simon reynolds

So, 16.11.14, 20 Uhr: Feature im Deutschlandfunk zu „‚Pop will eat itself‘- Vom Musikmachen mit Musik. Remix, Plagiat und Copyright“ von Martin Butz

Diesen Sonntag läuft im Deutschlandfunk ein einstündiges Feature von Martin Butz aus Bremen zum Thema „‚Pop will eat itself‘- Vom Musikmachen mit Musik. Remix, Plagiat und Copyright“. Es verspricht äußerst spannend zu werden, denn Martin hat bereits zu diesem und verwandten Themen geforscht, Seminare gegeben und Vorträge gehalten. Zur Einstimmung hat Martin vor ein paar Tagen ein Interview für die Initiative Recht auf Remix gegeben und schon mal den Zusammenhang zwischen Radio machen (hier ausführlich), Zitieren, Remixing und Urheberrecht erläutert:

Im letzten Jahr habe ich mit meinem guten Freund und Kollegen Fabian von Freier ein Hörstück mit dem Titel “Sammelsurium. Man kann nicht nicht zitieren” für den Deutschlandfunk (DLF) gemacht. Wir haben ein Gespräch über Gott und die Welt, den Kapitalismus, die Moral und das Essen und Fressen zwischen unterschiedlichen Personen fast vollständig mit Zitaten realisiert: Zitate aus wissenschaftlichen und belletristischen Werken, Zeitungen, Rundunk und dem Internet. Die Rechtsabteilung des DLF wusste damit zunächst nichts anzufangen. Das war Neuland. Vom Zitatrecht wurde das definitiv nicht abgedeckt, da das neue Werk nicht nur zitierte, sondern nahezu vollständig aus Zitaten bestand. Also begannen wir, jeden der Zitierten anzuschreiben und nachzufragen, ob wir das so verwenden dürfen. Ich habe dabei einiges über die Konsolidierung im Verlagsgewerbe erfahren. Wir wurden beispielsweise von einem Verlag an den nächsten verwiesen, nur um nachher festzustellen, dass der letzte in der Kette doch wieder zu Random House gehört. Am Ende wurde uns klar: Ein solches Feature – also ein solcher Remix – ist nicht möglich, wenn man jeden der Zitatgeber fragen muss. Der organisatorische Aufwand ist viel zu groß, auch wenn wir in vielen Fällen eine kostenfreie Verwendung erreichten. Lange Rede, kurzer Sinn: Am Ende fand die Rechtsabteilung im DLF heraus, dass wir das ganze über die VG Wort abrechnen können. In unserem Fall reichten also die bestehenden Konstruktionen rund um das Urheberrecht aus. Allerdings mussten wir das erst herausfinden. Und im Musikbereich sieht das ganz anders aus.

Sonntag, 16.11.2014, 20 Uhr im Deutschlandfunk (und danach 7 Tage im Podcast): „‚Pop will eat itself‘- Vom Musikmachen mit Musik. Remix, Plagiat und Copyright“. Ein Feature von Martin Butz.

Simon Reynolds: RetromaniaDie Formulierung „Pop will eat itself“ findet sich übrigens in ähnlicher Form in der kritischen These des Musikjournalisten Simon Reynolds, die er in seinem Buch „Retromania“ vor ein paar Jahren entwickelt hat: Pop beutet seine eigene Vergangenheit systematisch aus, um immer wieder neue Retromoden anzuzetteln. Eine sehr kenntnisreiche Darstellung der Popmusik mit marxistischem Einschlag, die die Idee von der geplanten Obsoleszenz auch in der Musikproduktion einführt. „Retromania“ ist 2012 in der deutschen Übersetzung beim Ventil Verlag erschienen.

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Interview mit Simon Reynolds über die „Retromania“

In der Jungle World ist vor kurzem ein sehr lesenswertes Interview mit dem Poptheoretiker Simon Reynolds erschienen. Reynolds hat vor ein paar Jahren mit seiner These vom „Hardcore Continuum“ auf sich aufmerksam gemacht, mit der er dafür argumentierte, dass sich in der britischen, cluborientierten Undergroundmusic (wenn ich das mal so salopp nennen darf), seit Anfang der Neunziger ein gewisses Kontinuum der verwendeten Gestaltungsmittel feststellen lässt. Er meint damit zum Beispiel die Benutzung von Samples, die Praktik der Versionierung über Remixes und Riddims, eine ausgeprägte Begeisterung für Bass und Breakbeats, Rap und Toasting, und einige andere Elemente. All dies lässt sich in Genres wie Hardcore, Jungle, DnB, Garage, Grime, Nuskoolbreaks und mittlerweile auch Dubstep und Bassmusic wiederfinden.
In seinem neuesten Buch „Retromania“, das derzeit auf Deutsch im Ventil Verlag erscheint, setzt er sich in größerem Rahmem mit einer sozusagen erweiterten Continuums-These auseinander. Er meint damit die ausgeprägte Rückwärtsgewandtheit, die Popmusik ganz generell und über Genregrenzen hinweg auszeichnet. Die Vergangenheit werde durch die Betonung von Ursprungsmythen und durch den ständigen Blick in den Rückspiegel glorifiziert und mystifiziert, die Zukunft wird als  eher beängstigend und verunsichernd wahrgenommen. Jede Neuerung, sei es als einflussreiche Innovation oder als simple Neuheit, wird durch die Aufwärmung des Alten und der ständigen Rekontextualisierung bewerkstelligt.
Auszug:

„In den Sechzigern konnte man das bürgerliche Leben ablehnen, in dem Bewusstsein, jederzeit dorthin zurückkehren zu können. Aber das Besondere an der heutigen Zeit ist doch, dass die Menschen nicht einmal mehr eine Chance auf dieses »normale« Leben haben. Mit dem College verband sich das Versprechen, einen Job zu bekommen, sich Haus und Kinder leisten zu können – in Amerika ist es heute aber so, dass die Leute das College verlassen und verschuldet sind, keine Arbeit finden und erstmal in der Luft hängen. Es gibt nur noch Schulden, jeder hat Schulden, und man lebt in der Befürchtung, dass auch die Ressourcen der Zukunft bereits verbraucht sind. Das bringt Menschen in eine Situation, wo sie sich nur um die Gegenwart kümmern oder bestenfalls ein paar Tage voraus planen. Und ich glaube, es bringt sie auch dazu, sich der Vergangenheit zuzuwenden. Und nicht zuletzt könnte es an dieser Hoffnungslosigkeit liegen, dass es in der gegenwärtigen Musik so wenig um Zukunftsentwürfe geht: Die Vorstellung der Zukunft ist für viele einfach zu prekär geworden. Dass der heutige Non-Futurismus auch soziale und politische Gründe hat – darüber hätte ich in »Retromania« vielleicht mehr nachdenken sollen.“

Das vollständige Interview gibt’s hier.

Und hier gibt’s eine knackige Rezension bei den Kollegen von SKUG (derzeit offline).

Morgen, also am 16.10. spricht Reynolds übrigens im Festsaal Kreuzberg, Berlin.

Nostalgie, Sampling, Retromania – Lecture beim Soundsnoise Festival

Im Rahmen des diesjährigen Soundsnoise Festivals (16. bis 19. Mai im österreichischen Dornbirn, südlich von Bregenz) gibt es diesen Donnerstag, 17. Mai eine hübsche Lecture zum Thema „Retromania“ und der Rückwärtsgewandtheit von Popmusik.
Aus dem Veranstaltungstext:
Nostalgie, Sampling-Kultur und Retromania: Recycelt sich die Musik zu Tode? Der britische Kritiker Simon Reynolds hat mit seinem Buch „Retromania. Pop Culture’s Addiction to its own Past“ eine hitzige Diskussion losgetreten. Ist die Pop-Musik am Ende, weil sie sich immer drastischer auf ihre Vergangenheit bezieht? Bleibt die Zukunft des Pop auf der Strecke? Oder war früher wirklich alles besser?

Ihre Antworten auf diese Frage präsentieren uns in Form von Soundlectures und anschließender Diskussion:
Christina Nemec, Labelbesitzerin und Musikerin aus Wien
Didi Neidhart, Autor und Chefredakteur der Musikzeitschrift Skug
Max Dax, Journalist und Publizist

17.05.2012 20:30 Uhr
Kantine
Eintritt: frei
Moderation: Jürgen Thaler
Soundsnoise Festival

 

Zur Retromania-Debatte, die von Simon Reynolds wieder angeschoben wurde und ihre Vorläufer beispielsweise in Sammelbänden wie der Testcard #4 kennt, hat Diedrich Diederichsen letztens in der SZ einen Artikel geschrieben, den ich als Einleitung in die Thematik empfehlen kann. Darin beschreibt er die Kraft des Wieder-Hörens, das Déjà-Entendu, für die Pomusik und zeichnet anhand einiger Stationen die reflexive Entwicklungsgeschichte der Popmusik seit den Beach Boys nach.