Inside/out in der DJ-Booth

Inside/out in der DJ-Booth

Grafik von Johanna Fleischer

„Werft Eure Hände in die Luft…“

Bisweilen lässt sich bei Open Air Parties mit Techno-Musik, die sich im Berliner Sommer besonders gut in freier Wildbahn studieren lassen, ein außergewöhnlicher Moment beobachten. Ich meine diesen besonderen Moment, wenn die Sound hungrige Crowd, auch wenn sie sich bereits seit Stunden auf der Tanzfläche als kollektive „Wunschmaschine“ (Deleuze/Guattari) verausgabt hat, immer noch nach mehr giert. Denn sie ist in einem besonderen Zustand, vielleicht auch von einem anderen Stern. Gewöhnt an die stundenlange Tanzerei auf den immer gleichen „Four-to-the-floor“-Rhythmus und vermutlich mittlerweise auch zu zwei Dritteln taub, fordert die Menge nach mehr. Mehr Lautstärke, mehr Bass, mehr Sound, mehr von dem großen Gemeinschaftsgefühl, wenn der Beat erneut reinknallt und alle zum Jubeln die Hände in die Luft schmeißen. Doch was sollen die DJs hinter den Decks tun, die die Potis am Mischpult, den ständigen Forderungen nachgebend, bereits zum Anschlag aufgedreht haben, die Anlage bereits am Limit ihrer Leitsung arbeitet? In vielen Fällen versuchen die Techniker oder Organisatoren noch mehr aus dem Verstärker und den Boxen rauszuholen oder bemühen sich anderer Tuning-Tricks. Doch eines lässt sich heutzutage eher selten beobachten: dass der DJ die ihm zur Verfügung stehenden Monitorboxen – die eigentlich nur für ihn aufgestellt wurden, dass er auch präzise und ungestört vom Geschrei der Meute hören kann – dass er diese seine Monitorboxen in Richtung Tanzfläche dreht, um die Crowd an der Lautstärke „seiner“ Musik teilhaben zu lassen. Wenn es eine gute Party ist, sie sich also dadurch auszeichnet, dass immer mehr gewollt wird, dass es nicht genug sein kann, dann wird dieser Moment von extatischem Jubel und affirmativem Gepfeife begleitet und kann der Feier nochmal zu neuem Schwung verhelfen.

„…und fangt sie wieder auf!“ (5 Sterne Deluxe)

Warum ist das alles aber bemerkenswert? Klar, es ist eine Randnotiz zu einer kleinen Beobachtung, aber manchmal sind die kleinen Außergewöhnlichkeiten ja die besten Indikatoren, um das Gewöhnliche zu bestimmen. Wie gesagt, im Normalfall und je nachdem, wie improvisiert so eine Open Air Party ist, wird das Setup zwischen den Boxen für’s Publikum und den Monitorboxen für die Künstler getrennt. Sean Nye, ein Musikwissenschaftler aus den USA, hat diese Kultur der separierten DJ-Booth genauer untersucht. Er machte die interessante Feststellung, dass das Tragen von Kopfhörern bei DJs und das damit verbundene, exklusive (Vor-)Hören der Musik, zu einer besonderen, auch räumlich separierten Stellung des DJs beiträgt. Der DJ muss die Musik, die er spielen will, normalerweise auf seinem Kopfhörer vorhören, um die Stücke für den Mix in Geschwindigkeit und Klang anzugleichen. Das kann er nur, wenn er weiß, was im nächsten Stücken passiert. Beim Übergang selbst überprüft er gleichzeitig, ob sein angedachter Mix sich auch tatsächlich so anhört, wie er sich das vorgestellt hat. Durch das präzise auditive Abgleichen mithilfe der Monitorboxen kann er flink korrigieren und den Mix vollziehen. Der Kopfhörer, der räumlich markierte Bereich hinter den Decks, der separate Bereich durch die Monitorboxen und manch andere Dekorationsdetails stellen den exklusiven Bereich des DJs sicher und leisten damit ihren Beitrag für das Gelingen der Musik. Insofern ist es nicht verwunderlich, wenn die Meute jubelt, dass ihnen die Monitorboxen zugedreht werden und es dadurch wieder etwas lauter wird. Der DJ hat sich dafür entschieden, auf ein bisschen seiner Exklusivität zu verzichten, zugunsten eines weiteren Partyschubs, indem er für das maschinelle Verhältnis zwischen Musik, DJ und Tanzfläche ein weiteres Scheit in den Ofen wirft.

Referenzen:

  • Deleuze, Gilles/Guattari, Felix (1997): 1000 Plateaus. Übersetzt von G. Ricke und R. Voullie. Berlin: Merve.
  • Eshun, Kodwo (1999): Heller als die Sonne. Übersetzt von D. Dath. Berlin: ID-Verlag.
  • Nye, Sean (2011): Headphone-Headset-Jetset. DJ Culture, Mobility and Science Fictions of Listening in: Dancecult: Journal of Electronic Dance Music Culture 3(1): S. 64–96. Online.
  • Poschardt, Ulf (1997): DJ Culture. Diskjockeys und Popkultur. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt.

Dies ist eine geringfügig veränderte Version des Textes, der ursprünglich im 2. Printmag des Circus Homo Novus‘ erschienen ist. Weitere Infos und Bezugsmöglichkeiten für das „CMAG 2“ gibt es unter folgendem Link

 

In the Mix: Ghost Notes – Circus Podcast #21

chn_podcast_21_ghost_notesEin neuer Mix von mir. Diesmal eine HipHop/Funk/Downbeat-Mischung für die musikalisch sehr breit gefächerte und absolut empfehlenswerte Podcast-Serie von chn.io

Circus Podcast #21 – Ghost Notes (Feb 2014)

Ghost Notes ist eigentlich ja mehr für seine DJ-Sets, die sich irgendwo an der Grenze von House und Bass Music bewegen, bekannt. Seine heimliche Liebe aber gilt seit 15 Jahren den gediegenen Downbeats, dem Funk und auch dem HipHop. Für die 21. Ausgabe des Circus Podcasts hat er sich, angetrieben von futuristischer Nostalgie, durch sein Platten- und Festplattenarchiv und damit auch zurück in die Zukunft gemixt. Dahin zurück, als HipHop hören, mit den Jungs abhängen und Basketball spielen noch eins war. Als es das Normalste und gleichzeitig das Allergrößte war. Dahin zurück, als „Sachen geregelt zu kriegen“ noch Hausaufgaben abschreiben hieß und die Nachmittage dafür herhalten mussten, die Flausen aus dem Kopf zu kriegen… Die Flausen sind schon lange draußen, vertrieben von den ersten grauen Haaren und auch die gute alte Liebe musste einiges aushalten. Was aber nicht heißt, dass nicht immer noch freshe Beats zu entdecken wären! Im Mix gibt’s aktuellen Shit von Mr. Backside, Flo Filz oder Bluestaeb, unveröffentlichtes Material von Kova und Snuicide, aber auch funky Grower von Kutiman oder exzellente Cheesiness von Alan Hackshaw auf die Ohren. Durch die Sendung führen Peter Frankenfeld und Max Greger. Bitte schön die Genicke aufwärmen. Es soll ja hinterher niemand klagen, dass vorher keiner gewarnt hätte.

Brownout – I won’t lie (Grant Phabao Remix)
6th Borough Project – If the Feeling’s right?
Max Graef x Delfonic – The Way
Jamal – Keep it real (Flo Filz Remix)
Unda – Off the Cuff
Mr Scruff – Ug
Jurassic 5 – Freedom
Mr Backside feat. Jane R. Gee – Injured
Alan Hackshaw – Girl in a Sportscar
Snuicide – Blueberryhempflakes
Brous One – No es Difficul
Kova – Cool Struttin‘
Brenk Sinatra – Everyday Scenario
Cuthead – Everlasting Sunday
Bluestaeb x Eloquent – Rapresent
Manzu x King Brut – Blunaut
Mark B & Blade feat. Al Tariq – Split Personalities
Kutiman – No Groove where I come from
Aphrodelics – Rollin‘ on chrome (K&D Wild Motherfucker Dub)
Dadamnphreaknoizephunk – Complex Dinner Wardrobe
Sola Rosa – All you need

In the Mix: Ghost Notes – Circus Podcast 03

Sehr verehrte Damen und Herren, mein liebes Publikum,

wir unterbrechen das Programm für eine kurze Reklamesendung: im September 2012 ließ die Berliner Crew vom Circus Homo Novus die dritte Mischung ihrer sehr empfehlenswerten Podcast-Serie vom Stapel. Diesmal hinter den Decks: Ghost Notes.

Auch die anderen Teile sind äußerst reinziehenswert. Da wären zum Einen die dubbigen Eskapaden eines gewissen Dub Peteph, eine fluffige Liquid Mix Session von Jimi Handtrix, eine tolle bassig-verkopfte Angelegenheit aus den Französischen Alpen von Cloudn# sowie eine eskapistische Verzauberungsmaschine von Almereyda. Findet sich auch alles hier, zum Download: http://circushomonovus.de/category/podcast

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! Und nicht vergessen: Immer schön groovig bleiben in den Gelenken.

Ihre Jäger und Sampler

 

Tracklist Ghost Notes:

  1. Dublex Inc. – Nifty Night [Pulver]
  2. Audiojack – Get serious [20:20 Vision]
  3. Dexter – X7D [Ostgut Ton]
  4. Marc Romboy & KiNK – Don’t shake my tree [Ovum]
  5. Whare – Pretty Lady (Matt Flores Remix) [Tjumy]
  6. Jon Convex – Shadows [Convex Industries]
  7. Trevino – Discovery [Revolver]
  8. Simon/off – Take it back [forthcoming on Disko404]
  9. Wasserstoff – Purgatorio [Metrofon]
  10. Boddika – Acid Jackson [Swamp81]
  11. A1 Bassline – Shock Headed [Tighten Up]
  12. Guttershake – Fibroptickz [Roska Kicks & Snares]
  13. Evil Nine – Crooked (Bassbin Twins Remix) [Marine Parade]
  14. Dark Sky – F Technology [Black Acre]
  15. Bonobo – Eyesdown (Floating Points Remix) [Ninja Tune]

18.11.11 Techno zwischen Stadtpolitik und Arbeitswelt

Am kommenden Freitag gibt es wieder einen interessanten Seminartag mit drei spannenden und aktuellen Vorträgen im Archiv der Jugendkulturen, Berlin

Techno zwischen Stadtpolitik und Arbeitswelt

18.11.2011, 11:00 bis 18:00 im Archiv der Jugendkulturen, Fidicinstr. 3, 10965 Berlin

Techno gilt oftmals als unpolitische Spaßkultur oder auch als irgendwie „underground“ und „anders“. An dem Seminartag sollen diese Annahmen kritisch hinterfragt werden und beispielsweise die Rolle der Technoszene in der Berliner Demonstrationskultur und den Auseinandersetzungen um stadtpolitische Themen wie Gentrifizierung untersucht werden. Auch die ökonomischen Bedingungen, unter denen innerhalb der Technoszene gearbeitet wird, sind Thema, dabei geht es u.a. um die Bedeutung der Szene für den „Wirtschaftsstandort Berlin“ und dem Verhältnis zwischen Szenewirtschaft und der Musikindustrie.

Programm:

11:00 – 11:15 Uhr: Begrüßung und Einführung (Daniel Schneider / Archiv der Jugendkulturen)

11:15 – 13:15 Uhr: „Resistance through Rituals“ oder „Friede, Freude, Eierkuchen“? – Techno zwischen Hedonismus und Protest (Max Lill)

13:15 – 14:00 Uhr: Mittagspause

14:00 – 16:00 Uhr: Die Produktion elektronischer Tanzmusik in Homerecording-Studios (Jan-Michael Kühn)

16:00 – 16:15 Uhr: Kaffeepause

16:15 – 18:00 Uhr: Flyerkultur und die Politik der Stadt (Mike Riemel)

Genauere Informationen zur Veranstaltung sind unter hier zu finden. Die Veranstaltung ist kostenlos, aber es wird um eine Anmeldung gebeten (unter archiv@jugendkulturen.de). Und bitte pünktlich kommen.

Techno: Party, Arbeit, Leben, Musik – Workshop am 03.12.2010 im Archiv der Jugendkulturen

Am 3.12.2010 findet im Archiv der Jugendkulturen in Berlin ein ganztägiger Workshop zum Thema „Techno“ statt. Der Workshop ist Teil der Reihe „Jugenkulturen im 21. Jahrhundert“. Neben Vorträgen von Jan Kühn (Berlin Mitte Institut) zur Berliner Techno-Szene und dem Kulturwissenschaftler Daniel Schneider (Archiv der Jugendkulturen) zum Bibliotheksbestand in Sachen Techno, wird es auch einen Vortrag von Georg Fischer zu Jägern und Samplern geben.

Archiv der Jugendkulturen e.V.
Fidicinstraße 3
10965 Berlin
Tel. 030/6942934
Fax 030/6913016
archiv@jugendkulturen.de

Programm:

11.00 Uhr Begrüßung, Einführung ins Thema

11.30 – 13.00 Uhr Techno – ein Überblick (Daniel Schneider)

In dieser Präsentation soll es um die Wurzeln und die Entstehungsgeschichte elektronischer Tanzmusik gehen, aber auch ein Überblick über die Entwicklungen und Ausdifferenzierungen bis heute gegeben werden. Hierbei sollen sowohl transnationale Verflechtungen als auch lokale Besonderheiten (z. B. Detroit Techno und Chicag

o House, die Besonderheiten der britischen Szene, Unterschiede innerhalb der deutschen Szene) thematisiert werden. Abgerundet wird die Präsentation durch eine Reihe an Musikbeispielen, um einen Einblick in die heute existierende Bandbreite der verschiedenen Spielarten elektronischer Musik zu bieten.

13.00 – 14.00 Uhr Mittagspause

14.00 – 15.30 Uhr Leben und Arbeiten in der Berliner Techno-Szene (Jan-Michael Kühn und Gäste aus der Szene)

Die Berliner Techno-Szene ist nicht nur ein Ort, um sich von elektronischer Tanzmusik verführen zu lassen, in ihr wird auch gearbeitet und gelebt. Viele t

ausende Menschen sind es allein in Berlin, die ihr Leben und ihre Arbeit alternativ anhand der Produktion von Techno-Erlebnissen für sich und andere gestalten. Selbst Spaß haben, anderen Spaß bereiten und dabei genug Geld zum Leben verdienen. Diese produktive Infrastruktur und deren Arbeitsidentitäten werden Gegenstand der Präsentation sein.

15.30 – 17.00 Uhr Sampling (mit dem Gast Georg Fischer, der im Moment seine Abschlussarbeit zu diesem Thema schreibt und eine Sendung zu diesem Thema auf b

ln.fm produziert) https://jaegerundsampler.wordpress.com

17.00 – 18.00 Uhr Techno-Fanzines und Zeitschriften – eine Einführung in den Bibliotheksbestand des Archiv der Jugendkulturen (Daniel

Schneider)

  • Jan-Michael Kühn ist Soziologe und promoviert an der Technischen Universität Berlin über Erwerbsarbeit-Strukturen in der Berliner Techno-Szene. Er ist seit 2005 regelmäßig in Berliner Clubs als DJ Fresh Meat unterwegs, produziert Techno-TV-Sendungen mit dem „Berlin Mitte Institut für Bessere Elektronische Musik“ und arbeitet freiberuflich als Booker für verschiedene Veranstalter. http://www.berlin-mitte-institut.de/
  • Daniel Schneider ist Kulturwissenschaftler und einer der Verantwortlichen für den Fanzinebereich (Schwerpunktbereiche Techno, Kunst/Literatur/Comics) und Mitarbeiter in der Bibliothek des Archivs der Jugendkulturen und in der Redaktion des Journals der Jugendkulturen. Seine Magisterarbeit hat er zum Thema „Detroit Techno und die Frage nach der Hautfarbe“ verfasst. http://edocs.fu-berlin.de/docs/receive /FUDOCS_document_000000004737

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