Zehn Jahre „Jäger und Sampler“-Blog / Zehn mal Remixkultur

Im Juni 2010 bin ich mit dem Blog „Jäger und Sampler“ online gegangen. In diesen zehn Jahren ist viel passiert. Viel viel. Ich will hier nicht mit Rückblicken langweilen (auch mich selber nicht), daher beschränke ich mich darauf, zehn interessante Beiträge aus der großen weiten Welt der musikalischen Remixes zu posten und mit ein paar Kommentaren einzuordnen, was sie bedeuten. Damit meine ich: für was sie im Bereich des Remixens stehen, zum Beispiel für welche Subgenres oder Techniken. Die Reihenfolge spiegelt freilich keine Wertung wider, zeigt vielleicht eher die Genese und Vielfalt der Remixkultur in der Musik. Los geht’s!

01/10 Das klassische Mashup

Das klassische Mashup wirft (mindestens) zwei Musikstücke zusammen, die genrehaft/stilistisch eigentlich nicht nahe beinander liegen, aber in der Zusammenführung doch gut zusammen passen, im besten Falle einen irritierenden Effekt oder ähnliches hervorrufen. Der Musik- und Rechtswissenschaftler Frédéric Döhl nennt das Prinzip „maximale Transformation bei minimaler Manipulation“ und ich finde, das trifft das Phänomen sehr gut. Ein sehr gutes Beispiel und oft zitiertes Beispiel für das klassische Mashup ist das 2002 erschienene „A Stroke of Genius“ (übersetzt: „Ein Geniestreich“), in dem die Rockband The Strokes mir Christina Aguilera gekoppelt werden: Schneller, rauer Gitarrenrock trifft auf langsames Liebeslied. Klingt komisch? Klingt auch komisch. Aber irgendwie auch sehr gut.

Gleiches Prinzip, anderes Beispiel: DMX vs. Tears for Fears:

02/10 Mashup – mit besonders ähnlichen Quellen

Vom DJing weiß ich, dass manche Übergänge besonders dann gut werden, wenn die vermixten Tracks sich strukturell sehr ähnlich sind, gleicher Stil, gleiches Genre, gleiches Tempo, usw. So auch hier, im ultimativen TripHop-Mashup:

03/10 Das fortgeschrittene Mashup. Oder auch: Remix eines Mashups, das auf Samples basiert

Das fortgeschrittene Mashup ist etwas komplizierter in seiner Herstellung, das zeigt dieses Beispiel sehr gut: „Love Story“ ist ursprünglich ein Track von Layo & Bushwacka, das ein markantes Nina Simone-Sample und eine mindestens genauso charakteristische Bassline von Devo sampelt. Das Stück wurde dann von Tim Deluxe auftragsweise remixed; in einer zweiten Remix-Version legte Tim Deluxe zusätzlich noch das Acapella von „Tomorrow“ darüber. Das funktionierte schon recht gut, aber Bushwacka machte dann trotzdem nochmal eine eigene Version von dem sample-basierten Remix-Mashup, vermutlich auch um sie richtig zu lizenzieren. Diese Version wurde ein Riesenhit in Großbritannien.

04/10 Mashups mit vielen Quellen, aber niedriger Referentialität

Das Prinzip des fortgeschrittenen Mashups lässt sich natürlich noch viel weiter ausdehnen und vertiefen: Mehr Quellen benutzen (so wie dieser Klassiker von Osymyso mit 101 Intros), aber diese kürzer und rhythmischer einsetzen, so dass sie nicht als eindeutige Zitate, sondern eher als Anspielungen mit neuer Funktion erkennbar werden. Diesen Ansatz veranschaulicht auch das Beispiel „Pop Culture“ von Madeon, der dutzende Samples im Daft Punk-Stil kunstvoll miteinander verschraubt. Eine chronologische Auflistung der benutzten Samples und damit auch ein Hinweis auf die viele Arbeit, die das Stück erforderte, findet sich in diesem hervorgehobenen Kommentar.

05/10 Kompositorische Mashups

Zugegeben: Mir fällt gerade nur ein Beispiel für kompositorische Mashups ein, nämlich das unten verlinkte. Gibt es noch mehr? Dann gerne in die Kommentare damit. Der Gedanke des Mashups wird hier auf klassische Klaviermusik übertragen; es geht also nicht primär um die Aufnahme einer Pop-Komposition, sondern mehr um die Komposition an sich, die mit anderen Kompositionen vermengt wird.

06/10 Popmusik auf klassischen Instrumenten gespielt (8-Track-Video)

So weit, so gut. Man kann das aber natürlich noch weiter drehen. Was passiert, wenn man eine Komposition, die eigentlich für den Popbereich fabriziert wurde, auf klassische Instrumente überträgt? Auch dann entsteht ein interessant-irritierender Effekt. In diesem Fall das „Knight Rider“-Theme am Cello. Die zweite Besonderheit hier: Die Aufnahme ist gespielt von einer einzigen Person – der tollen Samara Ginsberg, die das Prinzip noch auf weitere Stück anwendet -, die das Stück in acht Spuren zerlegt, diese nacheinander aufgenommen und dann im Video zusammengeschnitten hat. Erinnert einerseits an Selbstaufnahmen mit vier oder acht Spuren, spielt aber andererseits auch mit der Gleichzeitigkeit durch die Videoaufnahmekopien – eine Idee, die in 07/10 gleich wichtig werden wird.

07/10 Zeitverzögerte Loops als stilistisches Merkmal benutzen

Mir gehen langsam die Bezeichnungen aus… Aber gut, wie dem auch sei. In 06/10 wird eine technische Unzulänglichkeit zu einem ästhetischen Merkmal aufgewertet. Das ist ein Prinzip, das in der Kunst und Popkultur öfter mal angwendet wird. Die Band The Academic nutzt die Zeitverzögerung von etwa zehn Sekunden bei Facebook-Livestreams und loopt sich auf diese Weise selber in der Video- und Audiospur. Das Prinzip lässt sich ohne Anschauungsmaterial nicht gut erklären, aber in diesem Video wird es mit den verschiedenfarbigen Layern toll dargestellt:

08/10 Selbst-Looping

Loopen geht natürlich nicht nur mit musikalischen Ausschnitten, sondern auch mit Geräuschen und selbst aufgenommenen Rhythmen.

09/10 Dur-Moll-Spielereien

Keine Form von Remixing im engeren Sinne, aber mit verstörenden Effekten. Von Moll und Dur wechseln oder andersherum. Dann klingt Nirvana auf einmal wie Weezer und Pharell gar nicht mehr so happy, sondern traurig.

10/10 Sound-a-like

Gerne in der Werbung eingesetzt, wenn Lizenzierungen misslingen oder auch gar nicht erst angestrebt werden: das Sound-a-Like. Man versucht so zu klingen, wie ein bestimmtes Vorbild, aber eben nicht als perfekte Kopie, sondern nur in Anlehnung. So zum Beispiel das hier:

Noch eine Ecke weitergetrieben wird das Sound-a-Like in meinem letzten Beispiel: Nämlich wenn mit den Samples aus anderen Stücken ein bestimmtes Stück nachgespielt wird. In diesem Falle „Golden Brown“ von den Stranglers nachgespielt mit den Samples aus „Take five“ von Dave Brubeck – der 5/4-Takt musste dafür natürlich gerade gemacht werden:

Mal sehen, was in den nächsten zehn Jahren Remixkultur passiert – vielleicht kommt 2030 dann ein Post mit den besten zehn Originalen 😉

Workshop: Podcasts, Lizenzierung und Verwertungsgesellschaften (Pop-Kultur-Festival, 26.8.20)

Pop-Kultur-Festival 2020, Nachwuchs-Workshop Symbolbild

Nächste Woche gebe ich im Rahmen des diesjährigen Pop-Kultur-Festivals einen Workshop zum Thema: „Was haben Podcasts mit Lizenzierung und Verwertungsgesellschaften zu tun?“ – selbstverständlich online. 😉

Aus der Ankündigung (S. 32 im Programm):

Im Internet gibt es viele Möglichkeiten, sich kreativ auszudrücken und Arbeiten mit anderen zu teilen, zum Beispiel Podcasts und Blogs oder Fotos und Streams auf Plattformen wie etwa Youtube, Instagram oder TikTok. Doch es gibt auch Fallstricke, viele davon haben mit dem Urheberrecht zu tun: Oftmals sind die Grenzen zwischen Veröffentlichung, Verwertung und Verletzung von Rechten Dritter fließend. Im Workshop stellt Georg Fischer die wichtigsten Konzepte des Urheberrechts wie Werk, Urheber*in oder Schöpfungshöhe vor. Danach zeigt Georg Fischer am Beispiel Podcasts, wie Lizenzierung funktioniert und was Verwertungsgesellschaften damit zu tun haben.

Wer sich für das Thema interessiert, findet bei iRights.info einen aktuellen Artikel von mir dazu.

In the Mix: Photek – Essential Mix 2012

Photeks EM von 2012 ist einer von denen, die mich zuletzt sehr positiv überrascht haben. Es gibt auch einen von Drum’n’Bass-EM von Photek aus dem Jahr 1997 – der hier ist aber vor allem housy, in der zweiten Hälfte dann auch stärker Broken Beat-lastig.

Zu Photeks Aufstieg ist auch diese frühe Doku sehenswert.

Von Copy & Paste zu Drag & Drop: Elemente per Smartphone direkt in die Bildbearbeitung übernehmen

Technische Reproduzierbarkeit, also die Möglichkeiten des Kopierens und Einfügen von Elementen, fasziniert mich stark. Nicht nur von Klängen und Tönen wie beim Sampling, sondern auch von Visuellem. Daher hat mich dieses Video gleich interessiert: Es zeigt eine neue Technologie namens „AR Cut & Paste“ (Github-Link), mit der sich via Smartphone Objekte digitial fotografieren, freistellen und dann drahtlos in Photoshop an beliebiger Stelle einfügen lassen (Entwicklung: Cyril Diagne). Gerade für schnell Entwürfe und Basteleien ist eine Technologie mit dieser „Drag & Drop“-Mechanik von Interesse. Noch kenne ich keine Erfahrungsberichte, aber die werden mit Sicherheit bald folgen, genauso wie die urheberrechtlichen Verwicklungen. Derweil hier ein Video, das ich hier gefunden habe.

Umgehungskreativität in der Medienindustrie

Nächtliche Kletterwand in Brisbane, Australien (2017) – CC BY Georg Fischer

Drei aktuelle Beiträge von mir zum Phänomen der Umgehungskreativität in der Medienindustrie (das ich hier für’s Sampling ganz genau untersucht und beschrieben habe.) Die Zusammenschau der drei Fälle zeigt ein Muster: Neue Technologien bergen stets die Möglichkeit zur Manipulation für alle diejenigen, die sie besonders gut beherrschen, Schlupflöcher erkennen und bereit sind, sie zu ihrem eigenen Vorteil einzusetzen, auch wenn sie sich damit in die Illegalität begeben und anderen Schaden zufügen. Besonders schwierig wird es dann, wenn Manipulation und Kontrollsysteme zu nah beieinander liegen.

Im Februar diesen Jahres wurde ich für einen Radiobeitrag bei Deutschlandfunk Kultur zum Thema „Bootleg Podcasts“ bei Spotify interviewt. Der Clou dabei: User laden in der Podcast-Sektion von Spotify eigene Remixes oder Coverversionen ohne urheberrechtliches Clearing hoch, obwohl sie das eigentlich in vielen Fällen tun müssten. Auf diese Weise umgehen sie die Spotify-Regularien und die strapaziöse, oftmals unergiebige Lizenzierung, denn die Podcast-Sektion wird offensichtlich nur spärlich kontrolliert. Im Beitrag argumentiere ich dann auch für eine „Ästhetik des Halbseidenen“, die so entsteht und reizvoll sein mag – denn die Stücke können nach kurzer Zeit wieder verschwinden, die dadurch entstehende Knappheit macht die Musik interessant.

Etwas anders liegt es bei den Spielchen um gekaufte, gefakte oder anderweitig frisierte Follower- und Playzahlen bei Streaming-Anbietern wie Spotify. Diese Woche kam heraus, dass Spotify bei einigen Accounts aufgeräumt hat, wodurch einige Künstler:innen beträchtliche Followerzahlen verloren haben. Dabei wurden sogenannte Fake-Accounts genauso gelöscht wie stillgelegte oder anderweitig inaktive. Es ist deshalb nicht leicht abzuschätzen, wie groß das Problem mit den Fake-Followern wirklich ist, wie ich in einem Interview für das Schweizer Radio SRF 2 sage. Klar ist allerdings: das Problem der Manipulation in der Musik- und Medienindustrie ist generell schon vorhanden, angefangen beim Payola-Skandal und endend bei dem Fakt, dass man sich leicht Follower bei Instagram, Youtube, Soundcloud, etc. kaufen kann. Beim Spotify-Konkurrenten TIDAL wurden schon 2018 große Unregelmäßigkeiten beim Abspielen bestimmter Künstler:innen festgestellt, Spotify selbst war 2019 auch wegen sogenannter „fake artists“ in den Schlagzeilen, also Künstler:innen, die nur auf Spotify zu finden sind und dort hohe Abspielraten haben, aber über die man sonst nichts im Netz findet. Auch das ist Umgehungskreativität, in diesen Fällen mutmaßlich in kriminalle Akte gelenkt.

Das bringt mich zu meinem dritten Beitrag, der diese Woche bei iRights.info zum Fälschungsskandal um Claas Relotius erschien. Hier schreibe ich, dass Relotius als digital versierter Fälscher die Schwachstellen in dem Teil des noch auf Print ausgelegten Spiegel-Verlags gezielt ausnutzte und sich auf diese Weise nach oben schrieb, Preise einheimste, Renomee generierte, etc. – wohlgemerkt mit frisierten, manipulierten oder teils komplett gefälschten Reportagen. Relotius betrieb dieses Spiel jahrelang, bis ihm sein Kollege Juan Moreno auf die Schliche kam und ihn gegen erhebliche interne Widerstände beim Spiegel überführte. Darüber hat Moreno ein lesenswertes, fast schon krimiartiges Buch verfasst – in dem er Relotius als „Steilwandkletterer“ beschreibt, daher das obige Bild – nach dessen Lektüre ich Relotius als digitalen Fälscher interpretiere und seine Vorgehensweise an der Bruchstelle von alter Printwelt und neuer Digitalwelt verorte.Denn hier konnte Relotius optimal agieren: digital recherchieren, fingieren, schreiben – und dann im Print veröffentlichen, um auf diese Weise weniger rückverfolgbar zu werden und sich der Kontrolle zu entziehen.