Underground x Hochkultur? DJs vor neuen Kulissen, Institutionen mit neuen Publika

Was ich derzeit interessant finde: Wie die Pandemie mit dazu beigetragen hat, dass gestreamte DJ-Sets vor irgendwelchen beeindruckenden oder visuell interessanten Kulissen stattfinden – halt ohne Publikum, nur für den Heimgenuss.

Das könnte auch zu neuen oder stärkeren Allianzen zwischen dem „Underground“ und der „Hochkultur“ führen, wenn es dann nicht schon längst hat: Die DJs bringen das Publikum, die Institutionen den Hintergrund.

Ein paar Beispiele, die ich zuerst auf Twitter gesammelt habe, aber die hier auch gut aufgehoben sind. Vielleicht erweitere ich diese Liste auch bei Zeiten, es gibt sehr viel Material und ich will an dieser Stelle mal einen Notiz machen.

Djrum in der Tower Brigde: Vor dem Video erzählt er ein bisschen und stellt einen Vergleich zwischen dem architektonischen Kulturerbe und der Musikkultur her. Die Brücke wird dann im Verlauf des Videos von Innen beleuchtet, im Takt der Musik. Sieht ganz witzig aus, wie so ein Frequenz-Visual:

PanPot in der Berliner Staatsoper:

Und hier zwei Beispiele, die weg gehen von „Hochkultur“:

Charlotte DeWitte auf Rennstrecke: Die Formel 1 macht sich die publikumslose Zeit mit Charlotte de Witte zu Nutze und lässt einen Sportwagen an ihr vorbeisausen, der während ihres DJs-Sets seine Runden auf der Strecke zieht.

Deborah de Luca: Vele Di Scampia: Das geht schon mehr in Richtung community building. Die italienische DJ Deborah DeLuca legt in Vele Di Scampia, einem Vorort von Neapel auf, wo in den 1960er Jahren mehrere Wohntürme errichtet wurden, die so eine Art ikonischen Status erreicht haben. Die Stadt ist auch Kulisse für diverse Mafia-Filme.

Und die Berliner Philharmoniker suchen sich ebenfalls neue Publika, zum Beispiel die Flusspferde im Zoo:

Einzigartig kaputte Kunst aus dem Automaten

Das Volkskundemuseum in Wien hat einen interessanten Kunstautomaten in ihrer aktuellen Ausstellung „Dust and Data“, der aus gleichförmigen Kopien unikate (unikative?) Originale macht – mit einer Geste des Kaufens und Kaputtmachens:

Dust and Data hat ein Automaten geschaffen, der aus Kopien Originale macht. Die Nutzer*innen des Automaten wählen eine Kopie und geben ihr damit einen spezifischen Wert. Durch den Sturz der Skulptur in das Ausgabefach, wo sie zerbricht, verwandelt sich die Kopie endgültig zu einem Original mit individuellen Bruchstellen und einer einzigartigen Menge an Bruchstücken.

Ganz pfiffig, finde ich. Bei Instagram kann man sich ein kurzes Video samt Beschreibung anschauen:

Wer sich die Ausstellung persönlich ansehen möchte, sie läuft noch bis Ende August. Wenn ich das richtig sehe, braucht’s für den Automaten ein 1-Euro-Stück.

[via]

Barcode Techno

Ich würde nicht so weit gehen, da jetzt eine konsumkritische Perspektive drauf zu legen, aber beeindruckend ist das allemal.

The Isolated Cinema

Vor kurzem fand das Göteburg Film Festival statt. Wegen der Pandemie haben die sich was Spezielles überlegt: Nämlich einen Wettbewerb und die glückliche Gewinnerin darf/muss/kann eine Woche ganz alleine auf einer einsamen Insel etwa 60 Festivalfilme schauen.

Finde ich als PR-Aktion gelungen und gleichzeitig sehr mutig – inmitten einer nahezu globalen Pandemie das Prinzip der Verknappung (von Gästelistenplätzen) ins Extreme zu steigern und nur eine einzige Person zuzulassen. Denn Vereinsamung ist derzeit sicher kein allzu knappes Gut.

Wenn man allerdings bedenkt, wieviele Menschen im Mittelmeer festhängen, sterben, zu gefährlichen Überfahrten gezwungen sind, sich alleine ohne Familie durchschlagen müssen, dann hat die Aktion auch etwas sehr Zwiespältiges. Sich freiwillig und aus Unterhaltungsgründen so einer extremen Situation auszusetzen, das ist ein großes Privileg.

Interessant finde ich die Vermarktung des Bewerbungsaufruf in Thriller-Horror-Atmosphäre. Das Video ist gut durch die Blogs und Social Media gegangen (siehe auch hier) und hat sich so ordentlich verbreitet.

Die glückliche Gewinnerin, eine filmbegeisterte Krankenschwester namens Lisa Enroth, hat sich gegen 12.000 andere Bewerbungen durchgesetzt und eine Woche lang vollkommen isoliert auf einer einsamen Insel mit Filmen verbracht. Hut ab!

Und es geht weiter: Mit „The Deserted Arena“ und „The Empty Cinema“ gibt’s diese Saison zwei weitere solche Wettbewerbe. Ob sich Enroth erneut auf solche einsamen Erfahrungen einlassen würde, ist mir indes nicht bekannt.

Mit Debussy auf dem Snowboard

Dieses Video ging vor ein paar Jahren mal rum. Nach dem Schneefall hier in Berlin musste ich kürzlich wieder dran denken. Sehr schöne, fast schon meditative Abfahrt mit Debussy durch den verschneiten Wald.