Techno Studies. Ästhetik und Geschichtsschreibung elektronischer Tanzmusik, Universität der Künste Berlin, WiSe 2014/15

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Interdisziplinäre Tagung / Ringvorlesung, Universität der Künste Berlin, WiSe 2014/15.

Konzeption: Kim Feser und Matthias Pasdzierny, in Kooperation mit Dörte Schmidt (Ringvorlesung).

Gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), der Kommission für künstlerische und wissenschaftliche Vorhaben (KKWV, UdK Berlin) sowie mit Mitteln zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses (UdK Berlin).

Studentische Hilfskraft: Mathis Krause

Teilnahme kostenlos, Anmeldung erwünscht (keine Platz-Garantie möglich).
Konferenzsprache: deutsch (nur Vortrag Butler englisch).

Publikation: b_books, Frühjahr 2015
Gestaltung Plakat/Karte: Ulrike Feser

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RINGVORLESUNG
dienstags 19–21 Uhr, c.t.
(Fasanenstr. 1b, Raum 322, 10623 Berlin)

11.11.2014: Kim Feser und Matthias Pasdzierny, Einführung (UdK Berlin, Musikwissenschaft).

18.11.2014: Jens Gerrit Papenburg, Low End Theory. Taktile Klänge der Disco- und Clubkultur als musikanalytische Herausforderung? (HU Berlin, Lehrstuhl Theorie und Geschichte der populären Musik).

25.11.2014: Stefan Goldmann, Werkzeug-Konturen – Presets, Normierungen, Readymades (Berlin).

02.12.2014: Felix Denk (zitty, Berlin), Sven von Thülen (Berlin) und Ulrich Gutmair (taz, Berlin), Gespräch zu Berlin Techno – „Der Sound der Wende“, „Der Klang der Familie“, „Party auf dem Todesstreifen“

16.12.2014: Abschlussdiskussion.

INTERNATIONALE TAGUNG
12.–13. Dezember 2014, 10–21 Uhr
(Hardenbergstr. 33, Raum 102, 10623 Berlin)

Freitag, 12.12.2014

10.00: Eröffnung

10.30: Techno und Pop

Jochen Bonz, Zeitläufe der Techno Music. Vom großen Ungekannten der Popmusik der 80er Jahre zum Modell für den Pop der Gegenwart (Universität Innsbruck, Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie).

Diedrich Diederichsen im Gespräch: Ist Techno Pop? (Akademie der bildenden Künste Wien, Institut für Kunst- und Kulturwissenschaften).

12.30: Produktion und Performance – Techno-Analyse

Barbara Volkwein, Klangzeitgeschehen. Werkanalyse elektronischer Clubmusik (Dortmund).

Martha Brech, Zwischen den Ohren – Chill out und konzertantes Techno (TU Berlin, Institut für Sprache und Kommunikation, Fachgebiet Audiokommunikation).

13.30 – 15.30: Mittagspause

Kim Feser, „Immer auf die Eins“?! Zu musikalischen Möglichkeiten von Hardware-Sequenzern (UdK Berlin, Musikwissenschaft).

Mark J. Butler, Communicative Strategies and Ideologies of Liveness in Laptop Performance (Northwestern University, Bienen School of Music, Evanston/USA).

Gabriele Klein, Körperereignis Techno – Musik für den Dancefloor (Universität Hamburg, Institut für Bewegungswissenschaft).

19–21: Techno Review Lounge. Tracks mit Text-Projektion
Sascha Kösch / Bleed (Autor/DJ, Berlin).

Samstag, 13.12.2014

10.00: Archiv, Zeitzeuge, Feldforschung – Quellen und Methoden

Daniel Schneider, Party im Schuber. Über die Archivierbarkeit der Technoszene (Archiv der Jugendkulturen e.V., Berlin).

Judith Keilbach, Der Zeitzeuge als Figur der Popgeschichtsschreibung (Universiteit Utrecht, Department of Media and Culture Studies).

Luis-Manuel Garcia, Anonym, verkörpert, anders. Queere Angelegenheiten bei der Feldforschung in Techno-Szenen (Rijksuniversiteit Groningen, Arts, Culture, and Media Department).

Rosa Reitsamer, Grounded Theory – ein brauchbares Werkzeug für die Techno-Forschung? (Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, Institut für Musiksoziologie).

13.30: Mittagspause

15.30: Techno-Geschichtsschreibung in Deutschland

Matthias Pasdzierny, Techno und die deutsche Vergangenheitspolitik (UdK Berlin, Musikwissenschaft).

Alexander Weheliye, Soundtrack ohne Soul? Germanozentrismus und Techno-Historiographie (Northwestern University, Department of African American Studies, Evanston/USA).

Sean Nye, Minimal By Design. Die Berliner Republik und Minimal Techno (University of Southern California, Thornton School of Music, Los Angeles).

19.00 – 21.00: Fraktus – ein Techno-Mythos? Gespräch, Film, Musik
mit Carsten Meyer / Erobique (Produzent des „Fraktus“-Sounds, Hamburg),
Jacques Palminger (Musiker/Performance-Künstler, „Bernd Wand“ bei „Fraktus“, Hamburg),
Klaus Walter (Radio-DJ/Autor, Frankfurt a.M.).

Inside/out in der DJ-Booth

Inside/out in der DJ-Booth

Grafik von Johanna Fleischer

„Werft Eure Hände in die Luft…“

Bisweilen lässt sich bei Open Air Parties mit Techno-Musik, die sich im Berliner Sommer besonders gut in freier Wildbahn studieren lassen, ein außergewöhnlicher Moment beobachten. Ich meine diesen besonderen Moment, wenn die Sound hungrige Crowd, auch wenn sie sich bereits seit Stunden auf der Tanzfläche als kollektive „Wunschmaschine“ (Deleuze/Guattari) verausgabt hat, immer noch nach mehr giert. Denn sie ist in einem besonderen Zustand, vielleicht auch von einem anderen Stern. Gewöhnt an die stundenlange Tanzerei auf den immer gleichen „Four-to-the-floor“-Rhythmus und vermutlich mittlerweise auch zu zwei Dritteln taub, fordert die Menge nach mehr. Mehr Lautstärke, mehr Bass, mehr Sound, mehr von dem großen Gemeinschaftsgefühl, wenn der Beat erneut reinknallt und alle zum Jubeln die Hände in die Luft schmeißen. Doch was sollen die DJs hinter den Decks tun, die die Potis am Mischpult, den ständigen Forderungen nachgebend, bereits zum Anschlag aufgedreht haben, die Anlage bereits am Limit ihrer Leitsung arbeitet? In vielen Fällen versuchen die Techniker oder Organisatoren noch mehr aus dem Verstärker und den Boxen rauszuholen oder bemühen sich anderer Tuning-Tricks. Doch eines lässt sich heutzutage eher selten beobachten: dass der DJ die ihm zur Verfügung stehenden Monitorboxen – die eigentlich nur für ihn aufgestellt wurden, dass er auch präzise und ungestört vom Geschrei der Meute hören kann – dass er diese seine Monitorboxen in Richtung Tanzfläche dreht, um die Crowd an der Lautstärke „seiner“ Musik teilhaben zu lassen. Wenn es eine gute Party ist, sie sich also dadurch auszeichnet, dass immer mehr gewollt wird, dass es nicht genug sein kann, dann wird dieser Moment von extatischem Jubel und affirmativem Gepfeife begleitet und kann der Feier nochmal zu neuem Schwung verhelfen.

„…und fangt sie wieder auf!“ (5 Sterne Deluxe)

Warum ist das alles aber bemerkenswert? Klar, es ist eine Randnotiz zu einer kleinen Beobachtung, aber manchmal sind die kleinen Außergewöhnlichkeiten ja die besten Indikatoren, um das Gewöhnliche zu bestimmen. Wie gesagt, im Normalfall und je nachdem, wie improvisiert so eine Open Air Party ist, wird das Setup zwischen den Boxen für’s Publikum und den Monitorboxen für die Künstler getrennt. Sean Nye, ein Musikwissenschaftler aus den USA, hat diese Kultur der separierten DJ-Booth genauer untersucht. Er machte die interessante Feststellung, dass das Tragen von Kopfhörern bei DJs und das damit verbundene, exklusive (Vor-)Hören der Musik, zu einer besonderen, auch räumlich separierten Stellung des DJs beiträgt. Der DJ muss die Musik, die er spielen will, normalerweise auf seinem Kopfhörer vorhören, um die Stücke für den Mix in Geschwindigkeit und Klang anzugleichen. Das kann er nur, wenn er weiß, was im nächsten Stücken passiert. Beim Übergang selbst überprüft er gleichzeitig, ob sein angedachter Mix sich auch tatsächlich so anhört, wie er sich das vorgestellt hat. Durch das präzise auditive Abgleichen mithilfe der Monitorboxen kann er flink korrigieren und den Mix vollziehen. Der Kopfhörer, der räumlich markierte Bereich hinter den Decks, der separate Bereich durch die Monitorboxen und manch andere Dekorationsdetails stellen den exklusiven Bereich des DJs sicher und leisten damit ihren Beitrag für das Gelingen der Musik. Insofern ist es nicht verwunderlich, wenn die Meute jubelt, dass ihnen die Monitorboxen zugedreht werden und es dadurch wieder etwas lauter wird. Der DJ hat sich dafür entschieden, auf ein bisschen seiner Exklusivität zu verzichten, zugunsten eines weiteren Partyschubs, indem er für das maschinelle Verhältnis zwischen Musik, DJ und Tanzfläche ein weiteres Scheit in den Ofen wirft.

Referenzen:

  • Deleuze, Gilles/Guattari, Felix (1997): 1000 Plateaus. Übersetzt von G. Ricke und R. Voullie. Berlin: Merve.
  • Eshun, Kodwo (1999): Heller als die Sonne. Übersetzt von D. Dath. Berlin: ID-Verlag.
  • Nye, Sean (2011): Headphone-Headset-Jetset. DJ Culture, Mobility and Science Fictions of Listening in: Dancecult: Journal of Electronic Dance Music Culture 3(1): S. 64–96. Online.
  • Poschardt, Ulf (1997): DJ Culture. Diskjockeys und Popkultur. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt.

Dies ist eine geringfügig veränderte Version des Textes, der ursprünglich im 2. Printmag des Circus Homo Novus‘ erschienen ist. Weitere Infos und Bezugsmöglichkeiten für das „CMAG 2“ gibt es unter folgendem Link