Die Demokratisierung des DJ’ings und ihre Kinder

„In den frühen 1970ern“, so schreibt Didi Neidhart in einem schönen Artikel über den 12″-Erfinder Tom Moulton, „war DJ-Arbeit eine verdammt harte Knochenarbeit. Die Breaks und Breakbeats mussten mit steinzeitlichen Schallplattenspielern abenteuerlich aneinandergereiht werden (funktionierte das mal nicht, war die Tanzfläche gleich wieder leer) oder wurden (in ebenso mühseliger Schneide- und Klebe-Arbeit) zu Hause mittels Tonbändern manuell zusammengeschnitten.“

Leere Tanzflächen gehören auch heute noch zu den DJ-Problemen, aber die Art des Auflegens hat sich doch grundlegend verändert. Nicht nur der Zugang zu auflegekompatibler Clubmusik hat sich dank Beatport, Youtube und Konsorten demokratisiert, sogar das eigentliche Kunststück, nämlich eine bewusst ausgewählte Selektion von Stücken in einen fließenden Mix zu bringen, ist heute keine Fertigkeit mehr, die man sich zu Hause hart erarbeiten und für den Clubeinsatz erproben muss. DJ-Software wie Traktor erledigt das Angleichen und Ineinandermixen für einen mit, man braucht nur noch seine Playlist zusammenstellen und die Tracks nacheinander abfeueren. Fragt sich nur, ob man dann überhaupt noch von einem „DJ“ sprechen kann?

Seit nicht allzu langer Zeit ist es zudem auch gar nicht mehr notwendig, Musik physisch in Form von Platten, CD’s oder auf der Festplatte gespeichert zu besitzen: In der Youtube-Disko stellt man seine gewünschtes Playlist ganz einfach aus dem gesamten Youtube-Archiv zur Verfügung stehenden Tracks zusammen. Zwar ohne Pitch-, geschweigedenn einer Sync-Funktion, aber auch das ist sicher nur eine Frage der Zeit.

Mein (mehr als pauschaler) Eindruck jedoch – und das ist auch das Widersprüchliche an der ganzen Sache – ist keinesfalls der, dass heute generell mehr Wert auf Dramaturgie und eine interessante Playlist gelegt wird, wozu – gerade mit Traktor und dergleichen – nun eigentlich die Zeit vorhanden wäre. Stattdessen hören sich so viele Sets so derart ähnlich an, dass ich manchmal schon, ganz heimlich und in meinen niedersten Momenten, den Gedanken von einer Nivellierung der Playlisten mit mir herumtrug.

Und noch ein Punkt, wenn wir gerade schon am Meckern sind. Ich hab mir letztens ein sehr sehenswertes Interview mit dem Funktion One Bauer Tony Andrews angeschaut. Man muss natürlich vorausschicken, dass der Mann von Berufs Wegen ein audiophiler Nerd ist, seinen Job sehr ernst nimmt und allein schon aus marketingtechnischen Gründen auf hohe Klangqualität bedacht ist. So oder so, seine Position ist kurz gefasst die, dass mp3’s, egal wie hoch die Bitrate ist, einfach ungeeignet für den Clubeinsatz sind und auch nicht gut für Ohren; auf den meisten Club-Boxen hört man das allerdings kaum, weil die eh so undifferenziert scheppern. Auch wenn der Typ erster Linie Werbung für seine eigenen Boxen macht und Soundqualität ein ganz eigenes Kapitel wäre, so hinterlassen seine Aussagen vor allem im Zusammenhang mit der Youtube-Disko bei mir ein ziemlich mulmiges, kulturpessimistisches Gefühl.

Vielleicht nehm ich das Ganze auch zu ernst und eigentlich ist alles fein – aber ihr wisst ja: there’s no business like show business…

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