Interview mit Simon Reynolds über die „Retromania“

In der Jungle World ist vor kurzem ein sehr lesenswertes Interview mit dem Poptheoretiker Simon Reynolds erschienen. Reynolds hat vor ein paar Jahren mit seiner These vom „Hardcore Continuum“ auf sich aufmerksam gemacht, mit der er dafür argumentierte, dass sich in der britischen, cluborientierten Undergroundmusic (wenn ich das mal so salopp nennen darf), seit Anfang der Neunziger ein gewisses Kontinuum der verwendeten Gestaltungsmittel feststellen lässt. Er meint damit zum Beispiel die Benutzung von Samples, die Praktik der Versionierung über Remixes und Riddims, eine ausgeprägte Begeisterung für Bass und Breakbeats, Rap und Toasting, und einige andere Elemente. All dies lässt sich in Genres wie Hardcore, Jungle, DnB, Garage, Grime, Nuskoolbreaks und mittlerweile auch Dubstep und Bassmusic wiederfinden.
In seinem neuesten Buch „Retromania“, das derzeit auf Deutsch im Ventil Verlag erscheint, setzt er sich in größerem Rahmem mit einer sozusagen erweiterten Continuums-These auseinander. Er meint damit die ausgeprägte Rückwärtsgewandtheit, die Popmusik ganz generell und über Genregrenzen hinweg auszeichnet. Die Vergangenheit werde durch die Betonung von Ursprungsmythen und durch den ständigen Blick in den Rückspiegel glorifiziert und mystifiziert, die Zukunft wird als  eher beängstigend und verunsichernd wahrgenommen. Jede Neuerung, sei es als einflussreiche Innovation oder als simple Neuheit, wird durch die Aufwärmung des Alten und der ständigen Rekontextualisierung bewerkstelligt.
Auszug:

„In den Sechzigern konnte man das bürgerliche Leben ablehnen, in dem Bewusstsein, jederzeit dorthin zurückkehren zu können. Aber das Besondere an der heutigen Zeit ist doch, dass die Menschen nicht einmal mehr eine Chance auf dieses »normale« Leben haben. Mit dem College verband sich das Versprechen, einen Job zu bekommen, sich Haus und Kinder leisten zu können – in Amerika ist es heute aber so, dass die Leute das College verlassen und verschuldet sind, keine Arbeit finden und erstmal in der Luft hängen. Es gibt nur noch Schulden, jeder hat Schulden, und man lebt in der Befürchtung, dass auch die Ressourcen der Zukunft bereits verbraucht sind. Das bringt Menschen in eine Situation, wo sie sich nur um die Gegenwart kümmern oder bestenfalls ein paar Tage voraus planen. Und ich glaube, es bringt sie auch dazu, sich der Vergangenheit zuzuwenden. Und nicht zuletzt könnte es an dieser Hoffnungslosigkeit liegen, dass es in der gegenwärtigen Musik so wenig um Zukunftsentwürfe geht: Die Vorstellung der Zukunft ist für viele einfach zu prekär geworden. Dass der heutige Non-Futurismus auch soziale und politische Gründe hat – darüber hätte ich in »Retromania« vielleicht mehr nachdenken sollen.“

Das vollständige Interview gibt’s hier.

Und hier gibt’s eine knackige Rezension bei den Kollegen von SKUG (derzeit offline).

Morgen, also am 16.10. spricht Reynolds übrigens im Festsaal Kreuzberg, Berlin.

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