Underground x Hochkultur? DJs vor neuen Kulissen, Institutionen mit neuen Publika

Was ich derzeit interessant finde: Wie die Pandemie mit dazu beigetragen hat, dass gestreamte DJ-Sets vor irgendwelchen beeindruckenden oder visuell interessanten Kulissen stattfinden – halt ohne Publikum, nur für den Heimgenuss.

Das könnte auch zu neuen oder stärkeren Allianzen zwischen dem „Underground“ und der „Hochkultur“ führen, wenn es dann nicht schon längst hat: Die DJs bringen das Publikum, die Institutionen den Hintergrund.

Ein paar Beispiele, die ich zuerst auf Twitter gesammelt habe, aber die hier auch gut aufgehoben sind. Vielleicht erweitere ich diese Liste auch bei Zeiten, es gibt sehr viel Material und ich will an dieser Stelle mal einen Notiz machen.

Djrum in der Tower Brigde: Vor dem Video erzählt er ein bisschen und stellt einen Vergleich zwischen dem architektonischen Kulturerbe und der Musikkultur her. Die Brücke wird dann im Verlauf des Videos von Innen beleuchtet, im Takt der Musik. Sieht ganz witzig aus, wie so ein Frequenz-Visual:

PanPot in der Berliner Staatsoper:

Und hier zwei Beispiele, die weg gehen von „Hochkultur“:

Charlotte DeWitte auf Rennstrecke: Die Formel 1 macht sich die publikumslose Zeit mit Charlotte de Witte zu Nutze und lässt einen Sportwagen an ihr vorbeisausen, der während ihres DJs-Sets seine Runden auf der Strecke zieht.

Deborah de Luca: Vele Di Scampia: Das geht schon mehr in Richtung community building. Die italienische DJ Deborah DeLuca legt in Vele Di Scampia, einem Vorort von Neapel auf, wo in den 1960er Jahren mehrere Wohntürme errichtet wurden, die so eine Art ikonischen Status erreicht haben. Die Stadt ist auch Kulisse für diverse Mafia-Filme.

Und die Berliner Philharmoniker suchen sich ebenfalls neue Publika, zum Beispiel die Flusspferde im Zoo:

Sound Diplomacy-Studie „Der Wert der Musik“ erschienen

Zwischen Oktober 2020 und März 2021 habe ich freiberuflich bei der Erstellung der Studie „Der Wert der Musik. Ökonomische Wirkungsanalyse des Musikökosystems“ mitgearbeitet. In Auftrag gegeben wurde die Studie von der Initiative Musik GmbH und dem Musikzentrum Hannover gGmbH. Die Durchführung lag bei Sound Diplomacy.

Das Besondere: Die Studie fokussiert ganz gezielt auch ländliche Regionen, kleinere Städte abseits der Metropolen und ganze Bundesländer. Der Blick richtet sich damit etwas weg von den großen Musikmetropolen, die sowieso meist im Rampenlicht stehen, und hin zum allgemeinen, breiten Wert der Musik in der deutschen Gesellschaft.

Im Zentrum stehen natürlich der wirtschaftliche Wert, die ökonomische Wirkung der Musik und damit auch solche Effekte, die indirekt zum Beispiel über Hörfunk, Instrumentebau oder Tourismus entstehen; aber auch „weiche“, zB soziokulturelle Werte wie kulturelle Teilhabe oder soziale Funktionen der Musik im Alltag wurden untersucht und miteinbezogen.

Finanziert wurde die Studie von den untersuchten Regionen Augsburg, Bremen, Köln, München, Region Hannover, Region Stuttgart und die Länder Bayern, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Auf der Karte sieht das so aus:

Die Studie steht kostenfrei als PDF hier zur Verfügung und ich finde das Ergebnis kann sich sehr sehen lassen. Ich bin froh, dass ich Teil des Projekts war und ein wenig mitarbeiten konnte, denn es hat mir viel Freude bereitet mit dem Sound Diplomacy-Team zusammenzuarbeiten und inhaltlich habe ich sehr viel über die Musikwirtschaft und -kultur in Deutschland gelernt! Danke!

Barcode Techno

Ich würde nicht so weit gehen, da jetzt eine konsumkritische Perspektive drauf zu legen, aber beeindruckend ist das allemal.

In the Mix: Billie Eilish – Infinite Bad Guy

Screenshot „Infinite Bad Guy“

„Infinite Bad Guy“ ist ein interessantes Projekt und eindrucksvolles Zeugnis der digitalen Remixkultur: Basierend auf dem einschlägigen Riesenhit von Billie Eilish (mehr als eine Milliarde Klicks allein auf Youtube) sind dutzende, vermutlich sogar hunderte Remixes und Cover-Versionen entstanden, die größtenteils bei Youtube zu finden sind. „Infinite Bad Guy“ sortiert und mischt die Versionen zusammen, die Genres verändern sich, aber die Geschwindigkeit bleibt.

“Bad Guy” by Billie Eilish has inspired thousands of fans to cover the song on YouTube. Their versions are amazing to watch, spanning almost every country, language, and genre. We built this A.I. experiment to celebrate them, and see what would happen if they could all play together. It’s an infinite music video, weaving together an ever-expanding collection of thousands of covers. Machine learning keeps all these covers on the same beat and lets you jump from video to video seamlessly.

Das Ganze scheint ein Projekt von Youtube Music und Google AI Experiments zu sein, wobei ich noch nicht herausgefunden/kapiert habe, was das mit AI und Machine Learning genau zu tun hat. Vielleicht auch nur das Label, damit es sich besser klickt.

Mich würde zudem interessieren, ob Billie Eilish und ihr*e Co-Songwriter*in bzw. ihr Verlag für die Coverversionen monetarisiert werden.

Zu Daft Punk „Get Lucky“ gab es vor ein paar Jahren eine ähnliche Remix-Dynamik; dazu habe ich bei iRights.info 2016 einen Artikel verfasst, in dem ich die besondere Beziehung zwischen Original und Kopien in diesem Fall erläutere.

Mit Merch Table Spotify-Playlists über Bandcamp kaufen

Die Musik-Kuratier-Website Hype Machine bietet die Funktion „Merch Table“: Man kann Spotify-Playlist reinkippen und erhält automatisch die Links zu den Bandcamp-Profilen der Tracks.

Das ist praktisch und sinnvoll, wenn man die Künstler*innen bzw. Labels direkt unterstützen will (beispielsweise im Rahmen der Bandcamp Fridays).

Trotzdem: Ich bin hin- und hergerissen zwischen dem Fakt, dass es den tollen Service gibt, und dem Problem, dass es ihn offenbar geben muss

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