Ethik des Kopierens

Deutschlandfunk über die Forschergruppe „Ethik des Kopierens“ (19.5.2016)

Eine Woche nach der Spring School zum Thema „Ästhetik und Ethik des Kopierens“ am ZiF Bielefeld gibt es beim Deutschlandfunk einen Beitrag über die Arbeit der Forschergruppe „Ethik des Kopierens“. Der Aufmacher des Beitrags ist der Streit zwischen Kraftwerk und Moses Pelham, der sich um ein 1,5 Sekunden langes Sample aus Kraftwerks Stück „Metal on Metal“ von 1977 dreht. Derzeit wird der Fall bzw. die Verfassungstreue des BGH-Urteils von 2012 hinsichtlich der Kunstfreiheit vor dem Bundesverfassungsgericht verhandelt. Ein Urteil wird am 31. Mai, also schon in knapp zwei Wochen verkündet. Am Anfang des Beitrags bin ich kurz mit einem Statement zu hören, danach wird die Arbeit der Forschergruppe näher besprochen. Es geht um die ethische und auch künstlerische Frage: wann ist Kopieren erlaubt und wann nicht?

Der Beitrag zum Nachhören:

 

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Spring School „Ästhetik und Ethik des Kopierens, ZiF Bielefeld

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Vom 9. bis 13. Mai 2016 findet am ZiF Bielefeld eine Spring School der DFG-Forschergruppe „Ethik des Kopierens“ statt, an der ich teilnehmen und meine Arbeit in zwei Vorträgen präsentieren darf. Hier verlinkt das Programm.

Ich zitiere/kopiere mal einen Ausschnitt aus dem offiziellen Text der Forschergruppe, da ich ihn sehr anschaulich und anregend finde. Passt natürlich auch super zu meinen Forschungsthemen und -interessen.

Das Kopieren von Dingen oder Verhaltensweisen ist aus dem menschlichen Leben nicht wegzudenken. Es ist unerläßlich für individuelle und gesellschaftliche Lernprozesse, kulturelle Entwicklung und erfolgreiches Wirtschaften. Und es ermöglicht Demokratisierungsprozesse, indem Kulturgüter und relevante Informationen weithin zugänglich werden.

In welchen Fällen und in welchem Ausmaß es legitim oder illegitim sein mag, ein Artefakt, eine Idee, bestimmte Aspekte der körperlichen Erscheinung eines Menschen oder auch bestimmte Formen des Verhaltens von jemandem zu kopieren, ist jedoch vielfach strittig – wie auch die Frage, wer wem gegenüber das Recht haben sollte, Forderungen zu erheben, die auf eine Einschränkung oder die Unterbindung bestimmter Akte oder Arten des Kopierens abzielen. Annahmen über die Legitimität verschiedener Kopierpraktiken sowie von Weisen des Umgangs mit Kopien sind in verschiedenen Kulturen teilweise sehr unterschiedlich ausgeprägt, durch technische Entwicklungen sowie durch religiöse, politische und ökonomische Faktoren bedingt und historischem Wandel unterworfen.

Das wichtigste normative Instrument zur Regulierung des Kopierens in modernen Gesellschaften ist das Recht, wobei neben dem Urheberrecht bzw. Copyright im engeren Sinn auch das Patent- und Markenrecht, wettbewerbsrechtliche Normen und weitere Rechtsgebiete relevant sind. Immer größer wird jedoch die Kluft zwischen dem geltenden Recht und gesellschaftlich verbreiteten moralischen Überzeugungen hinsichtlich der Legitimität des Kopierens. Das Urheberrecht und die ihm benachbarten Rechtsgebiete verlieren deshalb national und international an Akzeptanz. Der Übergang von einer Gesellschaft, in der das Sacheigentum und die Verfügung über dingliche Artefakte eine zentrale Rolle spielte, hin zu einer Gesellschaft, in der vor allem der Zugang zu elektronischen Daten als entscheidend angesehen wird, verstärkt diese Tendenz.

 

Zu einer „Ethik des Kopierens“ – Konferenz und Interview

Bei irights.info wurde bereits im Februar d. J. ein spannendes Interview mit Eberhard Ortland veröffentlicht, das um das Verhältnis von Kopiertechniken und Legitimität bzw. Legalität kreist. Ortland ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Forschungsgruppe „Ethik des Kopierens“, die an der Uni Bielefeld angesiedelt ist und sozialwissenschaftliche, kulturwissenschaftliche und philosophische Forschung zum Thema Kopie und Kopieren vereint. Im Interview geht Ortland vor allem darauf ein, dass wir viel zu wenig darüber wissen, mit welchen moralischen und kulturellen Einstellungen Menschen kopieren (remixen, faken, zitieren, etc.) und betont dabei insbesondere die internationale, kulturübergreifende Dimension:

Bereits der jetzige Stand dieser Forschung zeigt: In europäischen oder amerikanischen weißen Mittelschichtskulturen herrschen andere Vorstellungen und Wertungen von Kreativität, Originalität oder Kopierpraktiken als bei den Befragten mit afroamerikanischem oder auch asiatischem – chinesischem, indischem, japanischem –  Hintergrund. Aufgrund ihrer unterschiedlichen kulturellen Traditionen beurteilen die Menschen scheinbar gleiche Verhaltensweisen und Phänomene sehr kontrovers.

Die Bielefelder Forschungsgruppe veranstaltet, quasi als Auftakt zu ihrer Forschungsarbeit, Anfang Oktober 2015 eine viertägige Konferenz, deren interdisziplinäres Programm sich äußerst vielversprechend liest. Es sind einige namhafte nationale und internationale Forscher und Forscherinnen aus den verschiedensten Disziplinen dabei, vor allem aus den Rechts-, Sozial- und Kulturwissenschaften.  Ich habe mal eine – ähem – Kopie des Programms und des Flyers hochgeladen. Weitere Informationen zur Konferenz finden sich auch bei der Uni Bielefeld.

Nachtrag 5.10.: Auch Dirk von Gehlen, der selbst ein Buch über die Kopie geschrieben hat, hat Eberhard Ortland sehr ausführlich für seinen Blog interviewt. Sehr schön fand ich zum Beispiel diese Antwort:

Es verändert meinen Blick auf die Skulptur des „Sterbenden Galliers“ im kapitolinischen Museum in Rom, von der heute in aller Welt Abgüsse bzw. Nachgüsse in Gips, Bronze, Kunststein, sowie Repliken in Marmor und anderen Materialien zu sehen sind, wenn ich erfahre, daß es sich bei dieser Figur um eine römische Marmorkopie nach einer im 1. Jahrhundert unserer Zeitrechnung verlorengegangenen hellenistischen Bronzeskulptur handelt, und daß diese römische Kopie ziemlich genau um das Jahr 50 vor unserer Zeitrechnung in Rom gefertigt worden sein muß zur Feier der Siege des römischen Feldherren und späteren Imperators Gaius Iulius Caesar über die Gallier. Die griechische Vorlage war um 225 v.u.Z. in Pergamon in Kleinasien von einem Bildhauer namens Epigonos, über den sonst nicht viel bekannt ist, geschaffen worden für den damaligen König von Pergamon zur Feier von dessen Sieg über die Galater, die in der römischen Rezeption dann eben zu „Galliern“ umgedeutet wurden. Die Kopie bekommt damit einen für uns präzise faßbaren historischen Ort und trägt ihrerseits bei zu unserem Verständnis der damaligen Situation in Rom, im Übergang von der Republik zur Diktatur. Bestimmte Eigenschaften der Kopie können sich gerade im Bezug zu diesem Entstehungszusammenhang als relevant erweisen, wie andererseits die späteren Kopien, in denen die moderne Rezeptionsgeschichte der im frühen 17. Jahrhundert in Rom ausgegrabenen antiken Plastik sich entfaltet, ebenfalls auf ihren historischen Ort und Verwendungszusammenhang zu befragen sind.

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