Musikproduktion

TEDx-Talk von Andreas Bischof: „Musicians – From Genius to Participation“

Toller TEDx-Talk von Andres Bischof (inkl. Transkript) vom Leipziger Label ANALOGSOUL. Der Vortrag trägt den Titel „Vom musikalischen Genie zu Teilhabe an Prozessen“ und greift Erkenntnisse aus der Musikgeschichte und aus Dirk von Gehlens Buch „Eine neue Version ist verfügbar“ auf, um ein digitales Konzept für die heutige Musikproduktion- und vermarktung zu entwickeln.

In einer musikhistorischen Tour de France geht Andreas Bischof dafür erstmal zurück bis in die Zeit von Johann Sebastian Bach und erklärt, dass die Idee vom Individualgenie zu Bachs Zeiten noch nicht denkbar war. Obwohl Bach heute als exzeptionelles Genie gefeiert wird, was er vermutlich auch war, konnte man zu seiner Zeit den Musiker nur als Handwerker denken, weil seine gesellschaftliche Funktion das so vorsah.

Das ändert sich mit der Etablierung der bürgerlichen Gesellschaft, in der der Künstler und sein Ausdrucksvermögen nun in den Mittelpunkt rückt:

This idea of the genius meant for example that the musician with the highest value was a composer who interpreted his own works live on the instrument. And that value was not just symbolic but also economically high. The 19th century enconutered many waves of hype about virtuosos giving concerts, similar to the pop stars of the 20th century. One of them was the pianist Franz Liszt who was known as a Wunderkind by the age of 12. He was not a genius on the piano but also in professionalizing the personal cult around.

Mit Beginn des 20. Jahrhunderts wird Musik zum Konsumprodukt, Musiker werden zu Angestellten der Labels. Der Genie-Diskurs läuft trotzdem weiter, was zur Ausbildung eines umfangreichen Starsystems führt.

Heutzutage gibt es so viel Musik, dass wir sie in unserem Leben nicht komplett hören könnten. Eigentlich ein ganz schön krasser Gedanke: so viel tolle Musik, die man nie entdecken wird, weil die Zeit fehlt! Die Situation führt aber auch zu neuen Möglichkeiten, sich als Musiker zu positionieren:

Today every smartphone can store more music than a music rack and everybody can access more music than we could ever listen to. It is not anymore about possessing music but about access to music. Music is not a physical product anymore but a service. Music has become like water.

Thereby the well-established cycle of the music industry becomes inadequate in digital times. Writing an album every two years, financing the studio and the promotion, playing concerts and selling all CDs is a strategy of the 20th century, where music was solid. But liquid music needs new strategies.

Andreas Bischof spricht sich auch deutlich gegen DRM und ähnliche Kopierschutzmechanismen aus, plädiert gegen die Abgeschlossenheit des musikalischen Werkes und den vermeintlich passiven Konsumenten vs. aktiven Produzenten: Teilen, versionieren und repräsentieren werden immer wichtiger: Fans tragen zum Wert der Musik mit bei, indem sie liken, kommentieren, teilen, usw.:

My point is that a musician needs to adapt to the the digital conditions of music and that requires participation in at least three ways: sharing, versioning and representation.

Die Aufforderung zur Partizipation ist ja so neu nicht, auch die Musikindustrie arbeitet teilweise mit diesen Mitteln mittlerweile. Der Talk von Andreas Bischof führt aber sehr anschaulich und mit soziohistorischem Wissen unterfüttert vor, wie kontingent unsere Vorstellung von Musik, ihrer Aufführung und Vermarktung doch eigentlich ist – und wie sich dieses Wissen nutzen lässt, um neue Wege zu denken. Eine gute Idee für eine Branche, die wie wenig andere vom digitalen Wandel betroffen ist.

Alles in allem sehr schön, ich wünsche mir so einen Vortrag auch für Copyright/Urheberrecht 😉

[via DvG]

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Reeperbahnfestival 2015 Picks – Schwerpunkt Urheberrecht

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Vom 23. bis 26. September 2015 findet in Hamburg das alljährliche Branchentreffen der digitalen Musik- und Kreativwirtschaft statt. Ein inoffizieller Themenschwerpunkt der Konferenz ist dieses Jahr das Thema Copyright / Urheberrecht. Vor diesem Hintergrund habe ich mal einige interessante Veranstaltungen herausgesucht, die ich besuchen will – und von denen ich sicher nicht alle schaffen werde 😉 Persönliche Highlights oben.

Do 10.00 User generated content and derivative works

„Aktuell wird nur ein Bruchteil des weltweit verfügbaren user generated content monetarisiert, jedoch entspricht dieser bereits eine substantielle Einkommensquelle für Labels und Publisher zu sein. Ein Großteil der erwirtschafteten YouTube Einkünfte stammt mittlerweile von user generated content und mehr als 50% der Publishingerträge werden derzeit durch derivative works erzielt. In den letzten 35 Jahren hat die Sample-Nutzung mehrere hundert Millionen Euro in die Kassen der Label und Publisher gespült und dabei handelt es sich nur um einen Ausschnitt aller verwendeten Samples, denn das Gros ist offiziell gar nicht geklärt. Das erst kürzlich von Native Instruments vorgestellte Stems Format wird ein weiterer Katalysator zur Produktion und Vertrieb von user generated content in Form von DJ-Mixen und Mash-Ups sein. Welche kreativen Möglichkeiten gibt es um eines der größten Wachstumsfelder der Musikindustrie mitzugestalten? Welche Lösungen für das Problem der Erkennung und des präzisen Reportings sind schon auf dem Markt und wer sind die Anbieter? Welche Rolle spielen die Marktführer für user generated content wie Youtube und Soundcloud dabei und an welchen Neuerungen arbeiten sie, um sich dieser Herausforderung für die kommenden Jahre zu stellen?“

Do 14.30 Keynote Heiko Maas – Rahmenbedingungen kreativer Produktion in Europa

„Heiko Maas, Bundesminister der Justiz und für Verbraucherschutz, kommt zur Konferenz des Reeperbahn Festivals. In seiner Keynote wird Maas zum aktuellen Stand der Reform des Europäischen Urheberrechtes Stellung nehmen und seine Haltung zu den zukünftigen Rahmenbedingungen kreativer Produktion in Europa erörtern.“

Fr 12.45-13.45 Blurred lines with sound alikes

„Der Plagiatfall um „Blurred Lines“ von Robin Thicke und Pharrell Williams hat erneut gezeigt, dass die amerikanische Copyright-Gesetzgebung auch die deutliche Anlehnung an Songs bestraft, in diesem Fall an einen Marvin Gayes Popklassiker „Got To Give It Up“. Im kontinentaleuropäischen Urheberrecht dagegen müssen ganze Notenstränge übereinstimmen, um Plagiate nachzuweisen. Soundalikes kommen in der Werbung häufig zum Einsatz, meist um vermeintlich teure Lizenzen fürs Original zu sparen. Aber wird hier am falschen Ende gespart? Ist so eine Produktion eines neuen Musikstücks wirklich so viel billiger als ein Original-Song (, der sicherlich auch noch an den Werbe-Clip angepasst werden muss)? Und ist sie genauso authentisch und stark? Schädigen Soundalike Komponisten sich indirekt selbst, weil sie Originalkompositionen durch Billigkopien entwerten? Wie schädlich ist ein Plagiatsverdacht für die Marke – wie unlängst bei einer Peugeot Werbung mit starken Ähnlichkeiten zu einem Song der Band “Bilderbuch“? Wäre ein Soundalike durch die Original-Band selbst nicht vielleicht für alle Beteiligten wertvoller gewesen? Diesen und weiteren Fragen geht eine Diskussionsrunde mit Vertretern von Verlag, Label, Werbemusikproduzent, Musikagentur und Werbeagentur nach, moderiert wird das Panel von der erfahrenen Anwältin Sophie Goossens.“

 

Fr 16.15 The future of music creation

„In den letzten Jahren haben wir uns daran gewöhnt, dass man nicht mehr eine teure Kamera braucht, um tolle Fotos zu schießen. Ein Smartphone und eine App names Instagram reichen dafür völlig aus. Wieso aber nehmen wir nicht auch Songs mit dem iPhone auf? Lässt sich der Ansatz von Instagram auch auf Musik übertragen? Und: Warum gibt es bei YouTube nicht einmal 200 lizenzfreie Songs, die Hobbyregisseure kostenlos unter ihre Videos legen können? Der Vortrag “Zukunftsmusik” befasst sich mit diesen Fragen im Detail und liefert spannende Einblicke in die Welt der Musikproduktion. Von Edisons erstem Phonographen bis zu Apple’s GarageBand, von Kammerorchestern bis zu Streaming-Diensten wie Spotify werden die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Musikproduktion näher beleuchtet. Der Vortrag geht auch der Frage nach, wie wir in Zukunft Musik komponieren, aufnehmen und konsumieren werden und welche technologischen und wirtschaftlichen Herausforderungen sich aus den Zukunftsszenarien ergeben.“

 

Fr 19.15 Ed Piskor – HipHop Family Tree Vol 2

„Geschichtsunterricht muss nicht zwingend langweilig sein. Ed Piskor hat es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, die Geschichte des Hip Hop in Nordamerika als Graphic Novel nachzuzeichnen. Hip Hop Family Tree Volume 2 behandelt die Jahre 1981-1983: Eine Zeit, die zunächst von Hip-Hop-Extravaganza geprägt war: signalverstärkende Kleidung und exaltiertes Benehmen prägten den Beginn der 80er Jahre, bis RUN DMC der Straße – dem Kredibilitäts-TÜV der Hip-Hop Kulturschaffenden – wieder zu ihrem Recht verhalfen. Afrika Bambaataa, Grandmaster Flash – sie und viele mehr erweiterten das Bewusstsein von Künstlern und Publikum und pflasterten den Weg für kommende Superstars der Szene. Falk Schacht wird die deutsche Ausgabe des Comics zunächst vorstellen und gemeinsam mit Niko Hüls, Chefredakteur der Backspin, anschließend zusätzlichen Kontext zu Zeitgeist und Künstlern der im Comic präsentierten Zeit geben.“

 

Außerdem spannend:

Hörtest zur Gretchenfrage: mp3 oder wav?

npr

Ein kleiner Hörtest mit 6 verschiedenen Beispielen bei npr.com. Ich finde, man hört den Unterschied recht deutlich, aber es kommt eindeutig auch auf Boxen bzw. Kopfhörer an. Und auf den Song an sich, denn manche Musik wird ja schon so produziert und gemischt, dass sie als mp3 gut klingt. Aber ich möchte nicht zu viel verraten, hört selbst!

Zu Tom’s Diner gibt es auch die folgende Anekdote:

In the late 1980s, when the engineers working on the MP3 were testing their creation, they picked one song to make sure the compression of the audio wouldn’t destroy the sound of the human voice.

That song? The a cappella version of Suzanne Vega’s “Tom’s Diner,” from the 1987 album Solitude Standing. The leader of that team of German engineers, Karlheinz Brandenburg, estimates he listened to the song “500 or 1,000 times.”

[via KMFW]

18./19. Juli 2014: Nachwuchsworkshop der Gesellschaft für Popularmusikforschung, Braunschweig

Am 18. und 19. Juli 2014  findet der 5. Nachwuchsworkshop der Gesellschaft für Popularmusikforschung e.V. statt, in Kooperation mit dem Institut für Musiksoziologie der mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und dem  Institut für Musik und ihre Vermittlung der TU Braunweig. Am Samstag Vormittag werde ich das erste Mal mein Dissertationsthema „Urheberrecht und Kreativität in der Musikproduktion“ zur Diskussion stellen.

Technische Universität Braunschweig
Institut für Musik und ihre Vermittlung
Rebenring 58, 38106 Braunschweig
Großer Musiksaal (Raum-Nr. -133A)

 

Programm als PDF
Freitag, 18.07.2014

14.00 Begrüßung und organisatorische Anmerkungen
14.15-15.00 Klaas Ullmann (Universität Oldenburg)
„Disco Codes“ – Das Phänomen Disco in der aktuellen Club-Szene
15.00-15.45 Josef Schaubruch (Hochschule für Musik Mainz)
Studien zu Schnittstellen zwischen zeitgenössischer „Echtzeitmusik“ und
elektronischer Tanzmusik
15.45-16.15 Pause
16.15-17.00 Lena Müller (Humboldt-Universität zu Berlin)
Geschlechterdarstellungen im Klang von Popmusik
17.00-17.45 Milena Virchow (Hochschule für Bildende Künste Braunschweig)
Die Darstellung von Männlichkeiten in der Heavy-Metal-Mockumentary
„This Is Spinal Tap“
17.45-18.00 Pause
18.00-18.45 Magdalena Fürnkranz (Universität für Musik und darstellende Kunst Wien)
Derek Jarmans „Jubilee“: Elisabeth I. zwischen Renaissance und punkdominierter
Postmoderne
18.45-19.30 Lennart Sörnsen (Hochschule für Bildende Künste Braunschweig)
Synchronisationspunkte – Die Verknüpfung von Bild & Ton in den Musikclips
von Michel Gondry
Danach gemeinsames Abendessen

 

Samstag, 19.07.2014
09.00-09.45 Jonas Menze (Universität Salzburg)
Die Rahmenbedingungen und Entwicklungstendenzen des deutschsprachigen Musicals
09.45-10.30 Bianca Ludewig (Universität Innsbruck)
Urbane Musik-Festivals an der Schnittstelle von Pop, Diskurs und Medienkunst
10.30-11.00 Pause
11.00-11.45 Georg Fischer (Freie Universität Berlin)
Kreativität der Umgehung oder Umgehung der Kreativität? Überlegungen zur
digitalen Musikproduktion im Spannungsfeld von Recht und Praxis
11.45-12.30 Jennifer Beyer (Technische Universität Braunschweig)
Hip Hop in Braunschweig
12.30-13.15 Mittagspause
13.15-14.00 Arne Fischer (Hochschule für Bildende Künste Braunschweig)
Rocksmith 2014
14.00-14.45 Anita Mellmer (Universität Mozarteum Salzburg)
Fingerpicking/Fingerstyle. Studien zur Notation und Interpretation einer Gitarrentechnik
14.45-15.00 Pause
15.00-15.45 Julia Ehmann (Oxford Brookes University)
Radiohead und das Konzept von Genre: Eine Suche nach stilistischer Bedeutung
an der Schwelle zwischen Text und Diskurs
15.45-16.00 Verabschiedung

Leitung, Organisation und Moderation des Workshops:
Dr. des. Sarah Chaker (Universität für Musik und darstellende Kunst Wien)
Dr. Dietmar Elflein (Technische Universität Braunschweig)