In der Kürze liegt die Würze: Das Microsampling

2010-08-20

Wenn man ausschließlich mit sehr kurzen Samples arbeitet, mit einer Länge von, sagen wir: unter 2 Sekunden, und daraus etwas Neues zusammstückelt, so bedient man sich einer Technik, die heute meist unter dem Label „Microsampling“ firmiert. Es spielt dabei keine Rolle, ob die klanglichen Fetzen aus anderen Musikstücken, aus der Natur oder sonstigen (Alltags-)Geräuschen stammen, wichtig ist nur die dahinterstehende Idee, die Samples zu dekontextualisieren, also aus ihrem ursprünglichen klanglichen Kontext zu lösen und anschließend neu zu kombinieren. Ein ziemlich gelungenes, weil grooviges Beispiel findet sich in diesem Autowerbespot:

Aufsehen erregend war auch die Aktion des Künstlers und Komponisten Johannes Kreidler, der 2008  ein 33-sekündiges Stück namens „Product Placements“ der Öffentlichkeit präsentierte, das er aus 70.200 (!) Samples  zusammenfügte. Die einzelne Fragmente, deren Länge von Bruchteilen einer Sekunde bis hin zu 2 Sekunden reicht, meldete er alle ordnungsgemäß bei der GEMA an und fuhr dafür extra mit einem Lastwagen voller ausgefüllter Anmeldebögen bei der Verwertungsgesellschaft vor. Kreidler, übrigens selbst auch GEMA-Mitglied ist, komponiert auch sonst mit der Technik des Microsamplings und will mit seiner Aktion die rückständige und künstlerisch behindernde Handhabung des geltenden Urheberrechts konterkarieren und kritisieren, nach dessen Sinne die GEMA Samples hinsichtlich Verbreitung und Vergütung verwertet. Das Stück selbst kann man sich hier an anhören, eine interessante Dokumentation des Projekts findet sich hier:

Kreidlers Aktion, in ihrer Progressivität ziemlich einzigartig, zielt auf den unterschiedlichen Einsatz eines Samples als Referenz oder Instrument, welchen das derzeitig geltende Urheberrrecht jedoch schlichtweg übergeht: indem jede Verwendung von musikalischen „Fremdanteilen“ als „Zitate“ aufgefasst wird, wird eine Grenze verwischt, die für Musikproduzenten, Komponisten, Remixer und Mash-Up-Künstlern, eben für alle Jäger und Sampler, durchaus praxisrelevant ist, gerade in einer Medienumgebung von mp3 und youtube.

Bleibt natürlich die Frage, wo dann die Grenze zwischen dem instrumentellen Einsatz eines Samples (also ohne explizite Referenz) dem als erkennbares Zitat nun zu ziehen ist? Kreidler selbst verwendete beide Einsatzformen, wie er an Minute 6:36 in der Doku angibt. Entscheidungen mithilfe des Maßstabs der binär codierten „Schöpfungshöhe“ sind sicherlich nicht mehr ganz zeitgemäß, wenn es um Fragen musikalischer Fetzen und ums „Pflaumen kopieren“ (haha!) geht, aber wie könnten Alternativen aussehen?

Als musikalische Denkbegleitung und um den Bogen wieder zu schließen, hier noch ein schöner Microsampling-Track von Akufen.

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