Lost in the Loop: Bonobo „Kerala“ Musikvideo

bonobo-kerala-stillBonobo hat für den Winter 2017 sein neues Album „Migration“ auf „Ninja Tune“ angekündigt. Dazu gibt’s als erste Auskopplung den Track „Kerala“, freilich mit dem typischen Bonobo™-Sound: gebrochener Rhythmus, warm-weiche Harmonien, mitnehmende Melodie. Hat ’nen ordentlichen 2Step-Touch, ist aber ansonsten ziemlich rund vom Sounddesign. „Kerala“ an sich ist schon sehr gut, aber erst die Verbindung mit dem Video macht das Ganze außergewöhnlich.

Im Video sieht man eine Frau (gespielt von Gemma Arterton), die offenbar eine Panikattacke oder ähnliches erleidet, wobei sie dabei durch London (?) irrt und immer wieder Leute anrempelt. Andere wollen ihr helfen, was sie aber nicht zulässt. Es ist ziemlich klar, dass die Frau vor irgendetwas ziemlich Schiss hat, es wird aber nicht so klar, was genau. Apokalypse? Am Anfang sieht man etwas Brennendes über den Horizont flitzen und an einer Stelle deutet die Frau erschrocken in den Himmel, was Pitchfork zu der Deutung veranlasst hat, sie renne vor einem Meteoriten weg. Es wird aber nicht wirklich aufgelöst, was da genau los ist; der Schlussteil legt aber zumindest nahe, die Lösung im Himmel zu suchen.

Das Video wurde von Bison aus London produziert. Dabei wurde eine Technik angewendet, die ich vorher so noch nicht gesehen habe. Die Videospur läuft nicht konstant durch, sondern ist aus lauter Loops zusammengesetzt, die leicht versetzt aneinander schließen. Die Loops sind dabei an den Takt des Tracks angepasst, wodurch ein eigenartiger Effekt entsteht: die Frau steckt gewissermaßen in ihrem eigenen pyschotischen Loop fest und kommt nicht so recht vorwärts. Die ganze Handlung zieht sich unerträglich wie Kaugummi.

Das Video ist beim ersten Mal extrem anstrengend anzusehen, fand ich. Trotz oder genau deswegen habe ich es mir dann aber mehrere dutzend Male angesehen. Bei den ersten Malen war mein Hirn noch so sehr damit beschäftigt, aus den ganzen Zeit-versetzten Loops ein Gesamtes „herauszusehen“ um die Handlung zu checken – dann aber schärfte sich mein Blick auf die Details, die mir irgendwie komisch vorkamen.

Und wie immer in solchen Fällen der Irritation befrage ich die Kommentare unter dem Video, um herauszufinden, ob es den anderen ähnlich ging. Youtube ist in dieser Hinsicht ja eine sehr ergiebige Plattform. Viele Kommentator:innen beklagten sich über den Schnitt. Manche erinnerten die strange loops an eigene Drogenerfahrungen und/oder Panikattacken: beides recht naheliegend.

Ein Youtuber sammelte mit Hilfe der anderen die seltsamen Stellen:

0:00 – meteor 1:00 – rock levitating 1:50 – building floating, rotating 2:02 – door caves in 2:15 – man in restaurant’s eyes glow 2:27 – tv footage shows the video about 30 seconds into the future flipped horizontally 2:42 – man crossing street duplicates 2:50 – restaurant sign foreshadows building fire 3:03 – car gradually changes color 3:06 – man floating in sky 3:16 – fire in building 3:28 – solar eclipse 3:46 – people standing in a grid pattern, looking up 3:57 – birds take flight (or are they humans?)

Es wird dadurch zwar nicht erklärt, was die ganze Schose soll, aber man gewinnt immerhin ein paar neue Perspektiven. Ich finde die Stelle ab etwa 1:35 Min am intensivsten: man kann förmlich sehen, wie der Vocal-Loop („Yay yay yay yay“, ein Brandy-Sample – danke David und Mo!) deliriale Spiralen in ihrem Kopf dreht, dann plötzlich kickt der Bass rein, der Track hebt ab wie das sich drehende Gebäude im Hintergrund, die Panik steigt in ihr hoch wie überkochende Milch im Topf und alles zusammen lässt sie die Flucht ergreifen, bis sie sich selbst im Fernseher in der Zukunft (?) sieht und meint, nun komplett durchzudrehen. Diese Szene ist schon ziemlich fein gemacht, weil sie das, was eine Panikattacke ausmacht, auch für Außenstehende nachfühlbar macht. Gleichzeitig ist es ein toller Videokommentar auf Loop-basierte Musik. Chapeau!

Was ich auch bemerkenswert finde: innerhalb weniger Stunden tauchten schon Versionen auf, die das Video „reparierten“: die Schnitte – und damit auch die Loops – wurden entfernt, wodurch vielleicht nicht viel erreicht wurde in Bezug auf die Interpretation des Videos. Immerhin wissen wir aber jetzt, dass es nur etwa 2 Minuten Videomaterial war, das verwendet wurde. Und die Video-Reparaturen den Track natürlich zerfetzt haben.

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Vier gewinnt! Aktuelle Podcasts zum Themenbereich Sampling, Originalität und Wiederholung

Vier gewinnt! Aktuelle Podcasts zum Themenbereich Sampling, Originalität und Wiederholung

Das Jahr 2014 hat bereits eine Handvoll sehr interessanter und gut gemachter Podcasts hervorgebracht, die von „etablierten“ Häusern produziert wurden und alle – mit verschiedenen Schwerpunkten – um den Themenbereich Sampling, Remix, Mashup, Wiederholung, Loops, Variation, Plagiat, geistiges Eigentum und Urheberrecht kreisen. Diese Entwicklung ist sehr erfreulich, weil sie die Relevanz der Themen auch in einer breiteren Öffentlichkeit diskutiert und damit die engen Grenzen der eigenen „Filterbubble“ verschiebt. Ich möchte diese kleine „Welle“ an Podcasts zum Ausgangspunkt nehmen, um hier eine kurze Sammelbesprechung anzubieten. Die Podcasts empfehlen sich alle vier sehr gut zum Nebenbeihören, z. B. beim Kochen, in öffentlichen Verkehrsmitteln oder zwischendrin auf der Couch. Trotzdem empfehle ich aus thematischen Gründen mal folgende Reihenfolge:

Die vier Podcast zum Herunterladen, Anhören, Sampeln und Remixen

Beginnen wir mit dem aktuellsten Feature: „Pop will eat itself von Martin Butz, der für Recht auf Remix schon vorab interviewt wurde. Martins Thema ist das Verhältnis von technologischen Möglichkeiten, ästhetischen Anforderungen und urheberrechtlichen Verwicklungen, in dem sich die moderne Musik- und Kunstproduktion derzeit befindet. Anhand zahlreicher Interviews mit Experten aus Wissenschaft, Recht, Kunst und Musik spürt er den Phänomenen „Remix“, „Zitat“ und „Variation“ nach und zeigt an vielen spannenden Beispielen aus der klassischen Musik, dem Pop und weiteren künstlerischen Richtungen die historische Dimension dieser Techniken auf. Sehr unterhaltsam und vielseitig, und damit als Einsteig hervorragend geeignet! Ins Manuskript kann man auch vorher schon mal reinschnuppern. Außerdem empfehle ich die Hintergrundinformationen, die Martin bei sich verbloggt hat.

„‚Pop will eat itself.‘ Vom Musikmachen mit Musik. Remix, Plagiat und Copyright“ (Martin Butz, Deutschlandfunk 2014)

 

Einem ähnlichen Ansatz folgen die Macher des Podcasts „Fade in/Fade out. Remixing Culture“ von der Kulturwelle der HU Berlin. Ich vermute dahinter Angehörige des Instituts für Kulturwissenschaften. Sie betrachten den Remix aus einer allgemeinen Perspektive, als Kulturtechnik, die eben in der Musik eine spezielle, geradezu postmoderne Ausprägung angenommen hat, wenn alles musikalische Material als „Sound“ verfügbar ist und in endlosen Rekombinationen neu zusammengesetzt werden kann. Ein Akzent des Features liegt dabei auf der Frage nach der „Authentizität“: Was und wie muss etwas klingen, damit es als authentisch erfahren wird? Durch die Beleuchtung dieser spezieller Fragen ist es ein super follow-up zu Martin Butz‘ Feature. Sehr interessant ist auch der Abschluss, in dem die Sendung selbst von Ramsus Lauvring geremixed wird.

„Fade in/Fade out. Remixing Culture“ (Anastasia Andersson und KollegInnen, Kulturwelle, Institut für Kulturwissenschaft, HU Berlin 2014)

 

Der Journalist Andreas Main dreht sich für sein Feature „Die Wiederholung in den Künsten“ im Kreis – bildlich gesprochen. Die Wiederholung, die Serie, der unendliche Loop ist sein Thema, das er in verschiedenen Portraits und Interviews mit Musikern und Künstlern erkundet. Die künstlerische Wiederholung hat in unserem Kulturkreis einen denkbar schlechten Stand, da sie vorwiegend mit Faulheit, bloßem „Abkupfern“, fehlender Inspiration oder sogar Plagiat in Verbindung gebracht wird. Doch zeigt Andreas Main, dass die fortlaufende Wiederholung oder Imitation einen ganz eigenen künstlerischen Aspekt bereit hält, wie zum Beispiel durch das tiefe auditive Eindringen in einen House-Loop. Oder, und diese Stelle fand ich besonders beeindruckend, durch die bewusste Reduktion und Fokussierung auf eine bestimmte Sache: der Maler Peter Dreher malt seit Jahren ein und dasselbe Glas. Jeden Tag auf’s Neue, und jeden Tag ist es eine neue Herausforderung für ihn. Auch hier wurde netterweise das Manuskript bereitgestellt.

„Die Wiederholung in den Künsten: Tag um Tag guter Tag“ (Andreas Main, Deutschlandfunk 2014)

 

Und wo bleibt da die Originalität?, fragt Roderich Fabian vom Bayerischen Rundfunk in seinem Feature „Bewährt statt neu“. Die Antwort könnte lauten: Auf der Strecke. Die Sendung arbeitet sich an der These von der „Originalitätsdämmerung“ des Karlsruher Kunstprofessors Wolfgang Ulrich ab, die Peter Dreher im o. g. Feature bereits vorbildlich illustriert hat. Die Fixierung auf Originalität, Innovation und das ständige Neue ist ein Fetisch unserer Zeit, dabei ist Bewährtheit und Vertrautes ein viel signifikanteres Dogma der Kunst, wenn man Ulrich folgt. Der Podcast hängt sich dabei an der Diagnose der „Retromania“ auf, die der Musikjournalist Simon Reynolds diskutiert und zeigt anhand zahlreicher Beispiele, dass es mit Originalität in der Kunst oft ganz anders bestellt ist, als auf den ersten Blick scheint.

„Bewährt statt neu. Ist die Originalität der Kunst am Ende?“ (Roderich Fabian, Bayerischer Rundfunk 2014)

 

JuS Radioshow #6 – Lost in the Loop?

Die sechste und letzte Episode der Jäger und Sampler Radioshow ist in der Pipeline und wird wie immer auf BLN FM am ersten Dienstag des Monats zu hören sein! Die Abschiedsfolge ist für eine gute Gelegenheit noch einmal das los zu werden, was irgendwie bisher noch nicht so recht besprochen und gespielt wurde. Entsprechend querbeatig ist die Tracklist beginnend mit Quincy Jones und endend mit Falty DL. Thematisch geht’s dabei vor allem um zwei wichtige Aspekte des Samplings: den Gerätschaften und den Loops. Die Sendereihe zu Sampling findet damit ihr Ende, aber der Blog bleibt selbstverständlich weiter bestehen. Bleibt ebenso noch die Frage, ob es eigentlich einen Nachfolger der Radioshow geben wird oder nicht. Die Antwort gibt’s selbstverständlich auch in der Sendung!

Sendetermine:

Dienstag, 1. Februar 2011 um 20 Uhr

Mittwoch, 2. Februar 2011 um 21 Uhr

Sonntag, 6. Februar 2011 um 22 Uhr

Tune in on BLN FM!

Collagen als Erinnerungsschleifen: Memory Loops

2010-09-23

„Memory Loops“ ist ein interessantes Beispiel dafür, was sich mit der Technik des Samplings und der Collage fernab von populärer Musik noch alles verwirklichen lässt. In dem virtuellen Kunstwerk und Denkmal für die Opfer des Nationalsozialismus, das aus 300 deutschen und 175 englischen Tonspuren besteht, werden Geräusche, Musik und Sprachdokumente aus der Zeit des NS-Regimes und von heute miteinander collagiert.

Die historischen Musik- und Sprachdokumente, teilweise neu eingesprochen, teilweise auch im Original, sollen als Zeitzeugenberichte mit aktuellem Material zusammengeschnitten werden, um eine Verbindung zwischen der Gegenwart und der NS-Zeit herzustellen und auf diese Weise den Opfern zu gedenken. Die Tonspuren lassen sich im Internet als auch in verschiedenen Münchner Museen anhören; daneben soll es ebenso möglich sein, durch einen Anruf vom Handy aus die Tonspuren abzurufen und so an historisch wichtigen Orten in München direkt anzuhören. Die Idee dahinter ist, eine an NS-Regime erinnernde Topographie der „ehemaligen Hauptstadt der Bewegung“ München zu zeichnen.

Das von Michaela Meilen, ihres Zeichens Professorin für zeitbezogene Medien an der Hochschule für bildende Künste (HfbK), Hamburg, konzipierte und realisierte Projekt ging als Gewinner aus dem Kunstwettbewerb des Stadt München „Opfer des Nationalsozialismus – Neue Formen des Erinnerns und Gedenkens“ hervor.

Die Eröffnung von „Memory Loops“ findet heute, 23.09.10, um 18 Uhr in München statt. Nähere Informationen finden sich auf der Internetseite des Projekts.

http://www.memoryloops.net/de/about

Vom BR gibt es einen auch ein guten Beitrag dazu: http://www.br-online.de/kultur/michaela-melian-memory-loops-erinnern-ID1284559117214.xml