Everything is a Remix – Neues Video zu „Fair Use“

Der Filmemacher Kirby Ferguson war schon öfters mit seiner „Everything is a Remix“-Serie hier im Blog. In seinem neuesten Video gibt er wieder einmal den Erklärbär: diesmal zum Thema „Fair Use“, das ja im deutschen Rechssystem so nicht existiert, für das sich aber die Initiative „Recht auf Remix“ stark macht (Sampling ist hier natürlich auch mitgedacht).

Kurz gesagt: Fair Use ist eine Ausnahmeregelung, die beispielsweise im US-amerikanischen Copyright Law verankert ist, und nicht autorisierte Kopien unter bestimmten Umständen genehmigt, beispielsweise für Bildungszwecke oder Zitationen. Bei Wikipedia findet sich diese brauchbare Auflistung:

Fair Use besagt, dass die Wiedergabe urheberrechtlich geschützten Materials zum Zwecke der Kritik, der Stellungnahme, der Berichterstattung, der Bildung und der Wissenschaft keine Urheberrechtsverletzung darstellt. Ob eine Verwendung urheberrechtlich geschützten Materials angemessen ist oder nicht, ist im Einzelfall nach folgenden Kriterien abzuwägen:

  1. Zweck und Art der Verwendung (gewerbsmäßig oder nicht; umgestaltende Nutzung oder nicht (sog. transformative use))
  2. Art des urheberrechtlich geschützten Werks
  3. Umfang und Bedeutung des verwendeten Auszugs im Verhältnis zum ganzen Werk
  4. Auswirkung der Verwendung auf den Wert und die Verwertung des geschützten Werks
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Interview für landr zu Sampling, Urheberrecht und Kreativität

Duane Storey via Attribution Engine. Licensed under CC BY-NC-ND

Annika Wegerle von der Mastering-Website landr.com hat mir ein paar Fragen zu aktuellen Entwicklungen im Sampling-Bereich gestellt und ich habe sie sehr gerne beantwortet. Vielen Dank für die Anfrage! Hier entlang zum Interview.

Um genauer zu verstehen, wie bestimmte Kernkonzepte der Musik heute gefasst werden müssen, und inwiefern das Sampling Symbol für eine neue Musikbranche und -kultur ist, haben wir uns mit Georg Fischer unterhalten, der sich als Soziologe an der TU Berlin mit den theoretischen Aspekten der Remixkultur beschäftigt sowie bei Nacht als DJ selbst Hand an’s Remixen legt. Er hat uns mehr zum Thema Urheberrecht in der Musik, dem „Zeitalter des Remix“ und seiner Sichtweise auf traditionelle Ansichten von Kreativität und Innovation erzählt.

#Incommunicado – Ein Hörbuch über Macht und Reichweite des Urheberrechts in der Musikindustrie

In den letzten Tagen habe ich 15 der insgesamt 16 Teile des Romans „#Incommunicado“ von Michel Reimon angehört. Meine Strategie war natürlich etwas blöd, denn jetzt sitze ich wie auf heißen Kohlen und warte darauf, dass nächsten Dienstag der letzte Teil und damit das Ende der Geschichte erscheint. Gibt mir immerhin etwas Zeit, um darüber zu bloggen 😉

Über das Projekt habe ich bereits im letzten Sommer ein paar Zeilen verloren, als gerade das Crowdfunding für das Hörbuch lief. Ich bin sehr froh, dass das Ding realisiert werden konnte, denn es hat mir einige sehr unterhaltsame und informative Stunden beschert – zu einem Thema, das zwar für viele dröge wirkt, aber doch immer wichtiger wird und gerade in der Hörbuchform sehr spannend vermittelt wird. Initiiert und eingesprochen wurde das Hörbuch von Fabian Neidhardt und Dennis Kröger, die sich die beiden Stränge des Buchs – Roman und Sachbuch – aufteilen. Ihnen beiden möchte ich besonders danken, dass sie die Hörfassung des Buchs in Angriff genommen und erfolgreich realisiert haben!

Das zentrale Thema von #Incommunicado ist die Rolle des Geistigen Eigentums in der Musik – und was das mit Meinungsfreiheit, (digitalem) Ungehorsam und Demokratie zu tun hat. Schon in den 1980ern schrieb der Musiksoziologe Simon Frith, dass die Musikindustrie eigentlich keine Musik, sondern Copyrights produziere (ironischerweise ist sein Text heute hinter einer Paywall):

For the music industry the age of manufacture is now over. Companies (and company profits) are no longer organised around making things but depend on the creation of rights.

Dieses Zitat könnte ein kaum passenderes Motto für #Incommunicado sein: Zusammen mit einer Anwältin gründet ein Manager aus der Musikindustrie „Volvox“, ein Unternehmen, das sich die Copyrights für alle derivative Nutzungen aller Popmusik unter den Nagel reißen will. Das meint in erster Linie Bearbeitungen, Coverversionen, Remixes, Samples, Zitate, also alles, was eine irgendwie schöpferische Auseinandersetzung mit einem existierendem Popsong oder Teilen daraus darstellt, soll von einer zentralen Verwaltungsstelle lizensiert werden. Auch das Recht für zukünftige derivative Werke will das Unternehmen sich einverleiben. Um sich zu profilieren, verklagt es eine kleine Punkband – wegen einer geradezu absurden Copyright-Verletzung, soviel sei hier verraten. Die Story wird dabei aus der Perspektive eines jungen Gitarristen und Musikjournalisten erzählt, der die Band auf ihrer Tour durch Europa und dabei ihren Protest, aber auch ihren Aufstieg begleitet. Zwischendrin gibt es immer wieder Sachbuch-artige Einschübe, um die Hörer:innen mit Details aus der Geschichte des Urheberrechts, der Kreativbranche, des Internets, teils auch der Philosophie zu versorgen. Die Doppelstruktur führt zu manchen amüsanten Dialogen:

„Stimmt genau, Kleiner. Ich sehe, du verstehst. Und instinktiv hat das die Musikbranche schon lange verstanden. Limp Bizkit gelingt der Durchbruch mit etwas, das sie Nu Rock nennen – und schon bringen alle Konkurrenzlabels ähnlich klingende Bands raus. Linkin Park wären nie so gepusht worden, wenn sie nicht dieselben Regeln befolgen würden, die Limp Bizkit bekannt gemacht haben. Wir wollten einfach eine sich öffnende Marktlücke abdecken.“

„Linkin Park verhält sich zu Limp Bizkit wie Pearl Jam zu Nirvana?“

„Das sagt zumindest Immanuel Kant, denke ich.“

„Kluger Bursche.“

„Ja, nicht wahr? Man sollte mehr alte Klassiker lesen.“

Michel Reimon beschreibt in einem Blogeintrag sehr eindrücklich den Prozess, wie es zur Idee und Entstehung von #Incommunicado kam und wie schwer es ihm fiel, die ganzen Informationen unter einen Hut zu kriegen. Ich finde, diese Aufgabe ist ihm sehr gut gelungen, ich habe das Buch mit großem Gewinn gehört. Die Idee, die absurde Ausdehnung des Copyrights/Urheberrechts in Romanform zu verpacken, ist hervorragend umgesetzt. Was mir weniger gut gefällt, ist die marginale Rolle und auch die Darstellung der Frauen. Den Bechdel-Test würde #Incommunicado nicht bestehen, das wird auch das letzte Hörbuch-Kapitel sicher nicht mehr rausreißen: So hat bspw. nur eine Frau, die zudem meist als „Mädchen“ beschrieben wird, überhaupt eine Sprechrolle; bei wichtigen Entscheidungen der Band hat Anna trotz ihrer Funktion als Sängerin eigentlich kaum etwas zu sagen. Das ist natürlich schade und passt auch nicht so recht zu dem linksliberalen Drive, den das Buch vor allem in der zweiten Hälfte bekommt. Trotz dieses Wermutstropfens ist #Incommunicado ein sehr zu empfehlendes Buch, das weiterhin unter CC-Lizenz NC-SA 3.0 zur Verfügung steht und in der Hörbuch-Form von Fabian Neidhardt und Dennis Kröger große Freude bereitet!

#Incommunicado im Mokita-Blog von Fabian Neidhardt 

#Incommunicado im Stream bei archive.org (dort lassen sich auch alle bisher erschienenen Teile in einem .zip herunterladen):

Crowdfunding für ein Hörbuch zur Geschichte des Urheberrechts

Das Urheberrecht ist eine seltsame Angelegenheit. Eigentlich wurde es konzipiert für eine relativ kleine Gruppe von Akteuren (Künstler, Schriftsteller, Verlage, etc.) und sollte dementsprechend ein Rechtsgebiet sein, das auch nur für wenige alltagsrelevant ist. Durch Digitalisierung, Internet und weitere Entwicklungen ist es aber zu einem Gesetz geworden, dass so ziemlich alle betrifft, die einen Computer benutzen. Jeden Tag. Für die meisten bleibt das Urheberrecht eine Black Box, die schwer zu durchschauen ist und deren Zweck oft fragwürdig erscheint. Dadurch entsteht mindestens ein ungutes Gefühl, manchmal auch Angst und oftmals wird auch Kunst (oder sogar Kommunikation) durch urheberrechtliche Restriktionen verhindert, worauf die Initiative „Recht auf Remix“ aufmerksam macht.

Es wäre also sinnvoll, wenn mehr Menschen über Sinn, Zweck und Konzeption des Urheberrechts Bescheid wüssten, um als mündige und informierte Bürger sich dazu zu positionieren. Dafür möchte der Schriftsteller und Sprecher Fabian Neidhardt, der sich selber auch den Titel „Botschafter des Lächelns“ gibt, 😉 den Roman „Incommunicado“ von Michel Reimon als Hörbuch produzieren. Das Buch ist 2012 unter einer CC-Lizenz erschienen und zeigt in romanhafter Darstellung die Entstehung und Entwicklung des Copyrights bis heute. Natürlich werden auch die Schwierigkeiten und Unvereinbarkeiten mit unserem digital geprägten Alltag thematisiert. Aber auch die Möglichkeiten, die es gibt: so soll das Hörbuch ebenfalls unter einer Creative Commons-Lizenz (CC-BY-NC-SA 3.0) veröffentlicht werden.

In diesem kurzen Video stellt Fabian das Projekt und seine Motivation vor:

Die Crowdfunding-Aktion läuft bis zum 31.7.2016 bei Startnext. Bis dato sind schon mehr als 900 Euro von den angepeilten 1500 gesammelt worden, es sieht also wirklich gut aus für das unterstützenswerte Projekt. Meine Unterstützung ist Euch ebenfalls sicher! Viel Erfolg für die Zielgerade!

 

 

 

Bundesverfassungsgericht entscheidet zu Gunsten von Sampling und Remixkultur

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Das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) hat am 31.5.2016 über den Fall „Metall auf Metall“ zwischen der Band Kraftwerk und dem Musikproduzenten Moses Pelham geurteilt. Dabei wurde das Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) von 2012 aufgehoben. Es geht um ein 1,5 langes Sample aus Kraftwerks „Metall auf Metall“ (1977), das Moses Pelham ohne Erlaubnis für das Stück „Nur mir“ (1997) verwendet hatte.

Pelham hatte zusammen mit anderen eine Verfassungsbeschwerde gegen das BGH-Urteil eingereicht und dabei vor allem damit argumentiert, dass seine künstlerische Ausdrucksform, das Sampling, und damit eine ganze künstlerische Stilrichtung, nämlich HipHop und ähnliche, nicht mehr möglich wären. Die urheber- und vor allem leistungsschutzrechtlichen Hürden, die der BGH 2012 für das Sampling anlegte, seien dafür zu hochgelegt.

Das BVerfG hat diese Verfassungsbeschwerde grundsätzlich anerkannt, wobei das meiner Meinung nach noch nicht bedeutet, dass Sampling dadurch vollständig legalisiert wäre. Doch die Verfassungstreue, möchte das BVerfG damit zumindest sagen, ist bei der restriktiven Entscheidung des BGH, die mehr Hürden als Möglichkeiten einräumt, nicht mehr gegeben: die BGH-Entscheidung beschneidet die Kunstfreiheit. Damit dürfte die grobe Richtung vorgegeben werden, die das höchste deutsche Gericht für die künstlerische Auseinandersetzung mit urheberrechtlich geschütztem Material sehen will. Es ist eine prinzipiell sehr freundliche Haltung gegenüber dem Sampling, der (digitalen) Remixkultur und natürlich der Kunstfreiheit, und bisher ohne Gleichen. Die Frage ist nun, wie geht der BGH damit um? Legt er seine Entscheidung wegen der EU-Urheberrechtstichtlinie seit 2002 sogar in weiterer Folge dem EuGH, dem Europäischen Gerichtshof vor?

Diese Dinge werden sich in den nächsten Jahren klären. In der gestrigen Pressemitteilung des BVerfG liest sich das Urteil bereits so:

Steht der künstlerischen Entfaltungsfreiheit ein Eingriff in das Tonträgerherstellerrecht gegenüber, der die Verwertungsmöglichkeiten nur geringfügig beschränkt, können die Verwertungsinteressen des Tonträgerherstellers zugunsten der Freiheit der künstlerischen Auseinandersetzung zurückzutreten haben. […] Das vom Bundesgerichtshof für die Anwendbarkeit des § 24 Abs. 1 UrhG auf Eingriffe in das Tonträgerherstellerrecht eingeführte zusätzliche Kriterium der fehlenden gleichwertigen Nachspielbarkeit der übernommenen Sequenz ist nicht geeignet, einen verhältnismäßigen Ausgleich zwischen dem Interesse an einer ungehinderten künstlerischen Fortentwicklung und den Eigentumsinteressen der Tonträgerproduzenten herzustellen.

Das BVerfG hat also die Entscheidung des BGHs kassiert, der BGH muss nachbessern. Etwas ausführlicher dieser Abschnitt, bei dem die Kunstfreiheit und die ökonomischen Interessen der Verwerter gegenüber gestellt werden. Für mich heißt das im Klartext: Die Annahme des BGH, dass durch die Entnahme eines kurzen Samples ein wirtschaftlicher Schaden entstanden ist bzw. entsteht, ist unrichtig und unverhältnismäßig gegenüber der Kunstfreiheit:

c) Die Annahme des Bundesgerichtshofs, die Übernahme selbst kleinster Tonsequenzen stelle einen unzulässigen Eingriff in das Tonträgerherstellerrecht der Kläger dar, soweit der übernommene Ausschnitt gleichwertig nachspielbar sei, trägt der Kunstfreiheit nicht hinreichend Rechnung. Wenn der Musikschaffende, der unter Einsatz von Samples ein neues Werk schaffen will, nicht völlig auf die Einbeziehung des Sample in das neue Musikstück verzichten will, stellt ihn die enge Auslegung der freien Benutzung durch den Bundesgerichtshof vor die Alternative, sich entweder um eine Samplelizenzierung durch den Tonträgerhersteller zu bemühen oder das Sample selbst nachzuspielen. In beiden Fällen würden jedoch die künstlerische Betätigungsfreiheit und damit auch die kulturelle Fortentwicklung eingeschränkt.

Sample-Lizenzen sind dagegen natürlich weiterhin ein Mittel, das auch das BVerfG gut heißt. Da sie aber beliebig hoch angesetzt oder einfach verweigert werden können, stellen Lizenzen allerdings keinen Ausgleich für die restriktive Entscheidung des BGH dar.

Der BGH hatte 2012 ein „Äquivalenzmodell“ vorgelegt, das wegen seiner waghalsigen Konstruktion viel Kritik nach sich gezogen hatte. Wenn es einem „durchschnittlich ausgestatteten und befähigten Musikproduzenten“ zum Zeitpunkt der Aufnahme möglich sei, das Sample selbst nachzustellen, dürfe es nicht gesampelt werden. Dieses Äquivalenzmodell hatte das BVerfG gestern zu Recht verworfen: Einerseits bleibt es vollkommen unsicher, wie dieser durchschnittlich ausgestattete und befähigte Musikproduzent denn aussehen solle. Andererseits wäre durch das Urteil die Situation entstanden, dass die besonders leicht nachzuspielenden Ausschnitte einen besonderen Schutz erfahren hätten. Die urheberrechtliche Schutzzone hätte sich damit nach unten hin ausgeweitet. Nach oben hin gibt es mit dem starren Melodienschutz aus §24 Abs. 2 UrhG auch schon eine Beschränkung. Dieser existiert nach dem Urteil des BVerfG natürlich noch weiter, aber die Verhältnismäßigkeit wird zu Gunsten von professionellen Produzenten und vor allem auch Amateuren gestärkt.

Besonders bemerkenswert finde ich den folgenden Abschnitt, der empfiehlt, die stilprägenden, kunstspezifischen Merkmale zu berücksichtigen. Damit wird die Ausdifferenzierung der Musik in verschiedene Genres mit ebenso spezifischen ästhetischen Anforderungen und Merkmalen anerkannt; das dominierende romantische und auch urheberrechtliche Verständnis von einmaligen Künstlergenies, die „spurenlos“ aus sich selbst schöpfen und denen sich eine maximale Herrschaft über ihre Werke ergibt, steht also nicht mehr als eindeutiges Modell im Vordergrund:

Das eigene Nachspielen von Klängen stellt ebenfalls keinen gleichwertigen Ersatz dar. Der Einsatz von Samples ist eines der stilprägenden Elemente des Hip-Hop. Die erforderliche kunstspezifische Betrachtung verlangt, diese genrespezifischen Aspekte nicht unberücksichtigt zu lassen. Hinzu kommt, dass sich das eigene Nachspielen eines Sample als sehr aufwendig gestalten kann und die Beurteilung der gleichwertigen Nachspielbarkeit für die Kunstschaffenden zu erheblicher Unsicherheit führt.

Das waren Auszüge aus der Pressemitteilung, die auf dem mehr als 20 Seiten langen Urteil beruht, das ich noch nicht vollständig zerpflückt habe. Die Argumentation ist aber sicherlich kongruent.

Lesenswerte Interviews und Artikel mit kurzer Kommentierung

Hier noch einige Texte, die ich zur Lektüre empfehlen kann und kurz kommentierte habe: David Pachali und Leonhard Dobusch sehen in ihren Beiträgen für irights.info bzw. netzpolitik.org beide eine Sympathie für Fair Use-Prinzipien:

In der HipHop- und Sampling-Szene nahm man das Urteil erwartungsgemäß positiv auf. Der HipHop-Journalist Falk Schacht macht deutlich, dass die langatmigen und komplizierten Sample Clearing-Vorgänge nicht nur die kulturelle, sonder auch die wirtschaftliche Entwicklung unnötig hemmen. Oder sogar kleine Labels in den Ruin treiben können, wie die Produzenten Figub Brazlevic und Suff Daddy nachlegen.

Der DJ, Produzent und künstlerische Leiter des Pop-Instituts der Folkwang Uni Hans Nieswandt hält nicht den Ausgang des Urteils für primär wichtig, sondern plädiert für moralische Maßstäbe und Augenmaß bei der Entnahme von Samples, also für eine „Ethik des Kopierens“ – und zwar auf beiden Seiten, bei den Samplenden als auch den Gesampelten. Passend dazu liest der ehemalige Rapper und heutige Anwalt für Urheberrecht Sebastian Möllmann aus dem Urteil zwar noch keine Rechtsfreiheit oder prinzipielle Legalität des Samplings heraus, hält ihm aber zu Gute, dass nun zwei Maßstäbe zur Beurteilung verfassungsrechtlich gestärkt seien: der Abstand zwischen Original und Bearbeitung des Samples sowie die Länge des Samples.

Im Verfassungsblog werden einige der auch oben genannten Aspekte hervorgehoben und diskutiert. Für den Autor ist das Urteil eine „echte Premiere“ hinsichtlich des Verhältnisses von Geistigem Eigentum und Kunstfreiheit.  Der BGH kommt dabei nicht so gut weg. Interessant finde ich vor allem diese Einschätzung:

Vor allem aber überzeugt die in Orientierung an der wirtschaftlichen Produktionslogik des Tonträgerherstellers vom BGH zusätzlich eingeführte Ausnahme nicht. Die analoge Anwendung von § 24 UrhG soll ausgeschlossen sein, wenn dem Entlehnenden die eigene Einspielung der aufgezeichneten Tonfolge tatsächlich möglich sei. Dann fehle nämlich jene rechtliche Angewiesenheit auf eine freie Benutzung wie bei urheberrechtlich geschützten Werken, deren Vervielfältigung auch zum Zwecke der Ermöglichung eigenen Schaffens nach § 16 UrhG ohne Einwilligung des Rechtsinhabers zunächst unzulässig wäre. Weite Auslegung von wirtschaftlichen Monopolrechten gepaart mit enger Auslegung von Schranken für kreative Weiterverwendung – dieses Rechtsregime ist nach Auffassung des Verfassungsgerichts mit der Kunstfreiheit nicht vereinbar.

Sichtlich zerknirscht äußerte sich der Bundesverband der Musikindustrie. Natürlich versuchte man aber auch, die Entwicklung für sich zu nutzen. In einer Pressemitteilung gab man zu verstehen, dass das Urteil eine „Chance“ sei für den BGH, „den Fall noch einmal neu zu sortieren“. Auf die Probleme des Sample Clearings wurde nicht eingegangen, es wurde sogar als Alternative hervorgehoben (fast so, als hätte man die Tragweite des Urteils nicht erfasst oder wolle sie vorsätzlich kleinhalten): „Neben der Möglichkeit die Tonfolgen nachzuahmen bestehe stets die Möglichkeit, sich vom Rechteinhaber die fraglichen Rechte lizenzieren zu lassen.“ Wobei die Formulierung natürlich bewusst „gummiartig“ gewählt ist, denn „bestehe stets die Möglichkeit“ ist definitiv nicht gleichzusetzen mit einer tatsächlichen Zwangslizenz, auch wenn es die Formulierung nahe legt.

Zum Abschluss noch ein sehr hörenswerter Beitrag bei Radio Z, in dem sich Volker Tripp von der Digitalen Gesellschaft klar verständlich und ausführlich äußert. Die Digitale Gesellschaft hatte bei der Verfassungsbeschwerde mitgewirkt (hier das Positionspapier). Offenbar sehr überzeugend für die Verfassungsrichter, die in ihrem Urteil auch der technologischen Entwicklung und dem Einfluss von Remix-Amateuren durch die Kulturtechnik des Samplings einen ganzen Absatz spendierte (Abs. 47 im Urteil)

„Copy? Right!“ – Workshop an der Hochschule der Künste, Bern (18.-22.4.2016)

Berner Bahn, Aufnahme von bartlinssen1968, lizensiert unter CC BY NC 2.0

Berner Bahn, Aufnahme von bartlinssen1968, lizensiert unter CC BY NC 2.0

Für den 18. und 19. April wurde ich eingeladen, bei einem Workshop an der HKB, der Hochschule der Künste Bern, teilzunehmen. Der Workshop wird organisiert von dem Künstler Søren Berner und dem Soziologen Peter Tränkle. Mit Peter bin ich seit dem Studium befreundet, daher ist es für mich ein besonderes Vergnügen, auf das ich mich schon sehr freue. 🙂

Das Thema könnte kaum passender für mich sein, denn es geht um den Zusammenhang von Copyrights und Kunst. Passt also hervorragend zur Forschung, die ich im Rahmen meiner Dissertation durchführe. Aus der Ankündigung:

Kreativschaffende haben zu allen Zeiten voneinander «geborgt» und «gestohlen». «A good composer does not imitate, he steal », so Igor Stravinsky. Das erste moderne Urheberschutzgesetz («Statute of Anne» 1710) hatte das ausdrückliche Ziel, gelehrte Personen anzuregen, Bücher zu veröffentlichen und ihre Rechte als Autoren und Eigentümer der Inhalte gegenüber Verlegern, Druckern etc. zu schützen. Was als eine Motivation für die Veröffentlichung von Ideen zum Wohle der Gesellschaft begann, schützt heute vielmehr Verleger, Musik-Label und Medienkonzerne.

Wie ist die Situation in den Bildenden Künsten? Werke sind aktuell bis 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers geschützt. So wäre es zum Beispiel streng genommen verboten, das Lied «Happy Birthday» öffentlich zu singen, ohne dafür Lizenzgebühren an den Medienkonzern Warner/Chappell gezahlt zu haben. So wurde wohl fast jeder schon einmal unwissentlich zum Dieb — jedoch nicht auf die romantisch-heroische Art, die Stravinsky im Sinn hatte.

Wir sind bei medialen Inhalten und künstlerischen Werken mit einem spannungsreichen Widerspruch konfrontiert: Sowohl der Schutz von Urheberschaft als auch die öffentliche Zugänglichkeit erscheinen notwendig. Wird unsere Kreativität durch die Urheberrechte gefördert oder behindert? Wo liegen die problematischen Grenzen beider Tendenzen? Und in welcher Relation stehen Möglichkeiten künstlerischen Handelns zu gesetzlichen Vorgaben und Regelungen?

Mit einer kritischen künstlerischen Optik untersucht diese Toolbox die Thematik des Urheberrechts theoretisch mit Gastvorträgen und Dokumentarquellen, praktisch mit der Herstellung neuer Werke aus alten, wieder öffentlich zugänglichen, «schutzlosen» Werken.

Das mit „Happy Birthday“ hat sich mittlerweile geklärt. Laut dem SZ Magazin hat der Musikverlag Warner/Chappell seit 1988 mehr als 50 Millionen Dollar mit dem Lied „Happy Birthday“ eingenommen. Anfang 2016 wurde dann bekannt, dass der Verlag doch nicht das Copyright auf das Lied hat, weil es ursprünglich von einer Kindergärtnerin komponiert wurde (Erstveröffentlichung bereits 1893!) und bereits in den 1920er Jahren Allgemeingut war. Die Story liest sich wie ein Drehbuch eines Hollywoodfilms. Es geht um die Musikerin Rupa Marya, die erfolgreich für die Gemeinfreiheit von „Happy Birthday to you“ gekämpft hat – die Erin Brockovich des Copyrights. Oder so ähnlich… wie dem auch sei, es gibt viel zu diskutieren und ich freue mich darauf! Wenn es meine Zeit erlaubt, werde ich an dieser Stelle dann auch über den Workshop berichten.

Hackathon für Sampling: Der whosampled.com Samplethon 2015

Hab an der einen oder anderen Stelle ja schon mal angedeutet, dass ich nicht unbedingt der Schnellste bin in meiner Berichterstattung. Tagesaktualität ist mir in der Regel nicht so wichtig, das Netz ist ja eh voll von Hypes, Trends und Echtzeitzeugs. Im Nachgang heute ein kleiner Beitrag über den Samplethon, sozusagen einer Art Hackathon für Beatbauer. Hier die Pre-Promo:

Veranstaltet wurde der Wettbewerb im November 2015 von whosampled.com, dem Vroniplag für Samples. Der Samplethon wurde nach der Premiere 2014 bereits zum zweiten Mal ausgerichtet. Hier ein Auszug aus dem Promo-Text:

This first-of-a-kind event format gives up-and-coming producers access to rare and sought after sample material from a leading music library to produce exciting new music under the guidance of world class producers. During this one day event hosted at the London’s world famous Metropolis Studios with support from Audeze, 20 producers were given exclusive access to pre-cleared original sample material from the Bruton Music catalogue, a label of Universal Production Music. The challenge: to produce a new track using the provided sample material against the clock, with the supervision and assistance of our team of esteemed mentors. This event created a rare opportunity to sample from these highly regarded recordings performed by world class musicians, free from the legal shackles often associated with sampling.

The day concluded with a judging session where industry experts chose the winning tracks which now go forward for inclusion on a forthcoming release alongside tracks created by established producers, all to go on to form part of the prestigious Bruton Music library.

Mir fällt auf, dass in den Ankündigungen immer wieder die rechtliche Seite des Samplings ins Spiel gebracht wird. Der Samplethon soll einerseits das kreative Potential von Sampling zeigen, andererseits bietet er mit den vorab geklärten Katalogtracks (in diesem Fall von Bruton Music library) einen Ausweg aus dem rechtlichen Dilemma des Sample-Clearings an. Darüber hinaus kann man über Wettbewerbe ja auch Talente sichten usw. Scheint für alle Seiten eine Win-Situation zu sein, oder man verspricht sich zumindest was davon. Bruton Music ist übrigens ein Sublabel vom Verlag Universal Production Music. Bei der Verlagskonkurrenz von EMI Production Music rief man im Herbst letzten Jahres eine „Sampling-Amnestie“ aus. Sind diese Entwicklungen Anzeichen dafür, dass in der Musikindustrie nach und nach ein Umdenken stattfindet und man die Kataloge für eine zukünftige Verwertung durch Sample-Lizenzen öffnen will?

Hier die drei Gewinner:

 

Alles schöne Tracks, keine Frage, aber der Vergleich zu den Originalsamples fehlt. Das war beim Sample-Wettbewerb „3 Notes and runnin“, der 2004 von downbattle.org ausgerichtet wurde, anders. Damals war auch die Musikindustrie nicht der Partner, sondern der Gegner. Nach einer gerichtlichen Entscheidung zwischen Funkadelic und N.W.A. wurden letztere wegen eines kaum wahrnehmbaren Samplings von 3 Noten aus einem Riff von Funkadelic schuldig gesprochen:

In the case, the court found that NWA violated copyright law when they sampled 3 notes of a guitar riff from Funkadelic’s „Get off Your Ass and Jam“ for their song „100 Miles and Runnin'“. The ruling reversed a district court finding that because „no reasonable juror, even one familiar with the works of George Clinton, would recognize the source of the sample without having been told of its source“, sampling clearance should not be required.

In doing so, the court broke from decades of established sample practice by ruling that all samples, regardless of how heavily manipulated or unrecognizable they may be, are subject either to „clearance“ (obtaining permission for use of the sample, usually in exchange for money), or litigation. In an instant, this act made the majority of sample based music illegal. For more, read Why Sample Rights Matter.

To protest this decision, we are creating a forum for sample-based musicians and artists to share their own 30 second songs which have been created using only the sample in question. By doing so, we hope to showcase the potential and diversity of sample based music and sound art, and to call into question the relationship between a sample and its use. All entries will be posted on this site as they are received.

Um die künstlerische Kreativität des Samplings zu betonen, sollten aus dem kurzen Riff musikalische Versionen hergestellt werden. Die Ergebnisse sind erstaunlich und teilweise überhaupt nicht mehr mit dem Original in Verbindung zu bringen.

[via Robyn]