Über Georg Fischer

Georg Fischer ist Soziologe und betreibt das Blog Jäger und Sampler. Twitter: @jaeger_sampler

Vor etwa hundert Jahren: Portable Plattenspieler

1924 patentierten zwei ungarische Brüder einen Taschenplattenspieler namens „Mikiphone„, mit dem sich Schelllackplatten abspielen ließen. Der kommerzielle Erfolg war nicht offenbar nicht besonders groß, drei Jahre später wurde die industrielle Produktion schon wieder gestoppt. Trotzdem – oder gerade deswegen – ein interessantes Artefakt aus der Technikgeschichte der Musikindustrie. Über die drei Bilder bin ich in einem Tumblr gestolpert, das Video zeigt, wie sich das Mikiphone bedienen lässt.

Call for Papers: Monopole im medienindustriellen Komplex? Verwertungsgesellschaften gestern, heute, morgen (Einreichfrist: 30.11.2020)

Aufnahme von Martin Fisch unter CC-BY 2.0 (Quelle: Flickr)

Frist für Beitragsvorschäge: 30.11.2020; Online-Workshop am 25. und 26.03.2021; Abschlusskonferenz am 23. und 24.09.2021. Organisiert von Dr. Georg Fischer und Malte Zill in Kooperation mit der Gesellschaft für Musikwirtschafts- und Musikkulturforschung. Dieser CfP als PDF zum Download.

Monopole im medienindustriellen Komplex? Verwertungsgesellschaften gestern, heute, morgen

In Deutschland gibt es 13 Verwertungsgesellschaften[1], von denen GEMA, VG Wort oder VG Bild-Kunst die größten und bekanntesten sind. Als monopolistische, Ressourcen verwaltende Akteurinnen nehmen Verwertungsgesellschaften schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts eine zentrale Rolle für Kreative in den bürokratischen Strukturen der Medienindustrie ein. Dabei laufen die von ihnen bearbeiteten Prozesse oft unbemerkt im Hintergrund ab.

Meist sind es Konflikte mit Nutzer:innen oder Anbieter:innen urheberrechtlich geschützter Werke, die Verwertungsgesellschaften für kurze Phasen medial und diskursiv sichtbar werden lassen, zum Beispiel beim Streit zwischen Youtube und der GEMA oder zwischen Martin Vogel und der VG Wort um die Ausschüttungen bei Privatkopievergütungen. Die Parteien stehen sich hier oft unversöhnlich gegenüber: Den Urheberrechtsorganisationen wird regelmäßig Ausdehnung und Machtkonzentration vorgeworfen – oftmals verbunden mit Fundamentalkritik an ihren als unübersichtlich, ausufernd oder schlicht dysfunktional angesehenen Strukturen. Die Verwertungsgesellschaften lehnen diese Vorwürfe üblicherweise kategorisch ab, belegen ihrerseits moderne Nutzungsszenarien teils mit scharfen Verdikten (etwa „Diebstahl“, „Piraterie“, „Raubkopie“) und stellen auf ihre Funktion als Anwältinnen und Interessensvertretung der Kreativen ab.

So rasant diese Konflikte die mediale Präsenz von Verwertungsgesellschaften ansteigen lassen, so schnell ebbt das Interesse an ihnen wieder ab, wenn eine detaillierte, tiefer gehende Beschäftigung mit Abrechnungsschlüsseln, Verteilungsplänen und Bewertungsmechanismen jenseits einzelner markanter Fälle anstünde. Die Ambivalenz aus Relevanz und Unsichtbarkeit kann ein Hinweis darauf sein, warum der Forschungsgegenstand Verwertungsgesellschaft abseits der Rechtswissenschaft bislang eher sporadisch bearbeitet wurde.[2]

Insbesondere in der sozial-, geschichts-, kultur- und medienwissenschaftlichen Forschung stellen Studien zu Organisationsformen, Wandel und Effekten von Verwertungsgesellschaften also ein Desiderat dar. Dabei wäre eine interdisziplinär aufgestellte, dezidiert sozial- und geschichtswissenschaftlich informierte und systematisch orientierte Forschungsperspektive zur Organisationsform Verwertungsgesellschaft unerlässlich, um die Gefüge der Medienindustrie von der Seite der Verwertungsstrukturen her zu betrachten. Denn Verwertungsgesellschaften sind zentrale Akteurinnen und machtvolle Interessensvertreterinnen, die rechtlich-wirtschaftliche Entwicklungen selbständig vorantreiben, dabei Eigeninteressen als Organisationen verfolgen und ein dichtes Netz reziproker Wirkungsverhältnisse mit Musik, Film, Wissenschaft, Literatur, Kunst, Fotografie und weiteren Feldern ausbilden.

Ausgehend von dieser These laden wir – der Soziologe Georg Fischer und der Musikwissenschaftler Malte Zill in Kooperation mit der GMM – zu einer interdisziplinären wissenschaftlichen Tagung in zwei Teilen ein, um Untersuchungen zu Verwertungsgesellschaften, ihren Praktiken und Organisationsformen vorzustellen und gemeinsam zu diskutieren. Ziel der Tagung ist es, sowohl generalisierbare Perspektiven auf und Aussagen über Verwertungsgesellschaften zu erarbeiten sowie spezifische Fälle und Studien einzelner Verwertungsgesellschaften zu diskutieren. Die Ergebnisse sollen Anfang 2022 in einer gemeinsamen Publikation veröffentlicht werden.

Besonders interessant erscheinen uns folgende Fragen und Themen, die sich um das Gestern, das Heute und das Morgen von Verwertungsgesellschaften drehen:

1. Verortung der Organisationsform Verwertungsgesellschaft in der Medienindustrie

  • Unter welchen Rahmenbedingungen entstanden Verwertungsgesellschaften, wie entwickelten sie sich und inwieweit sind sie miteinander vergleichbar?
  • Welche Mechanismen der Urheberrechtswahrnehmung und -verwertung nutzen Verwertungsgesellschaften? Welche technischen, rechtlichen und bürokratischen
    Mittel werden verwendet? Welche Kunstformen eignen sich besonders gut (oder besonders schlecht) zur urheberrechtlichen Wahrnehmung?
  • Welcher professionelle Hintergrund und welche Ausbildungsprofile lassen sich in den Biographien der Mitarbeiter:innen von Verwertungsgesellschaften feststellen?
  • Welche Funktionen übernehmen die tendenziell monopolistischen Verwertungs-gesellschaften im medienindustriellen Komplex und wie steht es um ihr Verhältnis zur Staatlichkeit?
  • Welche Möglichkeiten bieten Verwertungsgesellschaften als historische Archiv- und Datenquellen? Welche Konsequenzen haben Digitalisierung, Algorithmisierung und Big Data-Analysen für die Verwertungsgesellschaften und ihre Erforschung?

2. Studien zu Praktiken der Verwertungsgesellschaften

  • Wie gestalten Verwertungsgesellschaften das Binnenverhältnis zu ihren Mitgliedern? Welche Wirkungen haben Verwertungsgesellschaften auf ästhetische Produkte und künstlerische Praktiken? Nehmen Verwertungsgesellschaften über die direkte (bspw. über Stiftungen) oder indirekte (über den Verteilungsplan) finanzielle Förderung eine Wertung der ihr treuhänderisch angetragenen Rechte vor?
  • Wie lassen sich die Mitglieder von Verwertungsgesellschaften charakterisieren? Bilden sich Fraktionen, bspw. der Verlage und der Autor:innen, „E- und U-Komponist:innen“? Wie gestaltet sich der Diskurs zwischen diesen einzelnen Gruppen und wie ist Entscheidungsfindung organisiert?
  • Wie vernetzen sich Verwertungsgesellschaften untereinander sowohl national (bspw. GEMA und GVL) als auch international (bspw. multilateral in der CISAC oder bilateral über Gegenseitigkeitsverträge)?
  • Auf welche Weise versuchen Verwertungsgesellschaften auf die Entwicklung des nationalen und internationalen Urheberrechts einzuwirken?
  • Wie positionieren sich Verwertungsgesellschaften gegenüber neuen oder alternativen Rechts- oder Vergütungsmodellen wie Creative Commons-Lizenzen?

3. Verwertungsgesellschaften in gesellschaftlichen Diskursen

  • Mit welchen Selbstzuschreibungen versuchen Verwertungsgesellschaften ihre Arbeit zu legitimieren – mit welchen Fremdzuschreibungen wird ihnen diese Legitimation abgesprochen? Lassen sich rhetorische Strategien und diskursive Muster ausmachen?
  • Wie verhalten sich Verwertungsgesellschaften gegenüber ihren „Kund:innen“, den Nutzer:innen urheberrechtlich geschützter Werke und umgekehrt?
  • Wie positionieren sich Verwertungsgesellschaften in ihren PR-Kampagnen und mit welchen narrativen Mustern werden die Diskussionen über Verwertungsgesellschaften in unterschiedlichen Medien geframed?
  • Welche Informationsasymmetrien entstehen aus der Präsenz der Verwertungs-gesellschaften in den Medien und wie wirken diese auf die Diskussion um das Urheberrecht?
  • Wie beschreiben Verwertungsgesellschaften ihre eigene Geschichte? Wie werden Verwertungsgesellschaften mit historischen Entwicklungen in Verbindung gebracht?
  • Und schließlich: Wie verhalten sich Verwertungsgesellschaften während gesellschaftlichen Krisen, wie beispielsweise Weltkriegen, Wirtschaftskrisen oder Pandemien?

Einreichungen

Wir freuen uns über theoretisch wie empirisch fokussierte Beitragsvorschläge aus den Sozial-, Kultur- und Medienwissenschaften, aus der Geschichte, den Rechtswissenschaften und angrenzenden Disziplinen. Die Tagung versteht sich als interdisziplinäres Arbeitstreffen und soll Raum zur Diskussion und zur Weiterentwicklung von Ideen schaffen. Aufgrund der Corona-Pandemie fassen wir eine zweigeteilte Veranstaltung ins Auge: Für den 25. & 26.03.2021 planen wir einen Online-Workshop mit 15- bis 20-minütigen Impulsvorträgen, die auf vorab eingereichten Arbeitspapieren basieren und ausreichend Zeit zur Diskussion bieten. Die auf dieser Grundlage ausgearbeiteten Artikel möchten wir in größerem Rahmen auf einer Abschlusskonferenz am 23. & 24.09.2021 in Berlin präsentieren und diskutieren.

  • Bitte reichen Sie auf Ihrem geplanten Papier basierende Abstracts (maximal 400 Worte und Literaturangaben) sowie eine kurze biografische Notiz (ca. 100 Worte) bis zum 30. November 2020 ein unter vg.forschung@gmail.com.
  • Die Beiträge sind bis zum 10. März 2021 als Working Paper (5–10 Seiten) auszuarbeiten und werden als Diskussionsgrundlage für den Online-Workshop den Teilnehmer:innen zur Verfügung gestellt.
  • Eine anschließende Publikation ausgewählter Beiträge in einem interdisziplinären und via Open Access zugänglichen Sammelband ist in Vorbereitung.
  • Bei Fragen stehen wir gerne unter vg.forschung@gmail.com zur Verfügung.

Organisation

Dr. Georg Fischer, Soziologe mit Schwerpunkt empirische Urheberrechtsforschung und Redakteur bei iRights.info
Malte Zill, Musikwissenschaftler, promoviert zur Geschichte der Verwertungsgesellschaften im „Dritten Reich“ an der Universität Hamburg
in Kooperation mit der Gesellschaft für Musikwirtschafts- und Musikkulturforschung (GMM)

Literaturverzeichnis

Dommann, Monika (2014): Autoren und Apparate, Frankfurt/Main: S. Fischer.
Dümling, Albrecht (2003): Musik hat ihren Wert, Regensburg: ConBrio.
Fetthauer, Sophie (2007): Musikverlage im „Dritten Reich“, Hamburg: von Bockel.
Fischer, Georg (2020): Sampling in der Musikproduktion. Das Spannungsfeld zwischen Urheberrecht und Kreativität, Marburg: Büchner.
Heker, Harald; Riesenhuber, Karl (Hg.) (2018): Recht und Praxis der GEMA. Handbuch und Kommentar, Berlin: De Gruyter.
Hutter, Michael (2006): Neue Medienökonomik, München: Wilhelm Fink.
Krones, Hartmut (2014): Das Ende der „alten“ A.K.M. (März 1938), die Gründung der „neuen“ AKM (Juni 1945) und die Folgen, Wien: AKM.
Schmidt, Manuela (2005): Die Anfänge der musikalischen Tantiemenbewegung in Deutschland, Berlin: Duncker & Humblot.
Heinemann, Tobias (2017): Die Verteilungspraxis der Verwertungsgesellschaften, Tübingen: Mohr Siebeck.
Keiderling, Thomas (2008): Geist, Recht und Geld. Die VG WORT 1958–2008, Berlin: De Gruyter.
Melichar, Ferdinand (1983): Die Wahrnehmung von Urheberrechten durch Verwertungsgesellschaften: Am Beispiel der VG Wort, München: Hermann Luchterhand.
Zill, Malte (2020): 1933/1945/2012 – Konflikte zwischen „Musikverbrauchern“ und Verwertungsgesellschaften im historischen Kontext, in: Schrör, Simon; Fischer, Georg; Beaucamp, Sophie; Hondros, Konstantin (Hg.): Tipping Points. Freiheit und Restriktion im Urheberrecht, Baden-Baden: Nomos, S. 97–116.


[1] Siehe dazu die Website der Deutschen Patent- und Markenamtes DPMA, das die Verwertungsgesellschaften und die dazugehörigen -einrichtungen kontrolliert: https://www.dpma.de/dpma/wir_ueber_uns/weitere_aufgaben/verwertungsges_urheberrecht/aufsicht_verwertungsges/index.html (10.10.2020).

[2] Monika Dommann (2014) lieferte die vermutlich einzige historische Überblicksdarstellung, die systematisch auf Verwertungsgesellschaften fokussiert. In der Regel sind Verwertungsgesellschaften nur Teil größerer Rahmensetzungen, siehe bspw. Fischer (2020), Fetthauer (2007), Hutter (2006), Krones (2014), Schmidt (2005) oder Zill (2020). Gängig dagegen sind selbstreferentiell angelegte Arbeiten wie Jubiläumsschriften und organisatorische Selbstbeschreibungen, siehe Dümling (2003), Heinemann 2017, Heker/Riesenhuber (2018) oder Keiderling (2008).

Dieser CfP als PDF zum Download.

Wax Poetics Volume 2 – Crowd Funding

Die Digging-Zeitschrift „Wax Poetics“ ist vor ein paar Jahren in der Versenkung verschwunden. Doch ein Comeback ist in Vorbereitung. Auf ihrer Kickstarter-Page wirbt die Zeitschrift nun für ein Modell mit Mitgliedschaft und jährlichem Beitrag:

Sadly, in 2016 Wax Poetics joined the long list of music publications no longer released on news-stands, continuing only as a print on demand title releasing occasional issues.  Now, in a time where quality music journalism is being further diluted, the world needs a return to real music writing and discovery.  So next year, under new ownership but still working with the original founders and editorial team, Wax Poetics is reshaping and relaunching. To keep inspiring generations of music lovers. To keep them discovering music and the stories behind it.

Wenn ich das richtig sehe, ist das Projekt bereits finanziert. Mitglied werden kann man sicherlich aber trotzdem noch, the more the merrier. Wer sich für das Konzept interessiert, hier gibt’s auch ein nettes Imagefilmchen dazu:

In the Mix: Shik1 – DJ Shadow & UNKLE Megamix

Spitzen Breakbeat-Mix von Shik1 aus Manchester, der vor einigen Jahren schon im Netz zu finden und dann wieder verschwunden war. Der Youtube-Algorithmus hat mir den Re-Up in den Feed gespült und so kann ich ihn heute verbloggen.

Die in der Playlist rot eingefärbten, durchgestrichenes Tracks sind nicht zu hören (möglicherweise aus urheberrechtlichen Gründen) – deswegen gibt es zwischen 6:20 und 9:20 min eine kleine Pause sowie zwischen 1:38:00 und und 1:43:40.

Spannend ist, wie Shik1 die Übergänge zwischen dem langsamen, triphoppigen Teil am Anfang und den elektronischen Upbeats danach schafft. Überhaupt sind da einige tolle Übergänge drin.

Tracks/samples:

DJ SHADOW – “Midnight In A Perfect World”
UNKLE – “Drums of Death (instrumental)”
BOWIE-PLACEBO – “Without You I’m Nothing (DJ Shadow Remix)”
JURASSIC 5, DJ SHADOW – “Number Song (Cut Chemist mix)”
ZACH DE LA ROCHA, DJ SHADOW – “March of Death”
FREESTYLERS – “Punks (Krafty Kuts mix)”
DJ SHADOW – “Giving Up The Ghost”
UNKLE – “Unreal”
ERIC B & RAKIM – “Don’t Sweat The Technique”
CHAD JACKSON – “Hear The Drummer Get Wicked”
ERIC B & RAKIM – “Juice (Know the Ledge)”
DJ SHADOW – “High Noon”
EDWIN COLLINS – “Downer (James Lavelle mix)”
UNKLE – “Slam (Album mix)”
UNKLE – “UNKLE (VIP mix)”
SOUTH – “Dolphins Were Junkies (short excerpt)”
DJ SHADOW – “GDMFSOB”
IAN BROWN VS UNKLE – “F.E.A.R. (instrumental)”
STINA NORDENSTAM VS UNKLE – “People Are Strange”
SOUTH – “Dolphins Were Junkies”
UNKLE – “Ape Shall Never Kill Ape”
UNKLE VS SOUTH – “Paint the silence”
SLAM VS UNKLE – “Narco Tourist”
CAN VS UNKLE – “Vitamin C”
LIQUID LIQUID VS PSYCHONAUTS – “Scraper”
UNKLE & SOUTH – “Paranoid”
UNKLE VS UNDERDOG – “Be There (Underdog Instrumental)”
STEREO MCS VS AUTOMATOR – “We Belong In This World Together”
MR CHILDREN VS UNKLE – “Nishi E Nigashi E West”
UNKLE – “Rabbit In Your Headlights (Variation)”
BECK VS UNKLE – “Where Its At”
VERVE VS UNKLE – “Bittersweet Symphony”
QUEENS OF THE STONE AGE VS UNKLE – “No One Knows (UNKLE Reconstruction)”

Nasse Fische im Internet: Mysteriöser Post-Punk, Roter Ford Taunus

„Das Internet vergisst nicht“ ist ein oft zitierter Satz, der auf die allermeisten digitalen Objekte im Netz zutreffen mag – sofern sie nicht absichtlich entfernt und aussortiert werden, wie beispielsweise beim Techno Viking oder bei Bettina Wulf.

Damit das Internet nicht vergessen kann, muss es aber erst einmal wissen, um in der Metapher zu bleiben. Damit meine ich, dass das Internet auf nicht digitalisierte, nicht indizierte oder anderweitig nicht detektierbare Objekte nicht zugreifen kann.

Im Umkehrschluss heißt das: Nicht alles kann gefunden, aufgespürt, rekonstruiert werden, wenn bestimmte Personen, Organisationen oder Informationen mit Schlüsselfunktion ihr Wissen nicht zur Verfügung stellen – aus welchen Gründen auch immer.

Nasse Fische im Internet – Zwei Netz-Fundstücke zu digitalen Suchaktionen

Ich will das Problem an zwei „nassen Fischen“ demonstrieren, die ich beide seit einiger Zeit verfolge. Im Roman von Volker Kutscher mit dem gleichen Titel, der sich mit Verbrechen im Berlin der 1930er Jahre beschäftigt, sind „nasse Fische“ ungelöste Fälle, die als Akten im Schrank hängen und ohne Schlüsselinformationen nicht mehr weiter bearbeitet und aufgeklärt werden (können). Eingeführt wurde die Formulierung vom historischen Polizeikommissar Ernst Gennat, wegen seiner Körperfülle von Zeitgenossen mitunter als „Der volle Ernst“ bezeichnet.

Nasse Fische im Internet sind für mich Rätsel, die auch unter kollaborativer Beteiligung und digitaler Anstrengung von vielen Menschen, die Hinweise zusammentragen und Fakten prüfen, gar nicht oder nicht restlos aufgeklärt werden können.

Das ist faszinierend auf der einen Seite, weil es mich daran erinnert, dass sich manches Wissen nicht innerhalb von Sekunden sowie mit Unterstützung von Suchvorschlägen finden lässt. Und es fasziniert mich andererseits, weil die digitalen Werkzeuge und Mechanismen der Detektion inhärente Grenzen haben, wenn ihnen die notwendigen maschinenlesbaren Informationen zum Abgleich fehlen.

Fisch Nr. 1 ist ein Pop-Song aus den 1980er Jahren, dessen Ursprung nicht geklärt werden kann; Fisch Nr 2. ein Roter Ford aus den 1960er Jahren, der auf vielen Postkarten aus dieser Zeit auftaucht und zu dem ebenfalls seit Jahren Suche im Gang ist.

Fisch Nr. 1: „The Most Mysterious Song on the Internet“

In der englischsprachigen Wikipedia beginnt der Eintrag zu dem gesuchten Song folgendermaßen:

„The Most Mysterious Song on the Internet“ (also known as „Like the Wind“, „Blind the Wind“, „Check It In, Check It Out“ or „Take It In, Take It Out“ after verses in some fan-made lyrics) is the nickname given to a new wave song, most likely composed in the 1980s, whose origin, author, name, and original record date are unknown.

Der Einstieg zeigt schon, wie wenig man weiß, aber wieviele verschiedene Bezeichnungen das gesuchte Objekt bereits erhalten hat; die meisten davon sind Ausschnitte aus dem Song-Text. Vermutlich ist der korrekte Titel „Blind the Wind“, zumindest legt das die Tracklist nahe, die bei der Kassette mit der mitgeschnittenen Radiosendung dabei war.

Das Stück wurde vermutlich Mitte der 1980er Jahre im NDR in einer Sendung gesendet; eingespielt und aufgenommen wurde der Song von einer unbekannten Band.

Ende Juni 2019 tauchte die Aufnahme bei Reddit auf und die Suche wurde ausgeweitet, immer mehr Leute machten mit, das Ganze ging viral, journalistische Medien sprangen auf und berichteten, wodurch wieder neue Leute anfingen zu kommentieren… und so weiter und so fort.

Der Song an sich hat meiner Meinung nach sogar ein gewisses Ohrwurm-Potential, aber ist sicher auch nicht spektakulär. Das tut der Suche natürlich keinen Abbruch, vermutlich ist gerade das Typische des Songs der ästhetisch interessante Aspekt, weil dutzende andere Bands in dieser Phase ähnliche Songs schrieben.

Die digitale Detektion via Shazam und Konsorten kommt bei „Blind the Wind“ an ihre Grenzen, denn eine digitalisierte Version existierte bis zur Ausweitung der Suchzone durch Reddit und den Upload auf Youtube offenbar nicht. Es gab also kein „Original“, mit dem der Song digital hätte abgeglichen werden können.

Auch die Suche bei den Verwertungsgesellschaften führte bis dato zu keinem verwertbaren Ergebnis, was viele Gründe haben kann. Das Lied wurde möglicherweise gar nicht registriert oder unter einem anderen, aktuell unauffindbaren Titel; da Interpret*innen und/oder Komponist*innen unklar sind, lassen sich diese auch nicht für Suchbegriffe benutzen.

Es ist zudem ungeklärt, ob die Band noch andere Titel aufgenommen hat oder ob das Stück tatsächlich eine „Eintagsfliege“ war, die vielleicht auf einem Demo-Tape zum NDR gelangte und deren Schöpfer*innen nicht weiter archiviert wurden.

Ich habe den Fall nicht komplett zusammengefasst, es gibt noch deutlich mehr Spuren. Lesenswert ist auch dieser Blogeintrag, in dem die Suche nach dem Song vor Reddit beschrieben ist – lesenswert, weil er zeigt, welche multiplikatorischen Effekte das Forum dann bewirkte.

Insgesamt sind es aber nach wie vor viele, viele Fragezeichen und die Suchbemühungen von vielen Menschen brachten letztendlich keine verwertbaren Ergebnisse, die die Ausgangsfrage beantworten könnten.

Dass sich aber so viele Menschen an einer solchen Suche beteiligen und ihre Ressourcen dafür aktivieren, ist bemerkenswert. Es erinnert mich an die Suche nach dem verschollenen Flugzeug MHD370, an der verschiedene militärische und zivile Organisationen sowie Regierungen zu Wasser, zu Land und zu Luft kooperiert hatten. Die Soziologin Karin Knorr-Cetina bezeichnet die Flugzeug-Suche daher auch als professionelle, distribuierte „Wissenskultur“, was ich sehr passend finde. Der Gedanke ließe sich ausweiten und auf digitale Umgebungen anwenden, denn das Internet ermöglicht eine solche distribuierte Wissenskultur auch für nicht-professionelle Menschen.

Fisch Nr. 2: Der rote Ford Taunus

Der zweite Fall geht in eine andere Richtung, insofern hier nicht ein einziges Musikstück zur Verfügung steht, aus dem sich Informationen ableiten lassen. Sondern es existieren mehrere Aufnahmen des gesuchten Objekts: Ein roter Ford Taunus, der in den 1960er Jahren auf verschiedenen Postkarten auftaucht.

Dem autobegeisterten Sammler Andreas Möller ist aufgefallen, dass auf zahlreichen Postkarten mit Stadtansichten ein- und derselbe rote Ford abgebildet ist (erkennbar am Hamburger Nummernschild) – und zwar immer so geschmackvoll in Stellung gebracht, dass das Auto den Stadtansichten einen visuellen Akzent, „das gewisse Etwas“ verleiht.

Die Vermutung liegt nahe, dass der Wagen also nicht zufällig auf den Bildern erscheint, sondern bewusst in Szene gesetzt und als „Easter Egg“ in die Motive geschmuggelt wurde. Höchstwahrscheinlich von derjenigen Person, die die Aufnahmen gemacht hat und mit dem Wagen von Stadt zu Stadt gereist ist.

Auf diese Weise wird der abgebildete Wagen selbst zu einem Akteur, der durch die Kontexte wandelt und die Orte besucht, gleichzeitig aber auch zu einer Signatur, vielleicht sogar zu einem Stilmittel der fotografierenden Person.

Der einestages-Artikel stammt aus dem Jahr 2013, aber Andreas Möller bestätigt mir am Telefon im September 2020, dass er immer noch auf der Suche nach dem Fotografen oder der Fotografin ist. Bisherige Suchaktionen, etwa die Anfrage beim Hamburger KFZ-Amt zur Überprüfung des gut lesbaren Kennzeichens, führten nicht weiter – in diesem Fall, weil die Behörde die Unterlagen bereits vernichtet hatte.

Die Aufnahmen zeigen Ortschaften in Belgien, Niederlande und Westdeutschland und stammen aus den späten 1960er Jahren. Das bedeutet, die Person, die die Fotos aufgenommen hat und die mutmaßliche Besitzer*in des Wagens war, dürfte heute zwischen 80 und 110 Jahren alt sein.

Mit freundlicher Genehmigung veröffentliche ich die Scans der Postkarten von Herrn Möller auf diesem Blog. Auch beim Spiegel sind alle 21 zu finden, inklusive einiger Erläuterungen.

Bei den Bilder-Rückwärtssuchen von Google und TinEye habe ich es schon versucht – ohne Erfolg, da keine digitalen Entsprechungen der Kalender oder Postkarten existieren oder zumindest im Netz nicht abrufbar sind. Der nächste Schritt wäre wohl, die Bilder auf Reddit zu posten 😉

Grenzen der digitalen Detektierbarkeit: Wenn persönliches Wissen erforderlich wird

Die beiden Fälle zeigen die Grenzen der digitalen Detektierbarkeit auf, wenn keine digitalen Entsprechungen der Suchvorlagen vorhanden sind oder aus anderen Gründen nicht bemüht werden können.

Für mich bedeutet das: Nachdem nun schon so lange und so intensiv erfolglos nach den Ursprüngen der beiden Suchobjekte gefahndet wird, so viele Menschen also schon ihre Wahrnehmung auf die Erkennung gerichtet haben, halte ich es für sehr unwahrscheinlich, dass von einer unbeteiligten Stelle die entscheidenden Hinweise eingehen werden.

Wahrscheinlicher ist es meiner Meinung nach, dass persönlich verbundene Menschen, also Kinder, Enkel oder Bekannte der Band bzw. der unbekannten Fotograf*in auf die Suchvorgänge aufmerksam werden. Im Bereich des Samplings sind es in vielen Fällen die Nachkommen, die gesampelte Stücke ihrer Vorfahren erkennen, wie zum Beispiel beim Originalsample von „Die da“ von den Fantastischen Vier (S. 278 in meinem Sampling-Buch).

So eine Art der Auflösung durch das persönliche Wissen der Nachkommen kann ich mir auch in den beiden oben skizzierten Fällen vorstellen – wenigstens solange, wie sich der Bestand der abgleichbaren digitalen Dokumente nicht signfikant ändert.

Felix Stalder schreibt in seinem Buch „Kultur der Digitalität“ (hier auf S. 105), es sei „abzusehen, dass bald so gut wie alle Texte, Bilder oder Töne in digitaler Form vorliegen werden“. Der Umfang der digitalen Dateien vergrößert sich in der Tat täglich in rasanter Form, aber ich bezweifle, dass alle historischen Dokumente jemals digital vorliegen werden, insbesondere aus dem privaten Bereich. Gerade zwischen Hobby und professionell erstellten Inhalten scheint es eine Schwelle zu geben, die sich nur durch die Aktivierung des Publikums, wie mit Internetforen, überwinden lässt.