Drei Dimensionen technischer Reproduzierbarkeit

Seitdem ich Walter Benjamins Kunstwerk-Aufsatz im Studium gelesen hatte, war ich fasziniert davon. Sicherlich hat er auch mein Interesse für alles Kopierbare (mit-)befeuert und damit seinen Teil zu meiner Dissertation zum Sampling beigetragen.

Allerdings habe ich mich immer gefragt, ob Benjamins Grundidee von der technischen Reproduzierbarkeit nicht zu eng gefasst ist und erweitert werden könnte. Meine theoretische Idee der Ausdifferenzierung von drei Dimensionen technischer Reproduzierbarkeit will ich hier mal verbloggen, vielleicht regt es ja die Diskussion an.

Technische Reproduzierbarkeit in drei Dimensionen

Technische Reproduzierbarkeit meint in Anlehnung an Walter Benjamins einschlägigen medientheoretischen Text „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ die gesellschaftliche Verfügbarkeit von Technologien, mit denen sich Kopien von (im)materiellen Objekten herstellen lassen.

Benjamin hatte dabei etwa den Offsetdruck, die Fotografie, das Grammophon oder den Film im Sinn, als er in den 1930er Jahren seinen Text veröffentlichte – digitale Kopiertechnologien, Speichermedien oder das Internet waren für ihn freilich noch außer Sichtweite.

Sein Verständnis von Reproduzierbarkeit ist grundsätzlich plausibel, größtenteils aber eher implizit und lässt daher Raum zur Weiterentwicklung. Eine explizite qualitative Bestimmung verschiedener Dimensionen technischer Reproduzierbarkeit bleibt Benjamin schuldig.

Reproduktion als Repräsentation, Replikation und Referenz

Drei Dimensionen lassen sich meiner Wahrnehmung nach unterscheiden: Die Tiefe der Repräsentation (Abbildungstreue), Breite der Replikation (Vervielfältigungsgrad) und die Höhe der Schöpfung (Ausstattung mit Referentialität).

(1) Technische Reproduzierbarkeit meint zunächst Repräsentationstiefe und damit die Frage: Wie gut kann eine Fotografie, eine Zeichnung oder ein Video ein Objekt visuell abbilden? Wie gut können Klänge, Töne und Musik als auditive Daten eingefangen, auf einem Träger gespeichert und wiedergegeben werden, etwa ohne Klangverlust oder Störgeräusche?

Technische Reproduzierbarkeit operiert also auf der Ebene der Repräsentation und bezeichnet dabei, wie gut eine Kopie ihr Original wiedergibt. Der Grad der Repräsentationstiefe bemisst sich also an der Werktreue: Je tiefer die Repräsentation, desto originalgetreuer die Reproduktion. In der Darstellung ist diese Dimension mit der Lateralen markiert.

(2) Technische Reproduzierbarkeit bezieht sich zweitens auf die Replikationsbreite: Wenn eine Repräsentation eines Objekts in der Welt ist, wie schnell und breit können Replikationen davon produziert und verteilt werden? Digitale Kopien etwa sind dank der Verbreitung durch das Internet praktisch in Sekundenschnelle einmal um den Globus transferiert: Ohne Qualitätsverlust oder besonders hohe Kosten können digitale Kopien seriell vervielfältigt werden.

Die Replikationsbreite ist aber nicht nur im digitalen Raum relevant, sondern natürlich auch bei materiellen Trägern wie etwa CDs, Videokassetten oder Büchern zu finden. Die Darstellung sieht für diese Dimension die Horizontale vor.

(3) Technische Reproduzierbarkeit zeigt sich schließlich in dem, was juristisch als Schöpfungshöhe bezeichnet wird: Im Urheberrecht ist damit der Grad der Eigenständigkeit angesprochen, den ein ästhetisches Werk erreicht, das in Referenz zu einem anderen Werk entsteht, etwa durch variierende oder rekombinierende Verfahren wie beispielsweise Remix, Zitat, Montage oder Cut-up.

Je weiter sich ein referenzielles Werk von seinen originalen Vorlagen löst, desto mehr Schöpfungshöhe und Eigenständigkeit erreicht es. Die Schöpfungshöhe ist je nach Kunstgattung variabel, in jedem ästhetischen Genre gibt es Vorstellungen davon, was als eigenständige Kopie gilt und wie stark ausgeprägt Referenzen zu anderen Werken sein dürfen – oder müssen (noch eine Kopie oder schon ein Original?). In der Darstellung ist diese Dimension technischer Reproduzierbarkeit in der Vertikalen angesiedelt.

Drei Dimensionen technischer Reproduzierbarkeit, Georg Fischer, CC BY-4.0.

Abbildung: Drei Dimensionen technischer Reproduzierbarkeit, Georg Fischer, CC BY-4.0.

Entfernungen vom „Hier und Jetzt des Originals“

Wie in der Abbildung vorgeschlagen, lassen sich die drei Dimensionen technischer Reproduzierbarkeit räumlich darstellen. Das hat den Vorteil, historische Steigerungs- und Entwicklungsdynamiken technischer Reproduzierbarkeit sich bildlich vor Augen zu führen und einzelne Reproduktionsakte als Wandern durch den dreidimensionalen Raum zu verstehen.

Gemeinsam ist den drei Dimensionen technischer Reproduzierbarkeit, dass sie Bewegungen weg von dem „Hier und Jetzt des Originals“ (Benjamin, S. 12) bedeuten: Kopien entfernen sich in reproduzierter Form von ihrem Ursprung und können dadurch Eigenleben entwickeln.

Jeder historisch signifikante Schub technischer Reproduzierbarkeit – darunter etwa Buchdruck, Klangspeicherung oder digitale Vernetzung via Internet – bedeutet einen relativen Kontrollverlust für zeitlich und örtlich gebundene Originale, die sich als Kopien mehrdimensional verselbständigen können.

Das Urheberrecht reagiert auf solche Schübe technischer Reproduzierbarkeit, insofern sich regelmäßig Diskussionen um Fragen der Autorschaft, der Werkvergütung oder der Legalität von Kopien nach sich ziehen. Das bedeutet: Technische Reproduzierbarkeit ist nicht statisch, sondern historisch höchst dynamisch und zieht rechtliche (Re-)Konfigurationen nach sich.

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