Forschungsblog OpenVG

Überblick

In dem Forschungsprojekt „OpenVG“ untersuche ich verschiedene Verwertungsgesellschaften (abgekürzt: VG / VGen) unter dem Gesichtspunkt von Offenheit/Geschlossenheit. Das Projekt wird finanziert durch das Fellowship-Programm „Freies Wissen“ von Wikimedia, dem Stifterverband und der Volkswagen Stiftung. Projektzeitraum: Oktober 2018 bis Juni 2019.

Motivation und Ausgangslage

Das Forschungsprojekt „OpenVG“ steht im direkten Anschluss zu meiner Dissertation zu „Urheberrecht und Kreativität in der samplingbasierten Musikproduktion“ am Institut für Soziologie der TU Berlin. Dort habe ich zwischen 2015 und 2018 untersucht, wie sich die rechtlichen Restriktionen des Geistigen Eigentums auf die kreativen Praktiken von Musikproduzent:innen auswirken, wenn diese Samples von Dritten benutzen.

Im Rahmen dieser Studie bin ich immer wieder auf die Rolle von Verwertungsgesellschaften aufmerksam geworden: insbesondere GEMA und GVL, die ja innerhalb des musikindustriellen Komplexes für die indirekte Verwertung von Kompositionen und Texten beziehungsweise Leistungsschutzrechten (Produktion, Einspielungen, Tonträgerherstellung, etc.) zuständig sind. Beide VGen sind für Sampling nur am Rande interessant, da die Lizenzierung von Samples in aller Regel über die Labels und Urheber:innen der Originalsamples direkt abgewickelt wird.

Trotzdem stieß ich immer wieder auf die beiden genannten VGen: Sei es, weil ein Produzent mir seine GEMA-Abrechnung zeigte und mich nach Rat fragte; sei es aufgrund der allgemeinen Diskussion um Leistungsschutzrechte für Presseverleger und der VG Wort; oder sei es, weil ich mich im Rahmen eines Artikels für iRights.info tiefer mit Diskotheken-Monitoring und Remixkultur auseindersetzte.

Diese Begegnungen mit VGen ließen mich oft ratlos zurück, denn mir wurde bewusst, dass VGen für die Kreativen der Musikbranche in der Regel eine relevante Einkommensquelle darstellen, teilweise sogar die wichtigste Einkommensquelle überhaupt. Die Berechnung und Verteilung der Geldströme, die auf einer stark ausdifferenzierten und daher oft unübersichtlichen Tarifstruktur basiert, konnte ich allerdings nur ansatzweise nachvollziehen.

Zielsetzung

Vielen Kreativen, mit denen ich sprechen durfte, geht es ähnlich: Sie erhalten Geld von einer VG, können aber nicht so recht nachvollziehen oder gar überprüfen, wie sich die Zahlungen zusammensetzen oder mithilfe welcher Schlüssel sie sich generieren. Diese Problemstellung war für mich der Einstiegspunkt in das Forschungsprojekt OpenVG, in dem ich VGen ganz gezielt unter den Gesichtspunkten von Offenheit und Geschlossenheit untersuchen will.

Ich verstehe das Projekt als eine explorative Studie, die einen Beitrag zu einer sozialwissenschaftlichen empirischen Urheberrechtsforschung leisten soll. Das betone ich deswegen, weil es natürlich bereits Studien zu VGen gibt; diese kommen aber meist aus dem rechtswissenschaftlichen oder wirtschaftswissenschaftlichen Lager, eine empirisch-qualitative sozialwissenschaftliche Studie ist mir indes nicht bekannt. Deshalb und aufgrund des relativ kurzen Finanzierungszeitraums wird OpenVG also mehr den Auftakt meiner Forschungsunternehmung darstellen und soll Probleme aufwerfen, die ich dann im weiteren Verlauf näher bearbeiten will.

Vor allem interessiert mich die Ebene der Kreativen, also der Mitglieder von VGen. Forschungsanleitende Fragen sind unter anderem: Wie, mit welchen Zielen und Erfolgen kommunizieren Mitglieder mit ihren jeweiligen VGen? Welche Relevanz haben VGen für ihre Kreativität, das heißt für die Produktion neuer Werke? Wo gibt es Probleme und Herausforderungen? Haben diese in signifikanter Weise mit der organisatorischen Geschlossenheit von VGen zu tun? Und: (wie) lassen sich neue Ressourcen generieren bzw. neue Verfahren entwickeln, die idealerweise auf offenen Daten basieren?

Offene Forschung

Das Forschungsprojekt hat Offenheit damit nicht nur zum Thema, sondern will diese auch gezielt als Methode anwenden. Dafür orientiere ich mich an drei Aspekten: offen zugänglich, offen nachnutzbar und offen dokumentiert.

Offen zugänglich soll meine Forschung sein, indem meine Forschungsergebnisse nicht einfach hinter den paywalls akademischer Verlage verschwinden dürfen. Vielmehr sollen sie einer interessierten (akademischen) Öffentlichkeit zugänglich sein. Das ist in etwa der Kerngedanke von Open Access (OA). Er impliziert, dass Publikationen eingesehen und rezipiert werden können, ohne diese extra dafür erwerben zu müssen. Für mein Projekt bedeutet dies konkret, dass ich meine Ergebnisse via Open Access zugänglich machen werde – wie genau, ob Sammelbandartikel, Arbeitspapier oder Zeitschriftenbeitrag steht noch nicht fest. Vorschläge, beispielsweise zu Repositorien, sind daher willkommen!

Das bringt mich zum zweiten Punkt: Offen nachnutzbar soll meine Forschung sein, indem sie allen Interessierten Anschluss für eigene Forschungen oder andere Projekte sein kann. Die Nachnutzbarkeit ist ein Effekt aus dem offenen Zugang, bedeutet aber auch, dass ich meine Forschungsmittel, -methoden und -materialien offenlege und offen zur Verfügung stellen werde. Das bringt freilich Transparenz mit sich, denn beispielsweise muss ich meine Behauptungen und Schlussfolgerungen aus dem empirischen Material heraus genau prüfen – andere Perspektiven, Lesarten und Schlussfolgerungen sind denkbar! Konkret werde ich meine empirisch erhobenen Daten (Interviews, Surveydaten, etc.) in geeigneter Weise (das heißt aufbereitet als digitale Dateien) zur Verfügung stellen.

Schließlich soll meine Forschung offen dokumentiert sein. Dafür bietet sich das Blog natürlich an. In möglichst zugänglicher, nicht allzu verquaster Sprache will ich die einzelnen Schritte meines Forschungsprojekts dokumentieren. Das habe ich in loser Folge auch für die Sampling-Studie getan, allerdings möchte ich es diesmal systematisch machen. Idealerweise erscheinen also im Abstand weniger Wochen an dieser Stelle kurze Updates, was ich gerade tue und welche Schritte als nächstes folgen werden. Diese Art der Dokumentation hat sich für mich bereits bewährt, denn bereits vergessene Sachverhalte habe ich so serendipisch wieder gefunden und konnte mit ihnen dann weiter arbeiten. Insofern ist die offene Dokumentation nicht nur für die Öffenlichkeit gedacht, sondern auch für mich selber. Sozusagen Forschungsnotizen, aber offen für alle.

Kontakt

Das Forschungsprojekt ist für mich ein Experiment und ich bin offen für Hinweise oder Ideen jeglicher Art. Wie immer gilt daher: Wer mir schreiben will, ich bin per Mail oder auf Twitter unter @georg_fischer_ zu erreichen. Vielleicht gibt es eine Studie, die ich lesen sollte, oder ein neuer Tarif, den ich kennen muss. Oder aber es gibt Ideen für Ansprechpartner:innen, mit denen ich mich zu VGen austauschen kann. Ich freue mich immer über solche Hinweise!

 

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