Zu Pierre Schaeffer und seiner „Musique concrète“

Pierre-Schaeffer

Beim FACT Magazine ist gestern ein ausführlicher Artikel über den französischen Komponisten und Ingenieur Pierre Schaeffer erschienen, der als einer der Wegbereiter der „konkreten“, also aus direkten Klängen bestehenden Musik gilt. Wie in den meisten anderen Darstellungen wird Schaeffer als Wegbereiter und eigentlicher Erfinder, als „Pate“ des Samplings gefeiert – Jahrzehnte bevor man im HipHop, House und Reggae damit arbeitete:

One of the more profound consequences of Schaeffer’s inversion of the compositional process was that composers would no longer be bound to written scores and notation. Their music could exist solely as recordings, without need for players or instruments to actualize them. Even among other experimental and avant-garde musics of the time, notably the “elektronische Musik” being produced by Karlheinz Stockhausen in Cologne, Schaeffer’s approach represented a radical shift. Because any sound could now be repurposed for the sake of music-making, the possible combinations of timbres, rhythms, instruments, voices and harmonies became virtually infinite.

Ich glaube, diese Darstellung ist nicht ganz falsch und auch nicht ganz richtig. Sie ist vermutlich etwas zu kurz gedacht und zu sehr auf die Figur Pierre Schaeffer fixiert. Sicherlich war Schaeffer extrem wichtig für die avantgardistischen Versuche mit konkreten Klangmaterialien zu arbeiten, den Klang als solchen „anzufassen“ und musikalische Schleifen („Loops“) zu kreieren. Schaeffer hat viel dazu publiziert und beeinflusste andere wegweisende Künstler wie Pierre Henry, Karlheinz Stockhausen oder John Cage im Hinblick auf das prä-digitale Sampling und „found sounds“. Aber schon etwa 15 Jahre vor Schaeffers Pariser Arbeiten experimentierte der Berliner Walter Ruttmann für sein Stück „Weekend“ mit konkreten Klängen, wie sich im Museum der Initiative „Recht auf Remix“ und in meiner Diplomarbeit nachlesen lässt. Das tat er, weil er sich innerhalb eines größeren künstlerisch-intellektuellen Diskurses befand, der sich ab Beginn des 20. Jahrhunderts formierte und verstärkt den Phänomenen des Geräuschs und des Klangs widmete.

„Weekend“ ist eine wahre Symphonie der Geräusche, die aber mit rhythmischem Feingefühl und mit allerlei Pointen gespickt ist. Ruttmann verstand seine abstrakte Toncollage als „Jazz der Arbeit“, der von der dröhnenden Maschinerie der Schreibmaschinen, Registrierkassen und Sägen, aber auch vom verdienten Feierabend und dem erholenden Sonntagsausflug erzählt. Immer wieder gibt es semantisch-klangliche Assoziationen und Anspielungen, wie zum Beispiel beim „Ausklang“ des Wochenendes: Zuerst das Gläserklirren beim Zuprosten, danach die Glocken der Tiere und das Bimmeln der Kirchenglocke. Schließlich das Klingeln des Weckers, der lautstark den allwöchentlichen Arbeitsbeginn am Montag verkündet.

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