#Incommunicado – Ein Hörbuch über Macht und Reichweite des Urheberrechts in der Musikindustrie

In den letzten Tagen habe ich 15 der insgesamt 16 Teile des Romans „#Incommunicado“ von Michel Reimon angehört. Meine Strategie war natürlich etwas blöd, denn jetzt sitze ich wie auf heißen Kohlen und warte darauf, dass nächsten Dienstag der letzte Teil und damit das Ende der Geschichte erscheint. Gibt mir immerhin etwas Zeit, um darüber zu bloggen 😉

Über das Projekt habe ich bereits im letzten Sommer ein paar Zeilen verloren, als gerade das Crowdfunding für das Hörbuch lief. Ich bin sehr froh, dass das Ding realisiert werden konnte, denn es hat mir einige sehr unterhaltsame und informative Stunden beschert – zu einem Thema, das zwar für viele dröge wirkt, aber doch immer wichtiger wird und gerade in der Hörbuchform sehr spannend vermittelt wird. Initiiert und eingesprochen wurde das Hörbuch von Fabian Neidhardt und Dennis Kröger, die sich die beiden Stränge des Buchs – Roman und Sachbuch – aufteilen. Ihnen beiden möchte ich besonders danken, dass sie die Hörfassung des Buchs in Angriff genommen und erfolgreich realisiert haben!

Das zentrale Thema von #Incommunicado ist die Rolle des Geistigen Eigentums in der Musik – und was das mit Meinungsfreiheit, (digitalem) Ungehorsam und Demokratie zu tun hat. Schon in den 1980ern schrieb der Musiksoziologe Simon Frith, dass die Musikindustrie eigentlich keine Musik, sondern Copyrights produziere (ironischerweise ist sein Text heute hinter einer Paywall):

For the music industry the age of manufacture is now over. Companies (and company profits) are no longer organised around making things but depend on the creation of rights.

Dieses Zitat könnte ein kaum passenderes Motto für #Incommunicado sein: Zusammen mit einer Anwältin gründet ein Manager aus der Musikindustrie „Volvox“, ein Unternehmen, das sich die Copyrights für alle derivative Nutzungen aller Popmusik unter den Nagel reißen will. Das meint in erster Linie Bearbeitungen, Coverversionen, Remixes, Samples, Zitate, also alles, was eine irgendwie schöpferische Auseinandersetzung mit einem existierendem Popsong oder Teilen daraus darstellt, soll von einer zentralen Verwaltungsstelle lizensiert werden. Auch das Recht für zukünftige derivative Werke will das Unternehmen sich einverleiben. Um sich zu profilieren, verklagt es eine kleine Punkband – wegen einer geradezu absurden Copyright-Verletzung, soviel sei hier verraten. Die Story wird dabei aus der Perspektive eines jungen Gitarristen und Musikjournalisten erzählt, der die Band auf ihrer Tour durch Europa und dabei ihren Protest, aber auch ihren Aufstieg begleitet. Zwischendrin gibt es immer wieder Sachbuch-artige Einschübe, um die Hörer:innen mit Details aus der Geschichte des Urheberrechts, der Kreativbranche, des Internets, teils auch der Philosophie zu versorgen. Die Doppelstruktur führt zu manchen amüsanten Dialogen:

„Stimmt genau, Kleiner. Ich sehe, du verstehst. Und instinktiv hat das die Musikbranche schon lange verstanden. Limp Bizkit gelingt der Durchbruch mit etwas, das sie Nu Rock nennen – und schon bringen alle Konkurrenzlabels ähnlich klingende Bands raus. Linkin Park wären nie so gepusht worden, wenn sie nicht dieselben Regeln befolgen würden, die Limp Bizkit bekannt gemacht haben. Wir wollten einfach eine sich öffnende Marktlücke abdecken.“

„Linkin Park verhält sich zu Limp Bizkit wie Pearl Jam zu Nirvana?“

„Das sagt zumindest Immanuel Kant, denke ich.“

„Kluger Bursche.“

„Ja, nicht wahr? Man sollte mehr alte Klassiker lesen.“

Michel Reimon beschreibt in einem Blogeintrag sehr eindrücklich den Prozess, wie es zur Idee und Entstehung von #Incommunicado kam und wie schwer es ihm fiel, die ganzen Informationen unter einen Hut zu kriegen. Ich finde, diese Aufgabe ist ihm sehr gut gelungen, ich habe das Buch mit großem Gewinn gehört. Die Idee, die absurde Ausdehnung des Copyrights/Urheberrechts in Romanform zu verpacken, ist hervorragend umgesetzt. Was mir weniger gut gefällt, ist die marginale Rolle und auch die Darstellung der Frauen. Den Bechdel-Test würde #Incommunicado nicht bestehen, das wird auch das letzte Hörbuch-Kapitel sicher nicht mehr rausreißen: So hat bspw. nur eine Frau, die zudem meist als „Mädchen“ beschrieben wird, überhaupt eine Sprechrolle; bei wichtigen Entscheidungen der Band hat Anna trotz ihrer Funktion als Sängerin eigentlich kaum etwas zu sagen. Das ist natürlich schade und passt auch nicht so recht zu dem linksliberalen Drive, den das Buch vor allem in der zweiten Hälfte bekommt. Trotz dieses Wermutstropfens ist #Incommunicado ein sehr zu empfehlendes Buch, das weiterhin unter CC-Lizenz NC-SA 3.0 zur Verfügung steht und in der Hörbuch-Form von Fabian Neidhardt und Dennis Kröger große Freude bereitet!

#Incommunicado im Mokita-Blog von Fabian Neidhardt 

#Incommunicado im Stream bei archive.org (dort lassen sich auch alle bisher erschienenen Teile in einem .zip herunterladen):

Achtung, Aufnahme! In den Schmieden des Pop: Generation Sampling (Arte Doku)

Arte hat derzeit mit „Achtung Aufnahme! In den Schmieden des Pop“ eine sehenswerte französische Dokureihe über die Geschichte der Popmusik online. Im finalen Teil (6/6) geht es um Sampling, seine Entstehung, Verbreitung und Entwicklung, auch im Zusammenhang mit den rechtlichen Problemen und den neuen Clearing-Strategien ab den 1990er Jahren. An manchen Stellen ist die Doku etwas platt, zum Beispiel als gesagt wird, dass Sampling nur noch für extreme reiche Musiker wie Puff Daddy möglich ist – das ist natürlich Quatsch. Aber trotzdem: alles in allem sehr sehenswert! Ich empfehle auch den Teil über die Musikproduzenten (3/6) und darüber hinaus Mediathekview, um die Dokus aus den Mediatheken zu „befreien“ 😉

Die sechsteilige Dokureihe beleuchtet die Geschichte der Musikaufzeichnung, lässt Größen der Unterhaltungsmusik zu Wort kommen und bringt musikalische Meilensteine zu Gehör. In der sechsten und letzten Folge geht es um eine der revolutionärsten Techniken der letzten 40 Jahre: das Sampling.

Es war eine der revolutionärsten Neuerungen der letzten 40 Jahre: das Sampling. Dabei werden Teile bereits bestehender Stücke herausgeschnitten und – oft als Loop – in neue Songs integriert. Diese Technik kommt eigentlich aus dem jamaikanischen Dub, dem Funk à la James Brown und der Discobewegung. Das Genre mit den meisten Samples ist aber eindeutig der Hip-Hop. Afrika Bambaataa, Darryl McDaniels von RUN–D.M.C., Chuck D von Public Enemy, Adam Horovitz von den Beastie Boys, RZA vom Wu-Tang Clan und der französische Rapper Akhenaton sind Meister dieser Kunst. Sie kommen in der Sendung selbst zu Wort und verteidigen das, was die Musikindustrie als Plagiat bezeichnet. In der Vergangenheit kam es bereits zu zahlreichen Gerichtsverfahren. Heute ist es kaum noch möglich, Samples zu verwenden – sehr zum Leidwesen von Rappern und Produzenten, die wehmütig an alte Zeiten zurückdenken. Neben dem Hip-Hop werden aber auch andere Genres unter die Lupe genommen. Für die Musik von Jean Michel Jarre und Moby sind Samples ebenso unverzichtbar.

 

Lost in the Loop: Bonobo „Kerala“ Musikvideo

bonobo-kerala-stillBonobo hat für den Winter 2017 sein neues Album „Migration“ auf „Ninja Tune“ angekündigt. Dazu gibt’s als erste Auskopplung den Track „Kerala“, freilich mit dem typischen Bonobo™-Sound: gebrochener Rhythmus, warm-weiche Harmonien, mitnehmende Melodie. Hat ’nen ordentlichen 2Step-Touch, ist aber ansonsten ziemlich rund vom Sounddesign. „Kerala“ an sich ist schon sehr gut, aber erst die Verbindung mit dem Video macht das Ganze außergewöhnlich.

Im Video sieht man eine Frau (gespielt von Gemma Arterton), die offenbar eine Panikattacke oder ähnliches erleidet, wobei sie dabei durch London (?) irrt und immer wieder Leute anrempelt. Andere wollen ihr helfen, was sie aber nicht zulässt. Es ist ziemlich klar, dass die Frau vor irgendetwas ziemlich Schiss hat, es wird aber nicht so klar, was genau. Apokalypse? Am Anfang sieht man etwas Brennendes über den Horizont flitzen und an einer Stelle deutet die Frau erschrocken in den Himmel, was Pitchfork zu der Deutung veranlasst hat, sie renne vor einem Meteoriten weg. Es wird aber nicht wirklich aufgelöst, was da genau los ist; der Schlussteil legt aber zumindest nahe, die Lösung im Himmel zu suchen.

Das Video wurde von Bison aus London produziert. Dabei wurde eine Technik angewendet, die ich vorher so noch nicht gesehen habe. Die Videospur läuft nicht konstant durch, sondern ist aus lauter Loops zusammengesetzt, die leicht versetzt aneinander schließen. Die Loops sind dabei an den Takt des Tracks angepasst, wodurch ein eigenartiger Effekt entsteht: die Frau steckt gewissermaßen in ihrem eigenen pyschotischen Loop fest und kommt nicht so recht vorwärts. Die ganze Handlung zieht sich unerträglich wie Kaugummi.

Das Video ist beim ersten Mal extrem anstrengend anzusehen, fand ich. Trotz oder genau deswegen habe ich es mir dann aber mehrere dutzend Male angesehen. Bei den ersten Malen war mein Hirn noch so sehr damit beschäftigt, aus den ganzen Zeit-versetzten Loops ein Gesamtes „herauszusehen“ um die Handlung zu checken – dann aber schärfte sich mein Blick auf die Details, die mir irgendwie komisch vorkamen.

Und wie immer in solchen Fällen der Irritation befrage ich die Kommentare unter dem Video, um herauszufinden, ob es den anderen ähnlich ging. Youtube ist in dieser Hinsicht ja eine sehr ergiebige Plattform. Viele Kommentator:innen beklagten sich über den Schnitt. Manche erinnerten die strange loops an eigene Drogenerfahrungen und/oder Panikattacken: beides recht naheliegend.

Ein Youtuber sammelte mit Hilfe der anderen die seltsamen Stellen:

0:00 – meteor 1:00 – rock levitating 1:50 – building floating, rotating 2:02 – door caves in 2:15 – man in restaurant’s eyes glow 2:27 – tv footage shows the video about 30 seconds into the future flipped horizontally 2:42 – man crossing street duplicates 2:50 – restaurant sign foreshadows building fire 3:03 – car gradually changes color 3:06 – man floating in sky 3:16 – fire in building 3:28 – solar eclipse 3:46 – people standing in a grid pattern, looking up 3:57 – birds take flight (or are they humans?)

Es wird dadurch zwar nicht erklärt, was die ganze Schose soll, aber man gewinnt immerhin ein paar neue Perspektiven. Ich finde die Stelle ab etwa 1:35 Min am intensivsten: man kann förmlich sehen, wie der Vocal-Loop („Yay yay yay yay“, ein Brandy-Sample – danke David und Mo!) deliriale Spiralen in ihrem Kopf dreht, dann plötzlich kickt der Bass rein, der Track hebt ab wie das sich drehende Gebäude im Hintergrund, die Panik steigt in ihr hoch wie überkochende Milch im Topf und alles zusammen lässt sie die Flucht ergreifen, bis sie sich selbst im Fernseher in der Zukunft (?) sieht und meint, nun komplett durchzudrehen. Diese Szene ist schon ziemlich fein gemacht, weil sie das, was eine Panikattacke ausmacht, auch für Außenstehende nachfühlbar macht. Gleichzeitig ist es ein toller Videokommentar auf Loop-basierte Musik. Chapeau!

Was ich auch bemerkenswert finde: innerhalb weniger Stunden tauchten schon Versionen auf, die das Video „reparierten“: die Schnitte – und damit auch die Loops – wurden entfernt, wodurch vielleicht nicht viel erreicht wurde in Bezug auf die Interpretation des Videos. Immerhin wissen wir aber jetzt, dass es nur etwa 2 Minuten Videomaterial war, das verwendet wurde. Und die Video-Reparaturen den Track natürlich zerfetzt haben.

Wie die digitale Remixkultur unser Verständnis von Originalität verändert

Bei iRights.info, dem Webmagazin für „Urheberrecht und kreatives Schaffen in der digitalen Welt“, ist diese Woche ein Text von mir zu Daft Punks „Get Lucky“ erschienen. Anhand zahlreicher Beispiele zeige ich, wie das Lied zum Hit wurde – nämlich durch kreative Kopien. Aus einem wenige Sekunden langen Sample wurden tausende Fan-Remixes geschaffen, die vermutlich die beste Werbung für das Original waren. Wie das genau ablief, kann man bei iRights nachlesen und -hören. Danke an David Pachali für die Redaktion.

Daft Punk - Get Lucky

Bundesverfassungsgericht entscheidet zu Gunsten von Sampling und Remixkultur

kraftwerk-vs-pelham-bundesverfassungsgericht-maship

Das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) hat am 31.5.2016 über den Fall „Metall auf Metall“ zwischen der Band Kraftwerk und dem Musikproduzenten Moses Pelham geurteilt. Dabei wurde das Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) von 2012 aufgehoben. Es geht um ein 1,5 langes Sample aus Kraftwerks „Metall auf Metall“ (1977), das Moses Pelham ohne Erlaubnis für das Stück „Nur mir“ (1997) verwendet hatte.

Pelham hatte zusammen mit anderen eine Verfassungsbeschwerde gegen das BGH-Urteil eingereicht und dabei vor allem damit argumentiert, dass seine künstlerische Ausdrucksform, das Sampling, und damit eine ganze künstlerische Stilrichtung, nämlich HipHop und ähnliche, nicht mehr möglich wären. Die urheber- und vor allem leistungsschutzrechtlichen Hürden, die der BGH 2012 für das Sampling anlegte, seien dafür zu hochgelegt.

Das BVerfG hat diese Verfassungsbeschwerde grundsätzlich anerkannt, wobei das meiner Meinung nach noch nicht bedeutet, dass Sampling dadurch vollständig legalisiert wäre. Doch die Verfassungstreue, möchte das BVerfG damit zumindest sagen, ist bei der restriktiven Entscheidung des BGH, die mehr Hürden als Möglichkeiten einräumt, nicht mehr gegeben: die BGH-Entscheidung beschneidet die Kunstfreiheit. Damit dürfte die grobe Richtung vorgegeben werden, die das höchste deutsche Gericht für die künstlerische Auseinandersetzung mit urheberrechtlich geschütztem Material sehen will. Es ist eine prinzipiell sehr freundliche Haltung gegenüber dem Sampling, der (digitalen) Remixkultur und natürlich der Kunstfreiheit, und bisher ohne Gleichen. Die Frage ist nun, wie geht der BGH damit um? Legt er seine Entscheidung wegen der EU-Urheberrechtstichtlinie seit 2002 sogar in weiterer Folge dem EuGH, dem Europäischen Gerichtshof vor?

Diese Dinge werden sich in den nächsten Jahren klären. In der gestrigen Pressemitteilung des BVerfG liest sich das Urteil bereits so:

Steht der künstlerischen Entfaltungsfreiheit ein Eingriff in das Tonträgerherstellerrecht gegenüber, der die Verwertungsmöglichkeiten nur geringfügig beschränkt, können die Verwertungsinteressen des Tonträgerherstellers zugunsten der Freiheit der künstlerischen Auseinandersetzung zurückzutreten haben. […] Das vom Bundesgerichtshof für die Anwendbarkeit des § 24 Abs. 1 UrhG auf Eingriffe in das Tonträgerherstellerrecht eingeführte zusätzliche Kriterium der fehlenden gleichwertigen Nachspielbarkeit der übernommenen Sequenz ist nicht geeignet, einen verhältnismäßigen Ausgleich zwischen dem Interesse an einer ungehinderten künstlerischen Fortentwicklung und den Eigentumsinteressen der Tonträgerproduzenten herzustellen.

Das BVerfG hat also die Entscheidung des BGHs kassiert, der BGH muss nachbessern. Etwas ausführlicher dieser Abschnitt, bei dem die Kunstfreiheit und die ökonomischen Interessen der Verwerter gegenüber gestellt werden. Für mich heißt das im Klartext: Die Annahme des BGH, dass durch die Entnahme eines kurzen Samples ein wirtschaftlicher Schaden entstanden ist bzw. entsteht, ist unrichtig und unverhältnismäßig gegenüber der Kunstfreiheit:

c) Die Annahme des Bundesgerichtshofs, die Übernahme selbst kleinster Tonsequenzen stelle einen unzulässigen Eingriff in das Tonträgerherstellerrecht der Kläger dar, soweit der übernommene Ausschnitt gleichwertig nachspielbar sei, trägt der Kunstfreiheit nicht hinreichend Rechnung. Wenn der Musikschaffende, der unter Einsatz von Samples ein neues Werk schaffen will, nicht völlig auf die Einbeziehung des Sample in das neue Musikstück verzichten will, stellt ihn die enge Auslegung der freien Benutzung durch den Bundesgerichtshof vor die Alternative, sich entweder um eine Samplelizenzierung durch den Tonträgerhersteller zu bemühen oder das Sample selbst nachzuspielen. In beiden Fällen würden jedoch die künstlerische Betätigungsfreiheit und damit auch die kulturelle Fortentwicklung eingeschränkt.

Sample-Lizenzen sind dagegen natürlich weiterhin ein Mittel, das auch das BVerfG gut heißt. Da sie aber beliebig hoch angesetzt oder einfach verweigert werden können, stellen Lizenzen allerdings keinen Ausgleich für die restriktive Entscheidung des BGH dar.

Der BGH hatte 2012 ein „Äquivalenzmodell“ vorgelegt, das wegen seiner waghalsigen Konstruktion viel Kritik nach sich gezogen hatte. Wenn es einem „durchschnittlich ausgestatteten und befähigten Musikproduzenten“ zum Zeitpunkt der Aufnahme möglich sei, das Sample selbst nachzustellen, dürfe es nicht gesampelt werden. Dieses Äquivalenzmodell hatte das BVerfG gestern zu Recht verworfen: Einerseits bleibt es vollkommen unsicher, wie dieser durchschnittlich ausgestattete und befähigte Musikproduzent denn aussehen solle. Andererseits wäre durch das Urteil die Situation entstanden, dass die besonders leicht nachzuspielenden Ausschnitte einen besonderen Schutz erfahren hätten. Die urheberrechtliche Schutzzone hätte sich damit nach unten hin ausgeweitet. Nach oben hin gibt es mit dem starren Melodienschutz aus §24 Abs. 2 UrhG auch schon eine Beschränkung. Dieser existiert nach dem Urteil des BVerfG natürlich noch weiter, aber die Verhältnismäßigkeit wird zu Gunsten von professionellen Produzenten und vor allem auch Amateuren gestärkt.

Besonders bemerkenswert finde ich den folgenden Abschnitt, der empfiehlt, die stilprägenden, kunstspezifischen Merkmale zu berücksichtigen. Damit wird die Ausdifferenzierung der Musik in verschiedene Genres mit ebenso spezifischen ästhetischen Anforderungen und Merkmalen anerkannt; das dominierende romantische und auch urheberrechtliche Verständnis von einmaligen Künstlergenies, die „spurenlos“ aus sich selbst schöpfen und denen sich eine maximale Herrschaft über ihre Werke ergibt, steht also nicht mehr als eindeutiges Modell im Vordergrund:

Das eigene Nachspielen von Klängen stellt ebenfalls keinen gleichwertigen Ersatz dar. Der Einsatz von Samples ist eines der stilprägenden Elemente des Hip-Hop. Die erforderliche kunstspezifische Betrachtung verlangt, diese genrespezifischen Aspekte nicht unberücksichtigt zu lassen. Hinzu kommt, dass sich das eigene Nachspielen eines Sample als sehr aufwendig gestalten kann und die Beurteilung der gleichwertigen Nachspielbarkeit für die Kunstschaffenden zu erheblicher Unsicherheit führt.

Das waren Auszüge aus der Pressemitteilung, die auf dem mehr als 20 Seiten langen Urteil beruht, das ich noch nicht vollständig zerpflückt habe. Die Argumentation ist aber sicherlich kongruent.

Lesenswerte Interviews und Artikel mit kurzer Kommentierung

Hier noch einige Texte, die ich zur Lektüre empfehlen kann und kurz kommentierte habe: David Pachali und Leonhard Dobusch sehen in ihren Beiträgen für irights.info bzw. netzpolitik.org beide eine Sympathie für Fair Use-Prinzipien:

In der HipHop- und Sampling-Szene nahm man das Urteil erwartungsgemäß positiv auf. Der HipHop-Journalist Falk Schacht macht deutlich, dass die langatmigen und komplizierten Sample Clearing-Vorgänge nicht nur die kulturelle, sonder auch die wirtschaftliche Entwicklung unnötig hemmen. Oder sogar kleine Labels in den Ruin treiben können, wie die Produzenten Figub Brazlevic und Suff Daddy nachlegen.

Der DJ, Produzent und künstlerische Leiter des Pop-Instituts der Folkwang Uni Hans Nieswandt hält nicht den Ausgang des Urteils für primär wichtig, sondern plädiert für moralische Maßstäbe und Augenmaß bei der Entnahme von Samples, also für eine „Ethik des Kopierens“ – und zwar auf beiden Seiten, bei den Samplenden als auch den Gesampelten. Passend dazu liest der ehemalige Rapper und heutige Anwalt für Urheberrecht Sebastian Möllmann aus dem Urteil zwar noch keine Rechtsfreiheit oder prinzipielle Legalität des Samplings heraus, hält ihm aber zu Gute, dass nun zwei Maßstäbe zur Beurteilung verfassungsrechtlich gestärkt seien: der Abstand zwischen Original und Bearbeitung des Samples sowie die Länge des Samples.

Im Verfassungsblog werden einige der auch oben genannten Aspekte hervorgehoben und diskutiert. Für den Autor ist das Urteil eine „echte Premiere“ hinsichtlich des Verhältnisses von Geistigem Eigentum und Kunstfreiheit.  Der BGH kommt dabei nicht so gut weg. Interessant finde ich vor allem diese Einschätzung:

Vor allem aber überzeugt die in Orientierung an der wirtschaftlichen Produktionslogik des Tonträgerherstellers vom BGH zusätzlich eingeführte Ausnahme nicht. Die analoge Anwendung von § 24 UrhG soll ausgeschlossen sein, wenn dem Entlehnenden die eigene Einspielung der aufgezeichneten Tonfolge tatsächlich möglich sei. Dann fehle nämlich jene rechtliche Angewiesenheit auf eine freie Benutzung wie bei urheberrechtlich geschützten Werken, deren Vervielfältigung auch zum Zwecke der Ermöglichung eigenen Schaffens nach § 16 UrhG ohne Einwilligung des Rechtsinhabers zunächst unzulässig wäre. Weite Auslegung von wirtschaftlichen Monopolrechten gepaart mit enger Auslegung von Schranken für kreative Weiterverwendung – dieses Rechtsregime ist nach Auffassung des Verfassungsgerichts mit der Kunstfreiheit nicht vereinbar.

Sichtlich zerknirscht äußerte sich der Bundesverband der Musikindustrie. Natürlich versuchte man aber auch, die Entwicklung für sich zu nutzen. In einer Pressemitteilung gab man zu verstehen, dass das Urteil eine „Chance“ sei für den BGH, „den Fall noch einmal neu zu sortieren“. Auf die Probleme des Sample Clearings wurde nicht eingegangen, es wurde sogar als Alternative hervorgehoben (fast so, als hätte man die Tragweite des Urteils nicht erfasst oder wolle sie vorsätzlich kleinhalten): „Neben der Möglichkeit die Tonfolgen nachzuahmen bestehe stets die Möglichkeit, sich vom Rechteinhaber die fraglichen Rechte lizenzieren zu lassen.“ Wobei die Formulierung natürlich bewusst „gummiartig“ gewählt ist, denn „bestehe stets die Möglichkeit“ ist definitiv nicht gleichzusetzen mit einer tatsächlichen Zwangslizenz, auch wenn es die Formulierung nahe legt.

Zum Abschluss noch ein sehr hörenswerter Beitrag bei Radio Z, in dem sich Volker Tripp von der Digitalen Gesellschaft klar verständlich und ausführlich äußert. Die Digitale Gesellschaft hatte bei der Verfassungsbeschwerde mitgewirkt (hier das Positionspapier). Offenbar sehr überzeugend für die Verfassungsrichter, die in ihrem Urteil auch der technologischen Entwicklung und dem Einfluss von Remix-Amateuren durch die Kulturtechnik des Samplings einen ganzen Absatz spendierte (Abs. 47 im Urteil)

The Library Music Film

 

Leider zu spät mitbekommen: Ein Crowdfunding für eine Dokumentation über Library Music, welches leider jetzt schon abgeschlossen ist. Trotzdem wollte ich mal darauf aufmerksam machen. Ich freu mich auf den Film, hoffentlich wird er realisiert.

This year we have set out to create a first of its kind, definitive feature documentary telling the untold story of the underground, mysterious, cult and collectable world of Library Music. This hugely influential and largely unnoticed catalogue of music of all genre and style has played an important role in creating the atmosphere, mood and vibe for the majority of your favourite TV, Film, Advert & Radio theme throughout your entire life, yet you probably have no idea who composed, played and recorded these phenomenal tunes!
Dazu empfehle ich den Library Music Mix von Mr Thing, der auch in das Projekt involviert ist.

Deutschlandfunk über die Forschergruppe „Ethik des Kopierens“ (19.5.2016)

Eine Woche nach der Spring School zum Thema „Ästhetik und Ethik des Kopierens“ am ZiF Bielefeld gibt es beim Deutschlandfunk einen Beitrag über die Arbeit der Forschergruppe „Ethik des Kopierens“. Der Aufmacher des Beitrags ist der Streit zwischen Kraftwerk und Moses Pelham, der sich um ein 1,5 Sekunden langes Sample aus Kraftwerks Stück „Metal on Metal“ von 1977 dreht. Derzeit wird der Fall bzw. die Verfassungstreue des BGH-Urteils von 2012 hinsichtlich der Kunstfreiheit vor dem Bundesverfassungsgericht verhandelt. Ein Urteil wird am 31. Mai, also schon in knapp zwei Wochen verkündet. Am Anfang des Beitrags bin ich kurz mit einem Statement zu hören, danach wird die Arbeit der Forschergruppe näher besprochen. Es geht um die ethische und auch künstlerische Frage: wann ist Kopieren erlaubt und wann nicht?

Der Beitrag zum Nachhören: