Microsampling

…wie geschnitten Brot: Der Cut-Up

Der Cut, zu deutsch „Schnitt“, ist eine der zentralen Techniken zur Bearbeitung von Videomaterial und damit zur Herstellung von Filmen. Als Cut-Up hingegen bezeichnet man eine spezifischere Sample-Technik, die der Collage nicht unähnlich ist und sich durch scharfe Schnitte und/oder Zufälligkeit der benutzten Samples auszeichnet. Ursprünglich stammt der Cut-Up aus der Literatur der 20er Jahre, als der Franzose Tristan Tzara auf der Bühne mit der Reihenfolge seiner Wörter experimentierte. Er improvisierte in dadaistischer Manier ein Gedicht zusammen, indem er Phrasen und Wörter zufällig aus einem Hut zog und so vorlas. Reaktion des Publikums: nicht bekannt.

Dreißig Jahre später, also zum Ende der 50er Jahre, konnte sich der Cut-Up dann schließlich vor allem durch die Arbeiten von William S. Burroughs (bekannt z. B. von „Naked Lunch“) etablieren, wobei nicht er, sondern sein befeundeter Maler Brion Gysin, als der eigentliche Erfinder gilt:

„Er schnitt auf seinem Arbeitstisch ein Passepartout zurecht, und die Zeitungsseiten, die er als Unterlage benutzte, zerfielen dabei in Streifen. Als er die Streifen in willkürlicher Anordnung auf einen Karton klebte und spaßeshalber versuchte, sie als „intakte“ Seite zu lesen, erlebte er einen eigenartigen Effekt: Es kamen durchaus vollständige Sätze zustande, die teils erheiternden Nonsens enthielten, teils aber auch einen geheimnisvoll verschlüsselten Sinn zu haben schienen.“

Photo Cut-Up von BurroughsMit Hilfe des Cut-Ups ist es also möglich, z. B. Bilder, Fotos, Wörter, Sätze oder auch ganze Texte in ein Verhältnis miteinander zu bringen. Dahinter steckt immer das charakteristische Prinzip der Zerschnipselung und des Neu-Arrangements eines Werkes in willkürlicher oder bewusster Form. Diese Methode lässt sich auch auf andere Medien anwenden, sei es nun Musik, Film oder Fotografie. Die Schnitte werden dabei bewusst scharf gesetzt, was sich im neuen Werk als charakteristisches Stilmittel entsprechend bemerkbar macht. Der Cut-Up ist also eine Sample- und eine Remix-Technik (nicht nur für Erpresserbriefe), die ganz erstaunliche Neuinterpretationen hervorbringt, wie zum Beispiel Pogos Adaption von Disney’s „Up“ namens „Upular“ (man hätte es auch sinnigerweise „Cut UP“ nennen können, aber was solls…)

Die Aleatorik treibt das Prinzips des Cut-Ups dabei auf die Spitze, da hier im gelenkten Zufallsverfahren Samples aus verschiedenen Quellen neu miteinander kombiniert werden. „Product Placements“ von Johannes Kreidler ist genau so Kunstwerk, das automatisiert aus einer Unmenge von Samples mit Hilfe eines Computers zusammengestellt wurde. Urheberrechtliche Konsequenzen und Fragen der Autorschaft inklusive.

In der modernen Musik ist der Cut-Up also eine Form des Remixes, in dem Klänge, Instrumente und vor allem Gesang so wiedergegeben werden, dass es sich scharf geschnitten oder auch „zerhackt“ anhört. Auch eine Methode der kritischen Umdeutung, wie Dsico zeigt:

Dsico – Keep it real, bitch (J.Low Cut-Up)

Besonders interessant wird’s natürlich bei Cut-Ups aus Video und Musik aus verschiedenen Vorlagen wie bei dieser Fleißarbeit von Eclectid Method:

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JuS-Radioshow #2 – Das Recht der Anderen

2010-10-12

Heute Abend um 20 Uhr wird die zweite Folge der Jäger und Sampler Radioshow auf BLN FM ausgestrahlt. Diesmal geht es unter anderem um die rechtlichen Rahmenbedingungen des Samplings, was für Probleme dadurch entstehen können und wie diese wiederum künstlerisch reflektiert werden. Es wird ein spannender Galopp mit einer Menge HipHop, Funk, Uk-Funky und Techno.

Tune in on BLN FM!

Sendetermine: Dienstag, 12.10.2010, 20 Uhr und Samstag, 16.10.2010, 19 Uhr

Danach wird die Sendung wie gewohnt auch als Podcast zur Verführung stehen!

In der Kürze liegt die Würze: Das Microsampling

2010-08-20

Wenn man ausschließlich mit sehr kurzen Samples arbeitet, mit einer Länge von, sagen wir: unter 2 Sekunden, und daraus etwas Neues zusammstückelt, so bedient man sich einer Technik, die heute meist unter dem Label „Microsampling“ firmiert. Es spielt dabei keine Rolle, ob die klanglichen Fetzen aus anderen Musikstücken, aus der Natur oder sonstigen (Alltags-)Geräuschen stammen, wichtig ist nur die dahinterstehende Idee, die Samples zu dekontextualisieren, also aus ihrem ursprünglichen klanglichen Kontext zu lösen und anschließend neu zu kombinieren. Ein ziemlich gelungenes, weil grooviges Beispiel findet sich in diesem Autowerbespot:

Aufsehen erregend war auch die Aktion des Künstlers und Komponisten Johannes Kreidler, der 2008  ein 33-sekündiges Stück namens „Product Placements“ der Öffentlichkeit präsentierte, das er aus 70.200 (!) Samples  zusammenfügte. Die einzelne Fragmente, deren Länge von Bruchteilen einer Sekunde bis hin zu 2 Sekunden reicht, meldete er alle ordnungsgemäß bei der GEMA an und fuhr dafür extra mit einem Lastwagen voller ausgefüllter Anmeldebögen bei der Verwertungsgesellschaft vor. Kreidler, übrigens selbst auch GEMA-Mitglied ist, komponiert auch sonst mit der Technik des Microsamplings und will mit seiner Aktion die rückständige und künstlerisch behindernde Handhabung des geltenden Urheberrechts konterkarieren und kritisieren, nach dessen Sinne die GEMA Samples hinsichtlich Verbreitung und Vergütung verwertet. Das Stück selbst kann man sich hier an anhören, eine interessante Dokumentation des Projekts findet sich hier:

Kreidlers Aktion, in ihrer Progressivität ziemlich einzigartig, zielt auf den unterschiedlichen Einsatz eines Samples als Referenz oder Instrument, welchen das derzeitig geltende Urheberrrecht jedoch schlichtweg übergeht: indem jede Verwendung von musikalischen „Fremdanteilen“ als „Zitate“ aufgefasst wird, wird eine Grenze verwischt, die für Musikproduzenten, Komponisten, Remixer und Mash-Up-Künstlern, eben für alle Jäger und Sampler, durchaus praxisrelevant ist, gerade in einer Medienumgebung von mp3 und youtube.

Bleibt natürlich die Frage, wo dann die Grenze zwischen dem instrumentellen Einsatz eines Samples (also ohne explizite Referenz) dem als erkennbares Zitat nun zu ziehen ist? Kreidler selbst verwendete beide Einsatzformen, wie er an Minute 6:36 in der Doku angibt. Entscheidungen mithilfe des Maßstabs der binär codierten „Schöpfungshöhe“ sind sicherlich nicht mehr ganz zeitgemäß, wenn es um Fragen musikalischer Fetzen und ums „Pflaumen kopieren“ (haha!) geht, aber wie könnten Alternativen aussehen?

Als musikalische Denkbegleitung und um den Bogen wieder zu schließen, hier noch ein schöner Microsampling-Track von Akufen.