anderen Musikstücken, aus der Natur oder sonstigen (Alltags-)Geräuschen stammen, wichtig ist nur die dahinterstehende Idee, die Samples zu dekontextualisieren, also aus ihrem ursprünglichen klanglichen Kontext zu lösen und anschließend neu zu kombinieren. Ein ziemlich gelungenes, weil grooviges Beispiel findet sich in diesem Autowerbespot:

Aufsehen erregend war auch die Aktion des Künstlers und Komponisten Johannes Kreidler, der 2008  ein 33-sekündiges Stück namens „Product Placements“ der Öffentlichkeit präsentierte, das er aus 70.200 (!) Samples  zusammenfügte. Die einzelne Fragmente, deren Länge von Bruchteilen einer Sekunde bis hin zu 2 Sekunden reicht, meldete er alle ordnungsgemäß bei der GEMA an und fuhr dafür extra mit einem Lastwagen voller ausgefüllter Anmeldebögen bei der Verwertungsgesellschaft vor. Kreidler, übrigens selbst auch GEMA-Mitglied ist, komponiert auch sonst mit der Technik des Microsamplings und will mit seiner Aktion die rückständige und künstlerisch behindernde Handhabung des geltenden Urheberrechts konterkarieren und kritisieren, nach dessen Sinne die GEMA Samples hinsichtlich Verbreitung und Vergütung verwertet. Das Stück selbst kann man sich hier an anhören, eine interessante Dokumentation des Projekts findet sich hier:

Kreidlers Aktion, in ihrer Progressivität ziemlich einzigartig, zielt auf den unterschiedlichen Einsatz eines Samples als Referenz oder Instrument, welchen das derzeitig geltende Urheberrrecht jedoch schlichtweg übergeht: indem jede Verwendung von musikalischen „Fremdanteilen“ als „Zitate“ aufgefasst wird, wird eine Grenze verwischt, die für Musikproduzenten, Komponisten, Remixer und Mash-Up-Künstlern, eben für alle Jäger und Sampler, durchaus praxisrelevant ist, gerade in einer Medienumgebung von mp3 und youtube.

Bleibt natürlich die Frage, wo dann die Grenze zwischen dem instrumentellen Einsatz eines Samples (also ohne explizite Referenz) dem als erkennbares Zitat nun zu ziehen ist? Kreidler selbst verwendete beide Einsatzformen, wie er an Minute 6:36 in der Doku angibt. Entscheidungen mithilfe des Maßstabs der binär codierten „Schöpfungshöhe“ sind sicherlich nicht mehr ganz zeitgemäß, wenn es um Fragen musikalischer Fetzen und ums „Pflaumen kopieren“ (haha!) geht, aber wie könnten Alternativen aussehen?

Als musikalische Denkbegleitung und um den Bogen wieder zu schließen, hier noch ein schöner Microsampling-Track von Akufen.