Musikindustrie

#Incommunicado – Ein Hörbuch über Macht und Reichweite des Urheberrechts in der Musikindustrie

In den letzten Tagen habe ich 15 der insgesamt 16 Teile des Romans „#Incommunicado“ von Michel Reimon angehört. Meine Strategie war natürlich etwas blöd, denn jetzt sitze ich wie auf heißen Kohlen und warte darauf, dass nächsten Dienstag der letzte Teil und damit das Ende der Geschichte erscheint. Gibt mir immerhin etwas Zeit, um darüber zu bloggen 😉

Über das Projekt habe ich bereits im letzten Sommer ein paar Zeilen verloren, als gerade das Crowdfunding für das Hörbuch lief. Ich bin sehr froh, dass das Ding realisiert werden konnte, denn es hat mir einige sehr unterhaltsame und informative Stunden beschert – zu einem Thema, das zwar für viele dröge wirkt, aber doch immer wichtiger wird und gerade in der Hörbuchform sehr spannend vermittelt wird. Initiiert und eingesprochen wurde das Hörbuch von Fabian Neidhardt und Dennis Kröger, die sich die beiden Stränge des Buchs – Roman und Sachbuch – aufteilen. Ihnen beiden möchte ich besonders danken, dass sie die Hörfassung des Buchs in Angriff genommen und erfolgreich realisiert haben!

Das zentrale Thema von #Incommunicado ist die Rolle des Geistigen Eigentums in der Musik – und was das mit Meinungsfreiheit, (digitalem) Ungehorsam und Demokratie zu tun hat. Schon in den 1980ern schrieb der Musiksoziologe Simon Frith, dass die Musikindustrie eigentlich keine Musik, sondern Copyrights produziere (ironischerweise ist sein Text heute hinter einer Paywall):

For the music industry the age of manufacture is now over. Companies (and company profits) are no longer organised around making things but depend on the creation of rights.

Dieses Zitat könnte ein kaum passenderes Motto für #Incommunicado sein: Zusammen mit einer Anwältin gründet ein Manager aus der Musikindustrie „Volvox“, ein Unternehmen, das sich die Copyrights für alle derivative Nutzungen aller Popmusik unter den Nagel reißen will. Das meint in erster Linie Bearbeitungen, Coverversionen, Remixes, Samples, Zitate, also alles, was eine irgendwie schöpferische Auseinandersetzung mit einem existierendem Popsong oder Teilen daraus darstellt, soll von einer zentralen Verwaltungsstelle lizensiert werden. Auch das Recht für zukünftige derivative Werke will das Unternehmen sich einverleiben. Um sich zu profilieren, verklagt es eine kleine Punkband – wegen einer geradezu absurden Copyright-Verletzung, soviel sei hier verraten. Die Story wird dabei aus der Perspektive eines jungen Gitarristen und Musikjournalisten erzählt, der die Band auf ihrer Tour durch Europa und dabei ihren Protest, aber auch ihren Aufstieg begleitet. Zwischendrin gibt es immer wieder Sachbuch-artige Einschübe, um die Hörer:innen mit Details aus der Geschichte des Urheberrechts, der Kreativbranche, des Internets, teils auch der Philosophie zu versorgen. Die Doppelstruktur führt zu manchen amüsanten Dialogen:

„Stimmt genau, Kleiner. Ich sehe, du verstehst. Und instinktiv hat das die Musikbranche schon lange verstanden. Limp Bizkit gelingt der Durchbruch mit etwas, das sie Nu Rock nennen – und schon bringen alle Konkurrenzlabels ähnlich klingende Bands raus. Linkin Park wären nie so gepusht worden, wenn sie nicht dieselben Regeln befolgen würden, die Limp Bizkit bekannt gemacht haben. Wir wollten einfach eine sich öffnende Marktlücke abdecken.“

„Linkin Park verhält sich zu Limp Bizkit wie Pearl Jam zu Nirvana?“

„Das sagt zumindest Immanuel Kant, denke ich.“

„Kluger Bursche.“

„Ja, nicht wahr? Man sollte mehr alte Klassiker lesen.“

Michel Reimon beschreibt in einem Blogeintrag sehr eindrücklich den Prozess, wie es zur Idee und Entstehung von #Incommunicado kam und wie schwer es ihm fiel, die ganzen Informationen unter einen Hut zu kriegen. Ich finde, diese Aufgabe ist ihm sehr gut gelungen, ich habe das Buch mit großem Gewinn gehört. Die Idee, die absurde Ausdehnung des Copyrights/Urheberrechts in Romanform zu verpacken, ist hervorragend umgesetzt. Was mir weniger gut gefällt, ist die marginale Rolle und auch die Darstellung der Frauen. Den Bechdel-Test würde #Incommunicado nicht bestehen, das wird auch das letzte Hörbuch-Kapitel sicher nicht mehr rausreißen: So hat bspw. nur eine Frau, die zudem meist als „Mädchen“ beschrieben wird, überhaupt eine Sprechrolle; bei wichtigen Entscheidungen der Band hat Anna trotz ihrer Funktion als Sängerin eigentlich kaum etwas zu sagen. Das ist natürlich schade und passt auch nicht so recht zu dem linksliberalen Drive, den das Buch vor allem in der zweiten Hälfte bekommt. Trotz dieses Wermutstropfens ist #Incommunicado ein sehr zu empfehlendes Buch, das weiterhin unter CC-Lizenz NC-SA 3.0 zur Verfügung steht und in der Hörbuch-Form von Fabian Neidhardt und Dennis Kröger große Freude bereitet!

#Incommunicado im Mokita-Blog von Fabian Neidhardt 

#Incommunicado im Stream bei archive.org (dort lassen sich auch alle bisher erschienenen Teile in einem .zip herunterladen):

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Doku: „Vinyl lebt“ (ZDFinfo, 2015)

Vinyl-ZDFinfo

Eigentlich hatte ich gedacht, dass ich diese Doku schon mal verbloggt hätte. Aber irgendwie ist das letzten Sommer wohl doch durchgerutscht, jetzt also richtig: Für ZDFinfo wurde 2015 diese Dokumentation über Schallplatten und ihr derzeitiges Revival produziert. Größtenteils mit den üblichen Verdächtigen, aber alles in allem doch sehr nett und informativ anzusehen.

Vinyl ist hip, Vinyl ist modisch. Doch Vinyl war nicht immer so erfolgreich wie im Moment. In den letzten 30 Jahren hat die Industrie sogar immer wieder den Untergang der Schallplatte prophezeit.

Der Verkauf von Vinylplatten ist 2014 in den USA um 52 Prozent gestiegen, mehr als 9 Millionen Mal ging Vinyl über den Ladentisch. Die Schallplatte ist der einzige physische Tonträger, dessen Umsatzzahlen noch wachsen.

Und er ist damit auch längst wieder ein ernst zu nehmender Wirtschaftsfaktor. Kaum ein angesagter Künstler kann es sich leisten, sein aktuelles Werk nicht auch auf Vinyl zu veröffentlichen. Die Dokumentation macht sich auf die Spur dieses Phänomens: Warum taucht Vinyl wieder aus der Versenkung auf? Wer profitiert davon?

Zu sehen in der Mediathek oder gleich hier:

 

BMG und Napster – Beziehungsstatus: kompliziert

"Good ol' Napster" (Kory Twaites) CC-Lizenz

„Good ol‘ Napster“ (Kory Twaites) CC-Lizenz

Aus der Reihe: Dinge, die ich noch nicht über die Musikindustrie wusste und die ich mir auch nicht ausdenken könnte 😉

Der Techniksoziologie Ulrich Dolata von der Uni Stuttgart hat 2008 einen interessanten Aufsatz über „Das Internet und die Transformation der Musikindustrie“ veröffentlicht. Darin schildert er sehr anschaulich, wie die „Big Five“, also die Majorlabels der Musikindustrie (bis heute hat sich das übrigens auf drei herunterkonzentriert) auf damals noch Branchen-externe Entwicklungen wie Napster und das MP3-Format reagierten. Die grobe Geschichte ist bekannt: Die Musikindustrie versuchte zuerst das Problem zu ignorieren, danach Napster und Filesharing mit allen juristisch verfügbaren Mitteln zu bekämpfen um anschließend ein eigenes Angebot auf den Markt zu bringen. Klappte mehr so geht so. Es gab aber um das Jahr 2000 herum offenbar auch eine Phase, in der man versuchte Napster zu „legalisieren“. Dabei ging einiges drunter und drüber:

Die Versuche der Majors ab 2000, den digitalen Vertrieb ihrer Musik selbst zu organisieren und zu kontrollieren, scheiterten allerdings schnell. Sie waren geprägt durch verpasste Chancen, durch wechselnde Koalitionen und Frontstellungen zwischen den Majors sowie durch die Entwicklung von digitalen Vertriebsmodellen, die in bemerkenswerter Weise an der Musiknachfrage und den Interessen der Musikkonsumenten vorbeizielten. Die zwei wesentlichen strategischen Varianten der Majors, die die ganze Widersprüchlichkeit und Unzulänglichkeit dieser Versuche zum Ausdruck bringen, sollen hier kurz skizziert werden.

Die erste Variante zielte darauf, das nichtkommerzielle Erfolgsmodell Napster auf legale Beine zu stellen und zu einer kommerziellen Download-Plattform für die Musik der Majors und anderer Firmen umzufunktionieren. Diese Strategie wurde im Herbst 2000 von Thomas Middelhoff, dem damaligen Vorstandsvorsitzenden der Bertelsmann AG, vorangetrieben. Zur gleichen Zeit, als die RIAA und die fünf Majors – einschließlich der Bertelsmann-Tochter BMG (!) – versuchten, Napster auf juristischem Weg zu eliminieren, gab der deutsche Konzern Napster ein Darlehen von 50 Mio. Dollar (für das er im Gegenzug die Option einer Mehrheitsbeteiligung erhielt) und versuchte, das technisch gut funktionierende und sozial etablierte Napster-Netzwerk zu einem legalen Abo-Dienst unter seiner Kontrolle umzubauen. Der Versuch scheiterte allerdings am Widerstand der anderen Majors. Sie befürchteten eine Vormachtstellung von Bertelsmann im künftigen digitalen Musikmarkt und blockierten nicht nur das Vorhaben selbst, indem sie die Lizensierung ihrer Musik an Napster verweigerten, sondern weiteten darüber hinaus ihre Schadenersatzklagen gegen Napster auf Bertelsmann aus (Röttgers 2003: 17 ff.; Renner 2004: 153 ff.; Burkart/McCourt 2006: 59 ff.). Als Folge dieser scharfen kompetitiven Frontstellungen der Majors wurde die Chance verspielt, Kontrolle über den digitalen Musikvertrieb durch die kommerzielle Adaptation der führenden nichtkommerziellen Tauschbörse zu erlangen.

(Dolata 2008: S. 353, meine Hervorhebung)